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Suhrkamp Verlag:Die falsche Geschichte vom neuen Investor

Das Drama um die Zukunft des Suhrkamp Verlags hält die deutsche Verlagswelt seit Jahren in Atem. Doch der "Coup", den die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer Samstagsausgabe meldete, ist schlicht falsch.

Das Drama um die Zukunft des Suhrkamp Verlags hält die deutsche Verlagswelt, Schriftsteller und Geisteswissenschaftler nun schon seit Jahren in Atem. Doch der "Coup", den die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer Samstagsausgabe unter der Überschrift "Suhrkamp Verlag kooperiert mit Stanford" meldete, war selbst für erfahrene Beobachter mehr als überraschend.

Suhrkamp

Die kalifornische Stanford University wird sich nicht am Suhrkamp-Verlag beteiligen.

(Foto: Foto: ddp)

Die kalifornische Stanford University, so schrieb Hubert Spiegel, der Literaturchef der Zeitung, erwäge nicht nur eine inhaltliche Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag, sondern wolle auch ein Drittel der Verlagsanteile erwerben. Die Investition der milliardenschweren Ivy-League-Uni, so spinnt Spiegel die Nachricht weiter, könne für Suhrkamp den "Befreiungsschlag" aus seinen anhaltenden Machtkämpfen bedeuten.

Eine amerikanische Universität als Gesellschafterin eines deutschen Belletristikverlags? - Es ist kein Wunder, dass die Geschichte so unglaubwürdig klingt: Sie ist falsch. "Nichts daran ist wahr", versicherte Steve Hinton, der Dekan der School for Humanities and Sciences, der von der FAZ als einer der Initiatoren des Einstiegs bei Suhrkamp genannt wird, am Freitagabend der SZ. "Ich bin sprachlos", sagte er, "das ist unglaublich".

Die Sprecherin der Universität, Elaine Ray, bestätigte Hintons Dementi. "Die Zusammenarbeit mit Suhrkamp wird rein akademischer Natur sein. Darüber hinaus gibt es keine Pläne."

Laut Hinton, der gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Komparatistik-Professor Hans Ulrich Gumbrecht, die Verhandlungen mit Suhrkamp führt, gehe es bei dem gemeinsamen Projekt ganz einfach darum, "Material von Stanford-Symposien und Werke von Stanford-Forschern in einer eigenen Suhrkamp-Reihe zu veröffentlichen."

Dass die Universität die Veröffentlichungen bezuschussen könnte, sei vorstellbar, habe aber nichts mit einem Einstieg bei Suhrkamp zu tun: "Es ist völlig ausgeschlossen, dass wir uns an einem Verlag beteiligen. Außerdem haben wir ja schon einen: die Stanford University Press." Selbst die Pläne für die Stanford-Reihe unter dem Suhrkamp-Label sind aber bislang vage.

Wie bei "Stille Post"

Offen ist auch, ob die Texte in deutscher oder englischer Sprache erscheinen sollen. Erst im Herbst wollen Hinton, Gumbrecht und der stellvertretende Suhrkamp-Leiter Thomas Sparr in Berlin die Verhandlungen abschließen.

Woher die falsche Information stammt, kann sich der Musikwissenschaftler Hinton, der vor allem zu deutscher Musik des 20. Jahrhunderts geforscht hat, nicht erklären: "Ich habe keine Ahnung", sagt er. Er vermutet, dass es zuging wie bei der "Stillen Post": "Jeder, der die Nachricht weitergibt, verschönert sie ein bisschen, bis sie am Ende fast nichts mehr mit der Realität zu tun hat."

Diese Vermutung trifft offenbar die tatsächlichen Verhältnisse: Entstanden ist das Gerücht wohl am Donnerstagabend, als man am Rande einer Konferenz über "Das Potential europäischer Philologie" an der Universität Osnabrück in geselliger Runde zusammensaß.

Vorausgegangen war eine Podiumsdiskussion über die Zukunft der Philologie, an der auch ein Redakteur der FAZ teilgenommen hatte. Im Hotel-Restaurant "Walhalla" muss Hans Ulrich Gumbrecht, auch er Teilnehmer dieser Tagung, seinen überraschten Kollegen erzählt haben, seine Universität überlege, sich publizistisch bei Suhrkamp zu engagieren.

Auf Nachfrage der Süddeutschen Zeitung versicherte Gumbrecht, es sei in seinen Ausführungen lediglich um eine rein "operative" Kooperation "auf der Basis von Druckkostenzuschüssen" gegangen, nie um eine Beteiligung. Dies habe er auch Hubert Spiegel gesagt, als dieser am Freitagmorgen angerufen habe, um das Osnabrücker Gerücht zu verifizieren.

Steve Hinton, der Dekan aus Stanford, fand übrigens nicht nur die Nachricht selbst überraschend, sondern auch den Umstand, dass die FAZ die Geschichte veröffentlichte, ohne seine Antwort auf eine Mail von Hubert Spiegel abzuwarten, in der dieser sich bei ihm erkundigte, was es mit den angeblichen Plänen der Universität auf sich habe.