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Neubau der Hamburger Synagoge:Jetzt erst recht

Bornplatzsynagoge in Hamburg

Die größte Synagoge in Nordeuropa soll an alter Stelle, am Hamburger Bornplatz, stilgetreu wieder entstehen.

(Foto: Staatsarchiv Hamburg)
  • Die Hamburger Bürgerschaft beschließt, die Synagoge wieder aufzubauen, die 1939 von den Nazis zerstört wurde.
  • Mit dem Plan, das Bauwerk an der gleichen Stelle, in der gleichen Dimension und im gleichen Stil wieder zu errichten, setzt Hamburg ein Zeichen gegen Antisemitismus.
  • Allerdings fügt sich daran eine Wiederaufbaudebatte und die Frage, wo der "böse" Historismus aufhört und die angeblich "gute" Moderne anfängt.

Diese schöne Trotzreaktion auf den neofaschistischen Anschlag in Halle war überfällig. Anstatt nur mit Empörungsworten Hilflosigkeit gegenüber antisemitischen Gewalttaten zu demonstrieren, wird in Hamburg gebaut. Die Bürgerschaft hat am Mittwoch, in ihrer letzten Sitzung vor der Neuwahl, als Reaktion auf den Anschlag einstimmig beschlossen, den Vorschlag des Landesrabbiners Shlomo Bistritzky zu unterstützen, die einst größte Synagoge Nordeuropas in fünf bis sechs Jahren neu zu errichten. Im Grindelviertel, so der Wunsch der jüdischen Gemeinde, soll die einstige Bornplatzsynagoge am originalen Platz in der ursprünglichen Architektur rekonstruiert werden. Dazu wurden bereits 600 000 Euro an Bundesmitteln für eine Machbarkeitsstudie eingeworben.

Das 1906 im historisierend romanischen Stil eröffnete Gebäude mit seiner 40 Meter hohen Kuppel war in der Reichspogromnacht zerstört und 1939 von den Nazis geschleift worden - auf Kosten der jüdischen Gemeinde. Nachdem die Fläche lange als Parkplatz der benachbarten Universität genutzt wurde, befindet sich dort seit 1988 ein unbeachtetes Bodendenkmal, das mit Pflastersteinmosaik den verlorenen Baukörper als Grundriss nachzeichnet. Als "starkes Symbol jüdischen Lebens" soll das imposante Gebäude in die Stadt zurückkehren - denn die jüdische Gemeinde in Hamburg wächst kontinuierlich, besitzt aber nur beschränkte Räumlichkeiten.

Natürlich ist der Wunsch, das faschistische Angriffsziel von 1938 im Stil der Vorkriegszeit neu entstehen zu lassen, eine Trotzreaktion gegen die Dogmen der Gegenwartsarchitektur, wonach man unbedingt im Stil der Zeit zu bauen habe. Deshalb hat Hamburg jetzt seine Wiederaufbaudebatte, noch ein leiser Wind unter größeren Stürmen, wie man sie vom Berliner Stadtschloss oder wegen der Rekonstruktion des Frankfurter Domviertels kennt. Aber der Streit rollt an und ist in kürzester Zeit dem altbekannten Argumentationskonflikt verfallen: Kann eine originalgetreue Rekonstruktion emotionale Wunden heilen, oder ist sie Ausdruck eines "revisionistischen Geschichtsverständnisses", wie jetzt der Vorwurf wieder lautet?

Kann man "das Gedenken hinter sich lassen"? Kritik gibt es an der exakten Rekonstruktion

Die Position von Philipp Stricharz, dem Vorstand der jüdischen Gemeinde Hamburgs, erfährt große Zustimmung der politischen Parteien. Nach Stricharz' Ansicht ist dem Versuch der Nazis, die jüdische Kultur auszurotten, vernünftig damit zu begegnen, dass man das Judentum in seiner damaligen Erscheinung wieder sichtbar macht - sonst hätte Hitler mit seiner Auslöschungspolitik ja gewonnen. Und damit spricht er im Sinne seiner Gemeinde, die sich ihr Gotteshaus in großer Einmütigkeit als rekonstruierenden Neubau mit modernisiertem Innenleben wünscht.

Miriam Rürup, die Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg, ist aber genau der große politische Konsens gegenüber der Rekonstruktionsidee suspekt. Sie glaubt, die Bornplatzsynagoge in ihrer alten Gestalt würde den Eindruck eines "Schlussstrichs" erwecken, ein Symbol sein für eine konservative Wende, die "das Gedenken hinter sich lassen" will. Sie plädiert für einen Architekturwettbewerb, der mit zeitgenössischen Mitteln die "Lücke" und "Leere" baulich thematisiert, die durch die Schoa verbrochen wurden. Der Vorgängerbau dürfe höchstens in Anleihen "zitiert" werden.

