Süskind über Sempé Hintergründig: Angst und Melancholie

So weit reicht die Spanne von Sempés Bildern: von der kleinen Witzzeichnung bis zum metaphysischen Tableau.

(Foto: Zeichnung von Jean-Jacques Sempé)

Aber das ist nicht das Wesentliche. Sempés Porreestange, selbst wenn sie aus der semantischen Not des Zeichners geboren sein sollte, hat viel weiterreichende Bedeutung. Sie ist ein Signal. Sie sagt: "In den unsichtbaren Tiefen dieser Tasche, aus denen einzig ich mit meinem leicht verdickten und kümmerlich bewurzelten Ende rage, befindet sich noch anderes kümmerliches Gemüse, nämlich, um präzise zu sein, Zwiebeln, Karotten, Kartoffeln, weiße Rüben und das Viertel einer Knolle Sellerie, dazu vielleicht noch ein Stück durchwachsenes Rindfleisch von der Rippe oder ein Suppenhuhn."

Und der Betrachter, der als zweites Signal etwa das Handtäschchen am Arm der Hausfrau und ihr Hütchen über onduliertem Haar erkennt, sieht in Sekundenschnelle den pot-au-feu vor sich, den sie, denn es ist Samstag, ihrem Gatten in weißer Porzellanterrine zum Mittagessen servieren wird, im Salon einer kleinen Pariser Dreizimmeraltbauwohnung mit Zierkamin, Blümchentapete und einem zerrupften Kronleuchter, der von der Stuckdecke hängt. Handelt es sich bei dem komplementären Signal jedoch um ein Kopftuch, das die Hausfrau trägt, so entsteht in unserer Phantasie sogleich das Bild ihrer Souterrainwohnung oder ihres winzigen Häuschens im Dorf und darin vornehmlich der Küche mit den an der Wand aufgehängten Pfannen und Kasserollen, dem Abtropfgestell neben dem Spülstein und, auf einem leicht schmuddeligen Gasherd stehend, dem großen Aluminiumtopf, in dem das erwähnte Gemüse, geschält und in Stücke geschnitten, in zwei Litern Wasser brodelt, um anschließend, durch die blecherne moulinette getrieben, den potage zu ergeben, eine Suppe von rötlichbrauner Färbung und breiiger Konsistenz, die nun ihrerseits wieder eine ganze Kette von Assoziationen privater, aber auch soziologisch bedeutsamer Art auslösen kann.

So viel vermag eine von Sempé gezeichnete Porreestange. Dass sie darüber hinaus komisch ist, erwähne ich zuletzt und beinahe mit Verlegenheit, denn es fällt nicht leicht, diese Komik zu erklären. Wie kann ein Gemüse komisch sein? Gewiss, wenn die deutsche Bundeskanzlerin auf den Stufen des Élyséepalastes vom französischen Staatspräsidenten mit rotem Teppich und republikanischer Garde empfangen würde, und aus ihrer Handtasche lugte eine Porreestange hervor, so wäre diese Szene zweifellos komisch, aber nicht wegen der Porreestange an sich, sondern deshalb, weil sich ein Gegenstand - es könnte genauso gut ein Kochlöffel oder eine Klempnerzange sein - überraschenderweise an einem Ort zeigt, wo er absolut nichts verloren hat. Sempés Porree hingegen befindet sich an einem Ort, wo er durchaus hingehört, nämlich in der Einkaufstasche einer französischen Hausfrau. Und dennoch ist er komisch . . .

Sempés Humor ist von sehr eigener Art. Zwar kennt und meistert auch er die große und grobe Fallhöhe des Grotesken, aber er braucht sie nicht. Er kommt mit subtilerem Gefälle aus. Un léger décalage heißt eines von Sempés Alben, und im Grunde könnte dieser Titel als Motto über seinem ganzen Œuvre stehen: un léger décalage, eine kleine Abweichung, eine leichte Verschiebung, ein geringes Verrückt-Sein. Das Wort cale steckt in dem Begriff, der Keil, und gemeint ist nicht der Keil, der spaltet, sondern der Keil, der eine Sache, ein Möbel etwa oder einen Bilderrahmen, an seinem rechten Platz und in seiner unverrückten Form und Ordnung festhält und dessen Entfernung - décalage - das Wohlgefügte aus dem Lot geraten lässt.

