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Zum Tod von Sven Lager:School of Love

Der Autor Sven Lager im Jahr 2003 in der Berliner Volksbühne.

(Foto: imago stock&people/imago stock&people)

Für immer am Pool: Der Schriftsteller, Gründer und Menschenzusammenbringer Sven Lager ist gestorben.

Von Andrian Kreye

Sven Lager ist gestorben. Es fällt schwer, das hinzuschreiben über einen, von dem man immer das Gefühl hatte, dass er noch mehr lebt, als man selbst. 1965 wurde er als Sohn einer schwedischen Kunstlehrerin und eines deutschen Malers in München geboren. Schriftsteller war sein Wikipedia-Beruf. Gemacht hat er viel mehr. Gemalt, gebaut, gegründet. 2000 kam sein erster Roman heraus. "Phosphor" handelte von einem, der sich durch Berlin treiben lässt, viel in seinem Kopf lebt und über die Liebe ins Leben findet. Zur Popliteratur der Zeit zählte man ihn, was vor allem an diesem griffigen Titel lag und am Schauplatz Berlin, auch wenn ihm das Hipstertum seiner Zeit nicht fremd, aber auch nicht eigen war.

Sein zweiter Roman "Im Gras" erschien zwei Jahre später und spielte dann auch schon in Bangkok, wohin er mit seiner Frau Elke Naters gezogen war. Die war ebenfalls Schriftstellerin, die mit ihrem Debüt "Königinnen" berühmt wurde. Beide zusammen hatten zwischen ihrem und seinem ersten Roman eine Webseite namens ampool.de aufgesetzt, die viel vorausnahm, was in den kommenden zwanzig Jahren passieren sollte.

Das war ein soziales Netzwerk, als es noch keine sozialen Netzwerke gab, Jahre vor Facebook, Twitter und Instagram. Selbst das Wort Blog kannte noch niemand. Es war ein digitales Experiment für zwei Dutzend Schriftsteller, Filmemacher, Künstler und Journalisten, die da aus allen Himmelsrichtungen, in die sie verstreut waren, Texte und Bilder zu so etwas wie einem Gemeinschaftswerk zusammensetzten. Erschien dann auch als Buch. Die Metapher war jedenfalls grandios. Als alle Welt lernte, im Netz zu surfen, hatten Sven und Elke einen Pool gebaut, um den man herumlungern konte.

Das Paar wuchs so eng zusammen, dass es eine "School of Love" gründete

Eine Weile wirkte das so, als wäre im Internet ein Bohemeleben möglich. Die Liste der Gäste war ein kleines Schlaglicht auf die Gegenwart damals: Marc Brandenburg, Rebecca Casati, Antje Dorn, Martin Fengel, Rainald Goetz, Britta Höper, Helmut Krausser, Christian Kracht, Eva Munz, Georg M. Oswald, Cathy Skene, Moritz von Uslar (der Nachrufer war auch dabei). Es war ein Fest. Sven kein Überzeuger, sondern ein Mitreißer. Der auch ein Ende fand dafür. "War schön so, gut und völlig unwichtig", schrieb er in einem der letzten Einträge. "Genau richtig zwischen allem, keine Gruppe, keine Bewegung, nur eine Verschwörung des Alltags mit der Kunst. Es war angenehm beiläufig und wichtig, so habe ich es gesehen." Dass sie da ein Modell der Zukunft ausprobiert hatten, war noch nicht abzusehen damals.

Nach Bangkok kamen sie wieder nach Berlin. Ein Buch mit Elke über die gemeinsamen Kinder. Lange hielt es die beiden nicht unter der Bleiglocke der brandenburgischen Wolken. Zwei Jahre später zogen sie nach Südafrika, nach Hermanus ein paar Autostunden östlich von Kapstadt. Dort gibt es Wale, Felsenküsten, Traumstrände und eine Schule, in die die Kinder gehen konnten. Und über all die Jahre in Berlin und in der Ferne wuchs die Familie und das Paar immer enger zusammen.

So eng, dass sie ihr Glück dringend weitergeben wollten. Als sie 2014 nach Berlin zurückkehrten, gründeten sie die School of Love, ein Kursprogramm, mit dem sie Paaren zeigten, wie man den Kleinkram überwindet, an dem so viele scheitern. Die Streitigkeiten und Nachlässigkeiten, das Schweigen und den Groll. Und über all die Zeit veröffentlichten sie auch weiter Bücher, Artikel, Radiobeiträge.

2015 dann gründeten sie das Sharehaus Refugio, eine neue Vision vom Miteinander. In Südafrika hatten sie schon so ein Gemeinschaftshaus gegründet, in dem Künstler, Musiker, Jugendliche, Verlorene einen Platz fanden. In Berlin wurde es in Zusammenarbeit mit der Berliner Stadtmission ein Haus in Neukölln mit 33 Zimmern. Flüchtlinge und Einheimische lebten dort zu gleichen Teilen. Kein Heim, sondern eine Gemeinschaft. Mit Werkstätten, Gärten und einem Gebetsraum. Glaube war Sven wichtig geworden in den letzten Jahren. Den hatten er und Elke in Südafrika gefunden. Sein letztes Buch erschien vor drei Jahren, hieß "Jeder Mensch will ankommen" und erzählte von der Arbeit mit Flüchtlingen.

Am Montag ist Sven Lager an Krebs gestorben. Er wird vielen fehlen, seiner Familie, den vielen Freunden und Fremden und Freundgewordenen - und, wenn man an Bestimmung glaubt, eigentlich auch allen, die er noch hätte treffen können.

© SZ/fxs
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