Ausstellung in Hamburg:Trümmer der Träume

24. Sep 2021 bis
13. Feb 2022
Toyen
Ausstellung Kunsthalle Hamburg

Gemälde wie Toyens "Noc v Oceánii / Eine Nacht in Ozeanien / Night in Oceania" (1931) sind von eigener starker Farbigkeit und freier Linienführung geprägt. So zeugt die Kunst vom großen Selbstbewusstsein der Surrealistin.

(Foto: Krajská galerie výtvarného u/VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Die Hamburger Kunsthalle feiert die Wiederentdeckung der Surrealistin Toyen. Ihre Kunst birgt einige Überraschungen.

Von Till Briegleb

Sie saß in der ersten Reihe neben André Breton und Benjamin Péret, als Man Ray Fotos der Surrealisten in der Brasserie an der Place Blanche in Paris schoss, wo die Gruppe sich nach dem Krieg jeden Abend um sechs Uhr traf. Sie wurde von Breton als wichtigste Freundin in diesem Kreis bezeichnet und bezog nach dessen Tod sein Atelier. Von vielen Mitgliedern dieses Argonautenzugs für die Freiheit von Kunst und Denken sind Zeugnisse überliefert, die ihre Arbeit und Persönlichkeit in den höchsten Tönen loben. Respektvoll nannten ihre Freunde sie die "Baronin". Und trotzdem ist Toyen nahezu vergessen. Warum?

Wie kann eine zentrale Figur der surrealistischen Bewegung seit den Zwanzigerjahren, eine wunderbar eigensinnige Schöpferin, die sich nie dem Anpassungsdruck irgendwelcher dominierenden Stile und Handschriften ergab, ausgelöscht werden aus den kunsthistorischen Erinnerungen? Vielleicht genau deswegen? Weil sie als Frau zu sehr ihre Freiheit liebte, ihrem eigenen Ausdrucksvermögen vertraute, und dieses auch noch häufig wandelte? Die Frage, warum die 1902 in Prag geborene Künstlerin trotz 60 Jahren spannender Kunstproduktion in keiner Würdigung des Surrealismus zentral auftaucht, nur ein paar Sammler in Tschechien gefunden hat und nie eine detaillierte Retrospektive erfuhr, kann der umfassende Versuch ihrer Rehabilitierung in der Hamburger Kunsthalle auch nicht schlüssig beantworten. Er kann nur den Fehler zeigen.

Der Name Toyen sollte keine Rückschlüsse auf das Geschlecht zulassen

Die Haus-Kuratorin und Surrealismus-Expertin Annabelle Görgen-Lammers hat Jahre damit verbracht, Werke ausfindig zu machen aus allen Lebensphasen der Marie Čermínová - die sich abgeleitet von "Citoyen" Toyen nannte, weil das keine Rückschlüsse auf ihr Geschlecht zuließ. Und sie fand große Partner für das Projekt. Die Wiederentdeckung der tschechischen Kunstgröße hatte in Prag im Sommer die erste Station in der Nationalgalerie. In Paris, wo Toyen seit 1947 bis zu ihrem Tod 1980 lebte, übernimmt das Musée d'art moderne de la ville die Aufgabe, für das französische Publikum die aufregende persönliche und künstlerische Biografie möglichst unvergesslich zu machen. Hier ist die Kuratorin die Dichterin und Toyen-Freundin Annie le Brun, die noch in den frühen Sechzigerjahren zur surrealistischen Bewegung stieß.

24. Sep 2021 bis
13. Feb 2022
Toyen
Ausstellung Kunsthalle Hamburg

Die mit 16 Jahren von zu Hause geflohene junge Frau, hier auf einem "Porträt der Künstlerin Toyen" (um 1919), schließt sich in ihrem Freiheitsdrang anarchistischen und kommunistischen Kreisen an und schwärmt in ihren ersten erzählenden Bilder von verruchten Orten und märchenhaften Situationen.

(Foto: Christoph Irrgang)

Was genau macht diese Ausstellung nun zur Schatzinsel? Chronologisch gehängt beginnt der Rundgang durch ein Geschoss der Galerie der Gegenwart gleich mit einem ersten Beleg für die sehnsuchtsgetriebene Traumkunst von Toyen, die sie später vielfach variiert hat. Die mit 16 Jahren von zu Hause geflohene junge Frau, die sich in ihrem Freiheitsdrang anarchistischen und kommunistischen Kreisen anschließt, schwärmt in ihren ersten erzählenden Bilder von verruchten Orten und märchenhaften Situationen. Zirkus, Café, Harem und Nackttanz sind die Motive ihrer Bilder mit Anfang zwanzig, die sie in naiven bis lüsternen Fantasien ausmalt. Gleichzeitig experimentiert sie mit den revolutionären Sichtweisen der Moderne, vor allem mit Fauvismus und Kubismus, wobei ihre Adaption dieser Kunsterschütterungen von eigener starker Farbigkeit und freier Linienführung geprägt sind, die von großem Selbstbewusstsein zeugen.

