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Surrealist und Querkopf:Michel Piccoli wird 90 - ein bisschen Unsterblichkeit

Michel Piccoli mit Romy Schneider 1971 in Paris.

Michel Piccoli mit Romy Schneider 1971 in Paris.

(Foto: afp)

Liebe, Verlangen, Dekadenz: Michel Piccoli wusste genau, welche Filme er machen wollte. Luis Buñuel war sein Mann, "Belle de jour" ihr durchtriebenes Meisterstück.

Es kommt einem vielleicht so vor, als sei es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis im Paris der Nachkriegszeit irgendeiner Michel Piccoli fürs Kino entdeckte, in einem der verrauchten Cafés, in denen die Intellektuellen sich damals ihre Welt neu erfanden, und von denen auch Piccoli so viele kannte - Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir etwa.

Er hat aber vorsichtshalber nichts dem Zufall überlassen. Er habe, sagte er später, eine sehr genaue Vorstellung davon gehabt, welche Art von Kino er machen wollte. Und dafür war Luis Buñuel der richtige Mann.

Piccoli stand schon in den Vierzigern auf der Bühne, drehte Filme, arbeitete unablässig - und lud Buñuel ins Theater ein. Das spricht für ziemlich viel Selbstvertrauen. Aber Buñuel war damals noch gar nicht so legendär wie heute. Und ohne Michel Piccoli wäre er es vielleicht auch gar nicht geworden.

Piccoli wurde am 27. Dezember 1925 in Paris geboren, die Eltern waren beide Musiker, und dass er Schauspieler werden würde, stand wohl außer Frage, so früh fing er mit dem Spielen an.

Das Treffen mit Buñuel erfüllte jedenfalls seinen Zweck, wenn auch nicht sofort: 1956 spielte Piccoli den Priester in "Der Tod in diesem Garten". Er erinnerte sich später, wie Buñuel ihn in Empfang genommen habe, als er zu den Dreharbeiten nach Mexiko reiste: "Wunderbar, Sie haben mit der Figur nicht die geringste Ähnlichkeit!"

Er liebäugelte eine Weile mit dem Kommunismus

Piccoli begriff dann schnell, nach welchem Vorbild er den Priester formen sollte, nämlich nach dem von Buñuel: "Ich habe das beibehalten, von 'Tagebuch einer Kammerzofe' bis zu 'Gespenst der Freiheit'." Und dazwischen kamen noch "Belle de Jour" und "Der diskrete Charme der Bourgeoisie". Buñuel, der Surrealist und Querkopf, hat noch andere Filme gemacht, aber diese waren es, die ihn einem breiten Publikum zugänglich machten.

Piccoli wurde jedenfalls die Art von Schauspieler, mit der sie in Hollywood nicht viel hätten anfangen können. Dafür spukten viel zu viel Politik - er liebäugelte eine Weile mit dem Kommunismus - und vor allem viel zu viel Theorie in seinem Kopf herum. Er setzte sie um, in zerrissene, zweifelnde Figuren, die versuchen, ihr Leben zu analysieren, ihre Emotionen unter Kontrolle zu bringen: "Ich habe an meine Figuren oft bemerkt, dass ich eigentlich den Regisseur spiele. Die Regisseure delegieren ihr Geheimnis an mich."