SZ-Interview "Jetzt bin ich wie ein Kind"

Schauspieler Omar Sharif ("Doktor Schiwago") über die Last des Älterwerdens, das schöne Leben im Hotel und die Chancen der Liebe.

SZ: Herr Sharif, wir wollen über das Älterwerden sprechen.

Sharif: Über das Alter? Ich fühle es.

SZ: Wo?

Sharif: In meiner Sexualität. In meinem Gedächtnis. Und wenn ich heute Autogramme geben soll, sagen die Leute: Für meine Mutter. Oder sogar: Für meine Großmutter.

SZ: Oh je.

Sharif: Nein, nein. Das bewegt mich. Die Mütter, vielleicht die Großmütter, sind Frauen aus meiner Generation. Sie haben mich nicht vergessen.

SZ: Wie haben Sie vor 40 Jahren über das Älterwerden gedacht?

Sharif: Wenn man mir früher einen 70-jährigen Mann vorgestellt hat, habe ich ihn gefragt: Wie können Sie noch leben? Unglaublich. Ein Wunder. Als 20-Jähriger glaubte man doch, ein 35-Jähriger sei alt.

SZ: Worauf noch blicken Sie mit 71 Jahren zurück?

Sharif: Ich habe die Vergangenheit weggeschoben. Auch die Zukunft. Ich lebe für den Augenblick. Das hat sich verändert in meinem Leben.

SZ: Ihre Jugend...

Sharif: ...an die erinnere ich mich zwar, ich will mich aber nicht erinnern. Sich zu erinnern, wäre negativ. Es wäre dumm. Jetzt könnte jeder Moment der letzte sein.

SZ: Daran denken Sie morgens?

Sharif: Als ich jung war, glaubte ich, wenn ich älter werde, werde ich ruhiger und weiser. Das Gegenteil ist der Fall. Ich bin ungeduldiger, weil mir weniger Zeit bleibt. Ich will, dass Dinge sich schneller bewegen, schneller verändern.

SZ: Soll ich schneller fragen?

Sharif: Jedenfalls will ich nicht, dass Sie mich lange aufhalten. Wenn Sie hier nur rumsitzen und nichts fragen, sage ich Ihnen: Los, fragen Sie. Weiter, weiter.

SZ: Was ist mit der Weisheit?

Sharif: Ich war weiser, als ich jung war. Jetzt bin ich wie ein Kind. Genau: nicht weise, sondern kindisch.

SZ: Erklären Sie das.

Sharif: Nein.

SZ: Doch.

Sharif: Schon Shakespeare hat in Wie es euch gefällt geschrieben: Ein Mann spielt in seiner Zeit verschiedene Rollen, er hat sieben Altersstufen. Ich stelle fest, dass alles stimmt, was ich als junger Mann über das Alter gelesen habe.

SZ: Haben Sie viel zu bereuen?

Sharif: Auch bereuen ist negativ. Ich bereue also nichts. Ich hätte sicher vieles besser machen können. Aber man hat nie wirklich die Wahl, sich in einer ganz bestimmten Situation anders zu verhalten.

SZ: Es gibt meistens zwei Möglichkeiten im Leben.

Sharif: Wenn ich morgens mit Kopfschmerzen aufwache, fälle ich doch ganz andere Entscheidungen, als wäre ich gesund. Entweder treffe ich den Menschen, der mein Leben verändert, oder ich treffe ihn eben nicht. Was aber wollten Sie mit diesem Bedauern?

SZ: Sinatra sang: Regrets, I have a few, but than again, too few to mention.

Sharif: Schauen Sie: Ich fühle mich in dieser Bar sehr wohl, ich trinke einen Café, dazu ein großartiges Wasser, ich unterhalte mich. Hier kenne ich alle. Alle kennen mich.

SZ: Sie leben in diesem Hotel?

Sharif: Ich bin Junggeselle. Das Hotelleben ist sehr angenehm. Der Concierge kümmert sich um mich, der Etagenservice bringt mir, was ich bestelle, und wenn es mir schlecht geht, besorgt mir das Hotel einen Arzt. Wenn mir langweilig ist, gehe ich in diese Bar.

SZ: Sie sollen nach Ihrer Scheidung 1965 nie länger als zwei Tage mit einer Frau zusammen gewesen sein.

Sharif: Ich hatte drei, vier Affären. Liebesgeschichten, meistens mit Schauspielerinnen während der Dreharbeiten. (Pause) Hier, nehmen Sie bitte Ihre Zeitung. Danke, dass Sie sie mir mitgebracht haben. Ich werde sie nicht lesen.

SZ: Was ist so kompliziert daran, den richtigen Partner zu finden?

Sharif: Es ist nicht so kompliziert. Ich habe bloß niemanden getroffen, in den ich mich verliebt habe.

SZ: Warum verließen Sie Ihre Frau?

