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"Sunburned" im Kino:Geometrie des Massentourismus

Filmstills "Sunburned" (Kinostart am 2.7.20)

Claire (Zita Gaier) und Amram (Gedion Oduo) auf Entdeckungstour.

(Foto: Camino Filmverleih)

Der Film "Sunburned" ist eine Coming-of-Age-Geschichte inmitten der trostlosen Hotelburgen Andalusiens.

Von Doris Kuhn

Ein Film über Urlaub in der Ferne, jetzt kann man im Kino wieder sehen, was viele scheinbar so schmerzlich vermissen. Wir sind in Andalusien, da, wo die Küste von den großen Hotels vereinnahmt wird. Deren Fassaden zeigt die schwedische Regisseurin Carolina Hellsgård halb von der Seite, so ist der Eindruck noch massiver - ein Rechteck neben dem andern, Balkon an Balkon, die Geometrie des Massentourismus. Sobald ihr Film an Fahrt aufnimmt, merkt man allerdings: Die All-Inclusive-Architektur ist hier noch das kleinste Übel.

In einem der Hotels sitzen drei Frauen, eine Mutter und zwei Töchter, eine Familie ohne Vater. Die Töchter sind in der Pubertät, Claire, die jüngere, dürfte etwa 13 sein. Sie ist die Hauptfigur in "Sunburned", ihre Jugend nutzt der Film, um die Umgebung mit der nötigen Unschuld vorzuführen. Durch Claires neugierigen Blick kann Hellsgård das ganze Gute-Laune-Elend der Urlaubsküste ungeniert ins Bild nehmen. Darunter fällt nachts die Dauerparty, tagsüber müssen die Kinder zum Animateur in den Tanzkurs, die Mutter trifft man in der Hotelboutique, der Strandbar, in der Liegestuhlformation am Pool. Wobei die Schauspielerin Sabine Timoteo es schafft, jeden Mutter-Zeitvertreib so blasiert zu absolvieren, dass das blaue andalusische Licht noch kälter wird.

Der Film ist kein Flüchtlingsdrama, sondern ein Drama über zwei Teenager an einem fremden Ort

Relativ schnell bleibt Tochter Claire allein. Viel Liebe herrscht nicht zwischen den einzelnen Familienmitgliedern, die Schwestern tun manchmal so fremd, als hätten sie sich gerade erst kennengelernt. Außerdem glauben die Mutter und die ältere Schwester Zoe, dass vor allem Sex einen Urlaub perfekt macht, eine kleine Claire ist da nicht hilfreich. Ausgestoßen aus dem Verbund macht sie Bekanntschaft mit Amram, einem Flüchtlingsjungen aus Senegal, der als fliegender Händler arbeitet. Der Altersunterschied ist gering zwischen den beiden, Claire behandelt ihn wie einen Kumpel, als einzige. Manche Touristen interessieren sich für Sex mit dem Jungen, obwohl er ihnen nicht mal bis zur Schulter reicht. Aber das passiert beiläufig.

Der Film ist kein Flüchtlingsdrama, sondern ein Drama über zwei Teenager an einem fremden Ort. Claire hat Probleme, Amram hat Probleme, und obwohl diese komplett verschieden sind, sind beide Kinder ähnlich hilflos. Die Regisseurin bleibt bei Claire, sie dröselt die emotionale Verwirrung einer Heranwachsenden auf, die Unsicherheit, die Wut, die Ideen zu allerhand Dummheiten.

Die Langeweile des Hotels macht Claire erst trotzig, dann verliebt, beides weckt in ihr den Wunsch, Amram zu helfen. Todernst macht sie sich ans Werk, Amram folgt ihren Plänen, schließlich hält er sie für ein Mädchen, das sich auskennt in der Unberechenbarkeit des europäischen Lebens. Er glaubt ihr, das ist ein Fehler.

Mal hat man Angst um beide, mal kann man staunen über die unterschiedliche Interpretation derselben Situation. Claire führt Amram in ein Partyspiel ein, bei dem man sich gegenseitig den Atem abwürgt, um kurz in eine Ohnmacht voller Traumbilder zu sinken. Für Claire ist das ein sonderbarer Spaß, für Amram eine völlig einleuchtende Methode, mit seiner Familie in Afrika Kontakt herzustellen.

Sie machen dasselbe Spiel, aber für ihn ist es Ernst. Das begreift Claire zum Schluss, es wird ihr erster Schritt ins Erwachsenwerden sein.

Sunburned, D, NL, PL 2019. Buch & Regie: Carolina Hellsgård. Mit Zita Gaier, Gedion Oduor Wekesa, Sabine Timoteo. Camino Filmverleih, 92 Minuten.

© SZ vom 02.07.2020

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