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Suhrkamp-Empfang :Vorderbühne, Hinterbühne

Lutz Seiler liest aus einem Roman über die Ankunft im Westen. Die Nebenhandlung des Empfangs dreht sich aber um einen anderen Suhrkamp-Autor: Peter Handke.

Buchmesse

Beifall für eine Familienumkehrung – der Schriftsteller Lutz Seiler (links) beim Suhrkamp-Empfang in Frankfurt.

(Foto: Regina Schmeken)

Bloß nicht zu viel Nähe und vor allem keine Sentimentalität, schien sich Lutz Seiler gesagt zu haben, als er beim Empfang in der Frankfurter Villa des Suhrkamp-Verlages aus dem Manuskript zu seinem nächsten Roman "Stern 111" las. Der 1963 im thüringischen Gera geborene Schriftsteller hatte dazu allen Grund. Denn der Stoff seines Romans ist das Leben ihm sehr naher Personen, das Leben seiner Eltern, die sich gleich nach dem Mauerfall im November 1989 auf den Weg in den Westen aufmachten, um ein neues Leben zu beginnen. Und der Sohn, der davon berichtet, ist er selbst.

"Stern 111" ist kein Kleinplanet in den Galaxien des Westens, so hieß ein Kofferradio aus dem Stern-Radiowerk in Ostberlin. Und es passte gut in die auf der Buchmesse allgegenwärtigen Rückblicke auf das Jahr 1989, wenn Seiler auf den Arbeitsplatz seiner Mutter in der schon sehr späten DDR zurückblendete, wo im VEB Großbäckerei die nicht mehr lieferbaren Zutaten mit nicht nachlassender Energie durch etwas anderes ersetzt werden, dem irgendwann neben dem Geschmack auch der Name "Ersatz" abhandenkommt, weil er nämlich durch "Austausch" ersetzt wird.

Die Slapstick-Auftritte dieser Details sind Teil einer ernsten, aber zugleich grundkomischen Familienumkehrung. Die Eltern, jahrzehntelang in der DDR von unerschütterlicher Immobilität, verwandeln sich in atemberaubender Geschwindigkeit in Figuren der Flucht und Rastlosigkeit, der Sohn rückt in die Position von Eltern, deren Kinder das Haus verlassen.

Viel Beifall auf der Vorderbühne. Und der Verleger Jonathan Landgrebe begrüßte die anwesende literarische Republik, passend zu Seilers lakonischer Rhapsodie, maximal nüchtern, und wünschte anstelle von kunstreligiösen Erklärungen nur gutbürgerlich einen "schönen Abend".

Aber was war auf der Hinterbühne los? Immerhin ist Suhrkamp ja auch der Verlag von Peter Handke, dem frisch gekürten und sogleich hierzulande wie international heftig attackierten Literaturnobelpreisträger. Demonstrative Gelassenheit im Hause Suhrkamp auf der Vorderbühne, große Freude, aber keine öffentliche Erklärung dazu, auch wenn auf der Hinterbühne eine Nebenhandlung stattfindet, auf der der Verlag falschen Behauptungen entgegentreten will, die über seinen Autor kursieren. Nach der 2018 erschienenen Gesamtausgabe, die der Verlag jetzt natürlich stolz nach vorne rückt, werden im kommenden Frühjahr zwei weitere Bücher von Peter Handke bei Suhrkamp erscheinen, im Februar "Das zweite Schwert - Eine Maigeschichte", im Juni die Theaterszene "Zdeněk Adamec". Diese wird in Salzburg uraufgeführt werden und handelt von einem jungen Mann, einem Selbstverbrenner im Prag des Jahres 2003, an den Handke bereits im Roman "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere" (2017) erinnerte.