bedeckt München 32°

Superman-Schöpfer:Brillant, visionär, obdachlos

Superman creators Joe Shuster and Jerry Siegel

Joe Shuster (links) und Jerry Siegel, die Erfinder des Mannes, der jeden Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit gewann. Bei ihnen war das leider anders.

(Foto: The New York Post)

Die beiden Erfinder von "Superman" bekamen für ihre Idee zur mit berühmtesten Comic-Figur 130 Dollar - zusammen. Eine großartige Graphic Novel erzählt, wie sie um ihren Erfolg betrogen wurden.

Sommer 1975, in Hollywood wird gerade um die "Superman"-Filmrechte verhandelt, es fließen immense Summen auf verschiedene Konten, allein Marlon Brando bekommt knapp vier Millionen Dollar für die Anfangsszene, in der er den Vater von Superman spielt: anthrazit- weiße Frisur, leuchtende Toga, ein mächtiger Mann mit wunderschöner Frau an seiner Seite und bewunderndem Volk um sich herum. Mit ruhiger Hand legt er sein eigenes Baby in eine Art Moses-Körbchen und schickt es auf eine intergalaktische Reise ...

Während also im fernen Los Angeles ein Welterfolg geplant wird, findet ein Polizist auf seiner täglichen Streife durch Queens einen alten Mann auf einer Parkbank. Er weckt den Obdachlosen und lädt ihn in ein nahegelegenes Diner auf eine Suppe ein. En passant kommt dabei heraus, dass der hungrige Mann früher mal Zeichner war. "Ach ja, echt", sagt der Polizist darauf. "Irgendwas Bekanntes?" - "Na ja", sagt der Alte bescheiden, "ist lange her" - und er beginnt mit zittriger Hand zu zeichnen.

Diese stille New Yorker Szene bildet die Rahmenhandlung für Julian Volojs und Thomas Campis Graphic Novel über Joe Shuster, den wahren Vater von Superman. Shuster ist in Campis Zeichnungen und Volojs Text das Gegenbild zu Brandos Vater: grauhaarig, gebeugt, schüchtern, einsam. Die einzige Frau an seiner Seite war seine Mutter, die er bis zu ihrem Tod gepflegt hat - soweit ihm das möglich war: Er ist ja selbst halb blind, hatte einen Herzinfarkt, leidet unter Spasmen in den Händen und lebt seit einiger Zeit auf der Straße, weil er das immer noch besser findet, als bei seinem Bruder zur Untermiete zu wohnen. Und das alles wegen eines Stück Papiers, das er als ahnungsloser junger Mann unterschrieben hat ...

Es geht um die Geburt der Comic-Industrie im Jahr 1938 - damals herrschten harte Sitten

Dem deutschen Autor Julian Volojs fielen vor einigen Jahren Briefe des alten Joe Shuster in die Hände, Briefe, in denen der ehemalige Comiczeichner alte Freunde um Geld anbettelt und in entschuldigendem Ton seine Lebensgeschichte ausbreitet. Diese Briefe bilden die Grundlage für Volojs hervorragend recherchierte Comic-Biografie, die sich vor allem auf die Geschichte eines der dreistesten Fälle von geistigem Diebstahl konzentriert: Shuster hat in den Dreißigerjahren gemeinsam mit seinem Freund Jerry Siegel Superman erfunden. Als die beiden nach fünf Jahren endlich einen Verlag fanden, der an ihre Figur glaubte, unterzeichneten sie einen Vertrag über 130 Dollar (die sie sich teilen mussten) und traten alle Rechte an ihrer Figur ab. Dafür bekamen sie eine Anstellung als einfache Mitarbeiter (Honorar: 13 Dollar pro Seite) - und mussten bald mit anschauen, wie ihre eigene Figur abhob und mit publizistischen Superkräften andere Leute steinreich machte.

"Joe Shuster" - Graphic Novel über die Schöpfer von Superman - Juni 2018 = "80 Jahre Superman", von dt. Autor Julian Voloj (Münster)

Julian Voloj (Text) und Thomas Campi (Zeichnung): "Joe Shuster - Vater der Superhelden". Carlsen Verlag, Hamburg 2018. 176 Seiten. 20,60 Euro.

Voloj und Campi beweisen mit ihrer Graphic Novel über ihren tragischen Antihelden Shuster gutes Timing - Superman ist in diesem Jahr 80 Jahre alt. Im Frühjahr 1938 flog er seinen ersten Einsatz, in dem er ein Auto voller Verbrecher ausleerte ("and the car, itself, smashed to bits!"). Er kam in diesen "Action Comics #1" aus heiterem New Yorker Himmel und war von da an nicht mehr wegzudenken aus dem Pantheon der großen Heldenfiguren. Die Leute liebten ihn von Anfang an, bald schon erschien Superman in 90 Zeitungen, 20 Millionen Menschen lasen allwöchentlich die Abenteuer des bescheidenen Reporters Clark Kent, der nie erwähnt, wer er wirklich ist. Alle anderen Verlage zogen mit eigenen Superhelden nach, Shuster und Siegel hatten ein ganz neues Genre erfunden.

So erzählen Voloj und Campi nebenher auch von der Geburtsstunde der Comic-Industrie - und zugleich davon, wie Superman, die wahrscheinlich einflussreichste Kunstfigur des 20. Jahrhunderts, selbst ein Amalgam aus Comic- und Starfiguren seiner Zeit und ein strahlender Gegenentwurf zum Leben seiner Erfinder war.

Joe Shuster und Jerry Siegel stammen beide aus jüdischen Einwandererfamilien, die osteuropäischen Pogrome haben sie tief im seelischen Gepäck - und verschlingen als Jungen, die eher still am Spielfeldrand des Lebens stehen, die ersten Comicstrips. Der italienische Zeichner Campi zeigt den kleinen Joe Shuster einmal in einer Collage aus Comics der Zwanzigerjahre sitzend, als würde er eher in diesen Geschichten leben als in seinem Schulalltag.