Süddeutsche Zeitung

Netzkolumne:Wild, laut, zwielichtig, empörend

Lesezeit: 2 min

Kapitalismus ist das beste Entertainment. Deshalb erlebt das CEO-Biopic gerade eine kleine Renaissance.

Von Michael Moorstedt

Gerade drei Wochen ist es her, da wurde Elizabeth Holmes des Betrugs für schuldig befunden. Die einstige Vorzeigegründerin des Biotech-Konzerns Theranos ist tief gefallen. Innerhalb von wenigen Jahren wandelte sich ihr Image vom Investorendarling zur Symbolfigur für alles, was schlecht läuft in der Tech-Branche.

Das Urteil wurde also gefällt, das Strafmaß bleibt dagegen noch bis Herbst unklar. Im Raum stehen bis zu vier Mal 20 Jahre Haft. Die Unsicherheit dräut nicht nur Holmes selbst, sondern ist auch schlecht für die beinahe gleichzeitig stattfindende Fiktionalisierung ihres Falls. Denn momentan befinden sich gleich zwei Filmprojekte zur Holmes-Story in der finalen Phase der Entwicklung. Die Serie "The Dropout" startet bereits Anfang März, im Herbst kommt der Spielfilm "Bad Blood".

Das CEO-Biopic erlebt gerade eine kleine Renaissance. "WeCrashed", Start ebenfalls im März, widmet sich der Firma We Work, deren Gründer Adam Neumann durch die Vermietung von Büroräumen die Arbeitswelt revolutionieren wollte. Neumann hatte Großes vor, wollte, so heißt es, "ewig leben, der erste Billionär der Welt werden und WeWork-Büros auf dem Mars eröffnen". In der Realität schaffte er es jedoch nur, innerhalb kürzester Zeit ein paar Milliarden Dollar zu vernichten und allseits als Schnösel verachtet zu werden.

Die Serie "Super Pumped" ist dagegen als Anthologieprojekt geplant, das mit jeder Staffel ein neues Unternehmen porträtieren will. Den Auftakt macht die Gründungsstory des Fahrdienstleisters Uber und dessen megalomanischer CEO Travis Kalanick. Selbstverständlich basierend auf einer Geschichte, die, wie üblich erwähnt, nicht nur "wahr" ist, sondern neben "wild, laut, großspurig, zwielichtig, rücksichtslos, empörend" noch eine ganze Reihe weiterer Adjektive beinhaltet, die man in einfacheren Zeiten eher mit einem Gangsterfilm in Verbindung gebracht hätte.

Die momentan grassierende fixe Idee des Metaversums verdankt man popkulturellen Werken von "Tron" bis "The Matrix"

Dabei, das wissen alle, ist der Kapitalismus sowieso das beste Entertainment. Der Silicon-Valley-Film existiert inzwischen längst als eigenes Genre. Die überlappenden Leitmotive bleiben freilich die gleichen: Machtkämpfe, Frauenfeindlichkeit, Exzess, Rache, Anspruchsdenken und Effekthascherei. Die Belegschaft des Silicon Valley gehört längst zu den Archetypen postmoderner Helden. Selbst blasseste Nerds und Risiko-Investoren werden inzwischen als Stars verehrt - und dementsprechend in den Verfilmungen auch besetzt. Das Casting der kommenden Filme und Serien offenbart jedenfalls hohes Niveau. In den Hauptrollen sieht man Jennifer Lawrence, Anne Hathaway, Joseph Gordon-Levitt oder Jared Leto.

All diese Filmen und Serien haben jedoch nicht nur einen enormen Einfluss darauf, wie die Welt die Tech-Branche, sondern auch wie diese sich selbst sieht. David Finchers "The Social Network" hat das Bild der Öffentlichkeit von Facebook und Mark Zuckerberg für Jahre nachhaltiger geprägt als jede PR-Anstrengung des Konzerns selbst. Ohnehin hat eine ganze Generation von Tech-Beschäftigten nur aufgrund von "Pirates of Silicon Valley" - dem Biopic, das die Coming-of-Age-Geschichte von Bill Gates und Steve Jobs zeigt - eben dort mit der Arbeit begonnen.

Das mündet zwangsläufig in eine Feedbackschleife, in der sich Filmindustrie und Silicon Valley permanent selbst inspirieren und kopieren: Die momentan grassierende fixe Idee des Metaversums verdankt man popkulturellen Werken von "Tron" bis "The Matrix", und im Nachgang des KI-Liebesdramas "Her" wurde in der Tech-Branche erst das Konzept von sprachbasierten Nutzerinterfaces salonfähig, die praktische Anwendung existiert als Siri oder Echo inzwischen in jeder Hosentasche.

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