Susan Sarandon über Amerika, Sexismus und Politik Frauen an die Macht

Sie ist schön, sie ist klug, sie ist die intellektuelle Filmdiva Hollywoods: Susan Sarandon. Für "Dead Man Walking" bekam sie einen Oscar, jetzt wurde sie in Marrakesch ausgezeichnet. Ein Interview.

Interview: Susan Vahabzadeh

Die oscarprämierte Schauspielerin Susan Sarandon wurde diese Woche auf dem Filmfestival in Marrakesch ausgezeichnet. Zehn ihrer Filme liefen in der Hommage: Von Louis Malles "Atlantic City" bis Cameron Crowes "Elizabethtown". Im Interview spricht sie über Ruhm, Kinder und Präsidenten.

Susan Sarandon in Marrakesch.

(Foto: Foto: reuters)

SZ: Die Auszeichnung hier in Marrakesch ist nicht die erste für Ihr Lebenswerk - irritiert Sie die Häufung?

Sarandon: Ich bin gerne in Marrakesch - dass unterschiedliche Ideen und Auffassungen von Film aufeinandertreffen, gefällt mir. Dennoch werde ich bei Auszeichnungen fürs Lebenswerk ein bisschen nervös. Ist mein Leben schon vorüber? Ich möchte bitte nur Preise fürs Halblebenswerk! Aber es ist toll, ein fremdes Land zu besuchen, und ich finde es interessant, die Fragen nichtamerikanischer Journalisten zu hören.

SZ: Sind die so anders?

Sarandon: Ja. Erstens werden Filme in einer anderen Kultur anders gesehen. In Japan habe ich etwa nicht erwartet, dass die Anwältin, die ich in ,,Der Klient'' gespielt habe, so sehr als Mutterrolle gesehen wird - es ist ja nicht ihr Kind, das sie vertritt, aber natürlich ist das trotzdem ein Mutter-Kind-Verhältnis. Und manchmal finden die Menschen woanders, dass ein Film ein politisches Statement über den Zustand des Proletariats ist, was in Amerika niemand so gesehen hat. Obwohl ich persönlich jeden Film für politisch halte - es sind nicht nur Filme politisch, die den Status quo in Frage stellen. Jeder Film erzählt davon, was es heißt ein Mann zu sein oder was witzig ist. Ein Film, der den Sexismus bestätigt, ist politisch. Und zweitens fragen Leute im Ausland sowieso anders. Es ist in letzter Zeit etwas besser geworden, aber in den USA marschieren alle großen Medien in dieselbe Richtung. Viele Informationen bekommt man gar nicht oder ganz hinten in der Zeitung.

Politik als Sündenfall

SZ: Stimmt das Ergebnis der Kongresswahlen Sie nicht etwas hoffnungsvoller?

Sarandon: Naja. Clinton wirkt jetzt wie ein Heiliger, aber für die Gesetzgebung, die es ermöglicht, dass sechs Leute die Medien kontrollieren, ist er verantwortlich. Aber die Kernfrage ist, ob die Menschen an der Politik teilnehmen. Als ich jung war, in den Sechzigern, waren wir der Ansicht, dass man etwas bewirken kann. Du konntest auf die Straße gehen und den Vietnam-Krieg stoppen. Heute sollst du keine Fragen stellen, deine bürgerlichen Rechte aushändigen und Papa wird dich beschützen - wenn dir das nicht passt, fliegst du aus dem Paradies wie Eva. Diese Wahl lässt zumindest hoffen, dass das Volk Politiker zur Verantwortung zieht.

SZ: Würde Ihnen eine Frau an der Macht gefallen?

Sarandon: Wenn Sie authentisch wäre - man hat ja bei den meisten Politikern nicht das Gefühl, dass sie sagen, was sie glauben, sie sagen, was sie sagen sollen. Bush ist gewählt worden, weil er wirklich glaubt, was er sagt. Er wird nicht von komplizierten Gedankengängen belastet. Er ist ein Fundamentalist, und wie jeder Fundamentalist hört er nicht zu, wenn die Leute ihm etwas erzählen, was er nicht hören will. Er war nicht bei einer einzigen Beerdigung eines Soldaten, er kennt keine Empathie. Was Hillary Clinton betrifft - ich bin nicht so begeistert von ihr. Sie hat für den Irak-Krieg gestimmt. Das ist vielleicht unfair von mir, aber ich erwarte von einer Frau, dass sie besser ist als die Männer. Sie ist kein schlechter Mensch, sie ist Politikerin - und ich habe mir mehr erhofft als das. Die Menschen werden an dem gemessen, was sie sagen - keiner sagt: Aber warum hast du dann vor ein paar Jahren ganz anders entschieden? Es geht nur darum, ob der letzte Fernsehauftritt überzeugend war. Vielleicht sollte doch Warren Beatty als Präsidentschaftskandidat aufgestellt werden, das ist der richtige Job für einen guten Schauspieler.

George Bush und der Irakkrieg

SZ: Der hat wesentlich differenziertere politische Standpunkte als Bush.

Sarandon: Unbedingt! George Bush hingegen wurde von den Aufgaben als Präsident komplett überrascht.

SZ: Wie ging es Ihnen, als Sie angegriffen wurden für Ihre Haltung zum Irakkrieg?

Sarandon: Das war eine einsame Zeit. Manchmal hatte ich Angst - in der New York Post standen erfundene Geschichten über meine Kinder, mein Telefon wurde abgehört, mein Leben bedroht, man hat mich auf der Straße commie cunt genannt. Manchmal kamen auch Leute und haben sich bedankt. Aber die Message ist: Wenn jemand Berühmtes schon Ärger kriegt, wenn er den Mund aufmacht, was passiert mir dann erst? Ich war total von der Rolle, als ich damals in Spanien war - ich habe immer das Gefühl, dass es nicht sein kann, dass irgendjemand außerhalb der USA weiß, dass ich existiere, und damals wurde ich in Spanien behandelt, als wäre ich Johanna von Orleans. Ich wundere mich trotzdem, dass die Leute hier in Marrakesch wissen, wer ich bin. Mich bewegt es, dass ich in einem muslimischen Land so empfangen werde. Ich finde es gerade sehr wichtig, dass man sich nicht in Stereotypen verfängt, sondern begreift, wer die Menschen auf der anderen Seite wirklich sind.

SZ: Waren Sie schon mal in Marokko?

Sarandon: Ja, vor acht Jahren, der König war sehr großzügig, ich war mit meinen Kindern hier, es war großartig. Die waren völlig baff, dass die Menschen hier so oft beten. Der 11. September hat uns sehr berührt, wir lebten in Manhattan und haben die Türme einstürzen sehen - aber ich war trotzdem später sehr dankbar, dass meine Kinder ein bisschen mehr Horizont haben.