Dieses Verrückt-Sein, oder sagen wir der Einfachheit halber, dieser Ruck, entsteht im Werk von Sempé auf die mannigfaltigste Weise. Schon in seinen frühen Zeichnungen ist er vorhanden, und sei es nur in der Disproportion der Figuren im Verhältnis zu ihrer Umgebung, in der Gegensätzlichkeit von idyllischem Bild und ätzender Bildunterschrift oder in der schon erwähnten fast manischen Hingabe ans scheinbar nebensächliche Detail. Später wird er überaus deutlich, bei den Schimären etwa, oder wenn Gottvater höchstpersönlich in Begleitung seiner Engelein am Vorstadthimmel erscheint. Oder bei jenem Ehepaar, das in der Abendsonne spazieren geht, er groß, sie klein, beide von nichtssagender Durchschnittlichkeit, ein geradezu banales Bild - jedoch: Der Schatten, den er wirft, ist klein, der ihre groß.

Und schließlich gibt es Bilder - vielleicht die schönsten -, da ist der Ruck so unscheinbar, dass man ihn zwar sofort spürt, aber kaum noch, oder erst nach längerer Betrachtung, dingfest machen kann: zwei Starkstrommasten am fernen Horizont und ein winziges Flugzeug am Himmel über einem uralten Bahnwärterhäuschen, vor dem der Bahnwärter geduldig wartet, irgendwo im Nirgendwo der Provinz; drei abgelegte Ringe neben den Tasten des Klaviers, auf dem eine junge Frau spielt; die ganz leicht nach links verschobene Pobacke einer Radfahrerin; die blau kolorierte Mütze eines Kindes in einer ansonsten nur mit schwarzer Tusche ausgeführten Zeichnung; die zwei oder drei Würzelchen am Ende einer Porreestange . . . Es können geringste Verrückungen sein, die Sempés Bilder gleichsam aus dem verkeilten Rahmen der Normalität oder der scheinbaren Harmlosigkeit kippen lassen und ihnen dadurch Komik, leisen Witz oder hinreißenden Charme verleihen.

Übrigens auch tiefe Melancholie und eine Dimension des Schreckens und der Bedrohlichkeit. Denn es ist keineswegs so, dass Sempé allein der Großmeister der Heiterkeit und des schmunzelnden Aperçus wäre. Gewiss, da gibt es Bilder, in denen sich die reine Lebensfreude spiegelt, herrliche Gemälde des Schwelgens in Stille, Sinnenlust und Pracht. Diesen stehen andere gegenüber, die den Hass und die abgrundtiefe Boshaftigkeit des Menschen zum Thema haben, insbesondere, wenn es um das Verhältnis der Geschlechter zueinander geht. Da sehen wir Biedermänner, die ihre Gattinnen auf subtil-sadistische Weise quälen oder gar, zumindest in Gedanken, zertreten und mit dem herabgerissenen Kronleuchter zerschmettern. Und ebenso biedere Damen, die ihren Ehemann wie einen Hund halten. Oder jene bürgerliche Hausfrau, die gerade mit ihrer Freundin in der Küche das Geschirr abspült und dabei durchs Fenster ihrem Mann nachblickt, der weit unten auf der Straße mit seinem Aktenköfferchen ins Büro geht... "Wenn ich ein Gewehr zur Hand hätte", so sagt sie lapidar, "ich könnte ihm glatt die Birne wegschießen."

Bei der Mehrzahl der Bilder, der Bildgeschichten und der Bildromane von Sempé ist aber eher eine hintergründige Angst zu spüren und eine Trauer über die Verlassenheit des Einzelnen und der Paare, über die Brüchigkeit der Welt, in der wir leben, und des Lebens selbst. "Zu Tisch!", ruft gutgelaunt Madame zum Fenster hinaus in die sommerliche Gartenpracht, sie hält die dampfende Suppenterrine in der Hand, der Tisch ist schon gedeckt, die Flasche Wein entkorkt; der aber, den sie ruft, Monsieur, sitzt abseits unter einer Pergola, mit wirrem Haar und gramzerfurchter Stirn, den verzweifelten Blick auf eine Schachpartie geheftet, die er unweigerlich verlieren wird, denn sein Gegner, der ihm gegenübersitzt, im rabenschwarzen Gewand und mit der Sense über der Schulter, ist kein anderer als der Tod.

So weit reicht die Spanne: von der kleinen Witzzeichnung bis zum metaphysischen Tableau. Und in dieser Spanne sind umfangen ein höchst persönlicher, höchst origineller Blick auf die Welt und zugleich eine Chronik von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart von schier Balzac'scher Fülle.

Darum genügt es nicht, ein Album von Sempé rasch im Stehen in der Buchhandlung wie ein Daumenkino durchzublättern - ach wie nett, schau wie lustig! -, nein, man muss es mit nach Hause nehmen, den günstigen Moment abwarten, wo man für eine gute Weile ungestört ist, sich in eine Ecke damit setzen, am besten auf den Boden, und es Seite für Seite anschauen, darin lesen (auch wenn es keinen Text hat) und es langsam dechiffrieren. Was für ein Gewinn, was für ein Vergnügen!