Hier bereits deutet sich an, warum Toyen in dem patriarchalen Club egomaner Männer, die den Surrealismus formten und Frauen eigentlich lieber als Musen hatten, immer als gleichberechtigte Künstlerin angesehen wurde. Anbiederung ist ihr fremd. Stilerfindungen prägender Persönlichkeiten jener Zeit erkennt sie in ihrer Originalität, verwandelt sie aber stets zu einer eigenen Bildsprache, um damit ihre Haltung zur Welt auszudrücken. Sie lässt sich von den chemischen Landschaften von Max Ernst inspirieren, von den leeren Ebenen Dalís, sie experimentiert mit den zerflossenen Welten von Yves Tanguy und den Rätseln eines Magritte. Aber in allen Dialogen mit anderen Künstlern, deren Anteil man in allem Respekt erkennt, steckt bei Toyen Revolte.

Während der Okkupation übersetzt sie ihre Gefühle in Bilder voller Untiefen

Ihr großes Thema ist die sinnliche Befreiung, die sie in Landschaftsvorstellungen übersetzt. Sie unterzieht die reale Welt einer Metamorphose ins Abstrakte, erfindet Fantasieorganisches in Meerestiefen und rätselhafte Körper vor geologischen Strukturen. Ohne realistisch zu werden, lässt sie nie ganz vom Figürlichen, denn sie ist am glücklichsten zu Hause auf der Schwelle zwischen Traum und Tag. Selbst in der traumatisierenden Zeit der deutschen Okkupation in Prag ab 1939 übersetzt sie Gefühle in rauschhafte Bilder, um die Untiefen des menschlichen Wesens und seine gewalttätigen Zwänge in symbolischen Rätseln darzustellen. Sicherlich auch bedrängt durch mögliche Entdeckung dieser deutlichen Dokumente über das Morden der Nazis.

Während vor ihrem Fenster ein Schießplatz die Klangkulisse liefert, und Toyen in ihrer kleinen Wohnung den jungen Künstler Jindřich Heisler erfolgreich sechs Jahre vor dem Zugriff der Gestapo versteckt, zeichnet sie Serien surrealer Alpträume, die mit zu dem Eindrücklichsten gehören, was man seit Goyas Schreckensvisionen zum Thema der Unmenschlichkeit gesehen hat. Keine realistischen Abbilder von Terror und Gewalt sind es, mit denen Toyen Angst, Grauen und Bedrohung einfängt, sondern hohle Figuren, Tierreste, Käfige und mysteriöse Behältnisse in verheerter Leere bis zum Horizont.

Während sie in ihren Prager Jahren vor dem Krieg das Geheimnisvolle und auch Ängstigende des Begehrens dargestellt hatte, sind die ersten Jahre nach dem Krieg geprägt von der farbigen Begreiflichmachung des langen Schreckens. Ausgezehrte Menschreste und kalte Büsten mit Bienen im Gesicht, tanzende Handpuppen und Motten oberhalb einer Flut, Steingräber bis zum Horizont mit dem Titel "Vorfrühling" oder feuerrote Landschaften, aus denen Augen glühen, zeugen von der Beschäftigung mit der Angst, die man nicht mehr vergisst. Auch wenn die nie in Stil verharrende Künstlerin im nächsten Schritt ihrer Entwicklung in Paris zu weniger dramatischen "Traumtrümmern" fand - wie eine ihrer Serien mit Tiermensch-Zeichnungen aus den Sechzigern heißt.

Auch ihre Abstraktionen sind kaum verschlüsselt erotisch

Wie viele Surrealisten hat auch Toyen sich intensiv mit Marquis de Sade und seiner gewalttätig aufgeladenen Erotik fasziniert beschäftigt. Die Verbindung von Schmerz und Erregung lässt sich nicht nur dort wahrnehmen, wo sie sich explizit auf ihn bezieht, etwa im dem Gemälde "Das Schloss La Coste" von 1943, auf dem ein Fuchs-Graffiti auf der Wand von de Sades Chateau eine davor liegende Taube erwürgt. Auch in ihren abstraktesten Gemälden zerren gegensätzliche Kräfte an körperlichen Formen, die kaum verschlüsselt erotisch konnotiert sind. Und in den "pornografischen" Fantasien, die Toyen ihr Leben lang nebenbei schuf, ist das gesamte Bildrepertoire damals sogenannter "Perversionen" mit Lust und Humor in kleinen Skizzen dargestellt.

Die leidenschaftliche Künstlerin mit dem großen Hang zur Unabhängigkeit hat aber nicht nur gemalt und gezeichnet. In Prag gründete sie mit befreundeten Künstlern ein Modeatelier, wo sie Stoffe entwarfen. Sie schuf Bühnenbilder, zahlreiche Buchcover und Illustrationen zu Gedichtbänden befreundeter Surrealisten. Und sie sog das kulturelle Leben jener bedeutenden Epoche der Zerstörung und Erschaffung als Flaneurin, gute Freundin berühmter Zeitgenossen und -genossinnen, als emsige Kinogängerin und im Verschlingmodus von Magazinen, Büchern und Ausstellungen so intensiv in sich auf, dass es wirklich schade ist, dass es keine Lebenserinnerungen von Marie Čermínová gibt. Denn nach dem faszinierten Eintauchen in ihre künstlerische Reise ist das Interesse geweckt, auch ihre intellektuelle und persönliche Haltung zur Freiheit jener Jahre kennenzulernen. Denn für Freiheit scheint Toyen wirklich Expertin gewesen zu sein.

Toyen in der Kunsthalle Hamburg, bis 13. Februar 2022. Der Katalog kostet 45 Euro.

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