Die Grundlage dieses Streits ist der alte ideologische Konflikt der Nachkriegszeit. Damals wollte die angeblich "gute" Moderne den Spuk des "bösen" Historismus vertreiben, der symbolisch mit Faschismus gleichgesetzt wurde. Damals setzte sich eine moralische Verknüpfung durch, die bis heute wirkt. Dabei gab es diese saubere Front niemals. Ein Großteil der "modernen" Nachkriegsplaner stammte direkt aus dem Wiederaufbaustab von Albert Speer, und die wichtigsten Ahnherren der Moderne - von Mies van der Rohe über Le Corbusier bis zu Philip Johnson - haben allesamt intensiv mit dem Faschismus kollaboriert. Doch deren geistige Erben erklären heute immer wieder mit großem Aplomb ausgerechnet die Bewahrung historischer Qualitäten in der Baukultur als politisch rechts verdächtig.

Erst kürzlich brach diese zweifelhafte Diskussion wieder massiv auf, als das modernistische Architekturmagazin Arch+ die Wiederherstellung zerstörter Architektur wie am Frankfurter Römer pauschal als "Rechte Räume" denunzierte. Dabei sind richtig Rechte wohl viel eher in den Scheibenhaussiedlungen der klassisch modernen Stadtplanung zu Hause als in originalgetreu wiederaufgebauten Stadtkernen wie in Ypern, Middelburg oder Warschau. Dort heilten nach Abzug deutscher Panzer tatsächlich Wunden, indem die Planer die heute überall als Verlust beklagte Identität ihrer Städte akkurat wiederherstellten.

"Wir sind die Letzten, die sich solche Vorwürfe anhören wollten"

Und auch die zu erwartende Rekonstruktion der Bornplatzsynagoge ist in ihrer Absicht weder "böse" noch "rückwärtsgewandt" - so wenig wie die vergleichbare Berliner Initiative, die Kreuzberger Synagoge am Fraenkelufer in ihrer historischen Form neu erstehen zu lassen.

Philipp Stricharz gerät ein bisschen außer sich über die öffentlich geäußerten Unterstellungen, die jüdische Gemeinde Hamburgs wolle durch die Wiederherstellung der alten, mit starken persönlichen Erinnerungen verbundenen Synagoge "Dinge ungeschehen machen". Der Anwurf, "geschichtsvergessen" zu sein, kränke die Hamburger Juden.

Nur wer orthodox modern ist, fordert nun eine zeitgenössische Architektur

"Wir sind die Letzten, die sich solche Vorwürfe anhören wollen", sagt der Bauherr des neuen Gotteshauses. Ihm liege der Wunsch seiner Gemeinde viel näher als "abgehobene Architekten- und Historikermeinungen". Und auch die Hamburger Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt betont das besondere Gewicht, das den Wünschen der jüdischen Gemeinde zukommt. Es sei wichtig, für den Wiederaufbau eine Lösung zu finden, "die respektvoll mit der Geschichte dieses Ortes und den Wünschen der jüdischen Bürgerinnen und Bürger Hamburgs umgeht", sagt Stapelfeldt.

Doch auch im Sinn stilistischer Verhältnismäßigkeit verdienen die Hamburger und Berliner Pläne zur architektonischen Geschichtsanknüpfung keine fundamentalen Urteile. In den letzten 20 Jahren wurden zahlreiche Synagogen und jüdische Gemeindezentren in vielen zeitgenössischen Stilen errichtet: metaphorisch als Buch in Duisburg oder in Mainz als hebräische Buchstaben, als kubische Ensembles in Dresden, Bochum und München oder als steinernes "Zelt" in Regensburg. Nur wenn man orthodox modern ist, kann man ernsthaft behaupten, dass zwei historisch begründete Neubauten wie in Hamburg und Berlin-Kreuzberg den Geist der Geschichte ändern.

Das tut viel eher die fahrlässige bis ignorante Haltung, mit der vorhandene Zeugnisse der jüdischen Kultur behandelt werden. Die Reste des ältesten Tempels des reformierten Judentums in Europa, der Synagoge aus dem Jahr 1844 in der Hamburger Poolstraße, rotten seit Jahrzehnten vor sich hin. Mit städtischer Genehmigung darf sogar ein steriler weißer Designklotz für Luxuswohnungen auf die denkmalgeschützten Reste gebaut werden. Dieser bigotten Haltung, Geschichtszeugnisse an einem Ort zu rekonstruieren und sie woanders verfallen zu lassen, trotzt Miriam Rürup jetzt mit einer Initiative, die Synagogen-Ruine in ein Kulturzentrum zu verwandeln.

Und aller bisherigen Tatenlosigkeit zum Trotz findet sich für dieses Projekt endlich auch Unterstützung im Hamburger Senat. Dorothee Stapelfeldt erklärt auf Nachfrage: "Wir als Stadt wollen gemeinsam mit dem Eigentümer das Kulturdenkmal erhalten und vor dem Verfall bewahren. Unser Ziel ist es, die Reste des Tempels künftig auch öffentlich zugänglich zu machen." Vielleicht kann der Anschlag in Halle auch in diesem Fall das Gegenteil seiner Absicht befördern. Dass mit konkreten Bauvorhaben dem Antisemitismus und der politischen Geschichtsvergessenheit getrotzt wird. Eine Wiederaufbaudebatte wie beim Hohenzollernschloss braucht es dazu nicht unbedingt.

© SZ vom 14.02.2020/cag
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