Sharif: Keine Ahnung. 1962 ging ich nach Hollywood. Es war die Zeit der sexuellen Befreiung. Alle Frauen haben ihre BHs weggeschmissen, die ersten Discotheken wurden eröffnet. Ich kam aus Ägypten, einem puritanischen Land. Und in Hollywood waren alle diese Frauen. Das erschreckte mich.

SZ: Verständlich.

Sharif: Ich liebte meine Frau. Sie war in meinem Alter. Ich dachte, wenn ich sie später verlasse, würde sie zu alt sein, einen anderen Mann zu finden. Also ging ich zu ihr und sagte: Lass uns scheiden. Sie fragte: Wieso? Liebst du eine andere? Ich sagte: Nein. Aber ich befürchte, ich könnte mich in eine andere verlieben. Wir ließen uns scheiden. Gott, sofern es ihn gibt, bestrafte mich dafür.

SZ: Hat der Ruhm Sie getrennt?

Sharif: Das Leben hat uns getrennt. Sie war eine großartige Schauspielerin und arbeitete in Ägypten. Ich war für Lawrence von Arabien in den Bergen und für Doktor Schiwago im Schnee. Ich machte Filme in Jugoslawien, Deutschland, überall. Wir sahen uns kaum.

SZ: Und doch nahmen Sie Ihren Sohn mit nach Amerika.

Sharif: Wir meinten, er bekäme dort eine bessere Ausbildung. Wegen meines Sohnes habe ich keine Frau bei mir übernachten lassen. Ich wollte so eine Stiefmutter-Nummer vermeiden.

SZ: Sie waren begehrt, attraktiv, orientalisch, mythisch. Eine Frau wollte doch sogar mit vorgehaltener Pistole Sex.

Sharif: Attraktivität existiert nur in der Einbildung der Frauen. Schönheit ist ein Mythos. Man kann davon träumen. Da schwärmt sie von seinen dunklen Augen, seinen breiten Schultern, und wenn sie ihn braucht, spricht er wie ein Idiot. Ich bin nicht attraktiv. Erst, wenn man mich kennen lernt, bin ich attraktiv.

SZ: Als Sie 70 wurden, haben fast ausnahmslos Frauen über Sie geschrieben, und zwar sehnsüchtig.

Sharif: Früher war ich vielleicht schön. 1962 gab es keinen Schauspieler von exotischer Ausstrahlung. Wäre ich später auf die große Bühne gekommen, hätte ich nicht ins Idealbild gepasst.

SZ: Spielen Sie noch Bridge?

Sharif: Nein.

SZ: 1974 waren Sie Weltmeister.

Sharif: Ich kann mich nicht erinnern. Ich feiere meine Geburtstage und Siege nicht. Ich rufe meinen Sohn nicht an, wenn er Geburtstag hat, er mich nicht.

SZ: Wie viele Freunde sind geblieben?

Sharif: Meine Freunde lassen sich in drei Gruppen einteilen, und jede Gruppe ist zwei Personen stark. Mit den beiden aus der ersten Gruppe gehe ich in Konzerte, wir lieben die Musik. In der zweiten sind meine ehemaligen Bridge-Partner. Bridge ist grenzenlos. Man muss nicht intelligent sein, aber sehr logisch. In der dritten Gruppe sind die Freunde, mit denen ich auf die Rennbahn gehe. Zwei Abende in der Woche. Ich habe noch acht Pferde. Und ich spreche mit den Trainern und den Jockeys.

SZ: Regen Sie sich noch auf, wenn jemand schlecht gekleidet ist?

Sharif: So denke ich nicht. Das ist wieder eine Ihrer Fragen. Ich kleide mich blau oder grau. Ich will nicht, dass man auf mich aufmerksam wird. Ich mag es auch nicht, wenn es so hell ist wie gerade.

SZ: Man erkennt Sie an Ihrem Bart. Der ist geblieben.

Sharif: Ich trage keinen Bart.

SZ: Und was ist das?

Sharif: Das? Ah, der Moustache. Das ist kein Bart.

SZ: Das ist mehr als ein Moustache.

Sharif: Was soll das jetzt mit meinem Moustache?

SZ: Das ist Ihr Markenzeichen.

Sharif: Ach was. Als ich für Lawrence von Arabien engagiert wurde, sagte der Regisseur: Lass uns einen Moustache ausprobieren. Vorher hatte ich keinen. Der Film wurde ein Erfolg, der Moustache blieb dran. Journalisten wollen immer klare Antworten. Aber nichts ist klar.

SZ: Also, der beste Tag in Ihrem Leben wäre ein Tag, an dem Sie von der Rennbahn kommen, zufällig die Theater- und Bridgefreunde treffen, mit allen zum Essen gehen und guten Wein trinken.

Sharif: Es gibt das Beste nicht.

SZ: Aber Sie schätzen guten Wein.

Sharif: Ich liebe gutes Essen. Ich liebe guten Wein, und im Sommer suchen wir uns immer ein Restaurant mit Terrasse. Es ist viel wichtiger, an einem schönen Platz draußen zu sitzen als drinnen im besten Lokal. Das ist mein Leben.