Süskind über Sempé Die Perfektion steckt im Detail

Wäre er deshalb ein Abbildner der Wirklichkeit, eine Art zeichnender Fotograf? Überhaupt nicht. Mit Realismus haben Sempés Bilder nichts zu tun. Die meisten der von ihm gezeichneten Pariser (oder auch New Yorker) Straßenkreuzungen, Gebäude, Plätze, Parks oder Cafés gibt es in der Wirklichkeit nicht, obwohl wir Stein und Bein schwören würden, sie schon einmal gesehen zu haben, und zwar genau so wie von ihm gezeichnet. Das Gleiche gilt für seine Menschen. Sie kommen uns durchaus vertraut, ja natürlich vor, obwohl sie, sei's im Detail oder im Ganzen, oft etwas grotesk Unproportioniertes haben. Sempés Kinder sind klein wie Mäuse und dennoch Kinder, wie wir sie alle kennen (und eben keine Karikaturen von Kindern). Sempés Fahrräder besitzen keine Speichen, und ihre Rahmen sind so dünn wie ein Federstrich. Seine Musiker spielen auf Geigen mit verkehrten Schalllöchern, auf Saxophonen mit verdrehten Mundstücken, auf Trompeten mit vier statt drei Ventilklappen. An seinen Klavieren, so sagte er einmal selbst, stimme nicht viel mehr als die Anordnung der schwarzen Tasten in Zweier- und Dreiergruppen.

Jedes Detail, sollte man glauben, ist bei Zeichnungen überflüssig. Nicht so bei Sempé.

(Foto: Zeichnung von Jean-Jacques Sempé)

Trotzdem sind die Klaviere, die er zeichnet - in intimen Salons, flankiert von roten Samtvorhängen, einem winzigen Mädchen mit Pferdeschwanz und einer Katze, oder auf offener Bühne als Ungetüm von Konzertflügel, dem sich der befrackte Pianist nähert wie ein Torero dem Stier -, Klaviere schlechthin, so wie seine Musiker, ob im Streichquartett oder in der Bigband, Musiker schlechthin sind. Und wer nicht wüsste oder es vergessen hätte, was Fahrradfahren eigentlich bedeutet - nämlich nicht eine Art der Fortbewegung mit Hilfe eines durch Muskelkraft angetriebenen Fahrzeugs unter Ausnutzung des Drehimpulserhaltungssatzes, sondern eine hochemotionale und psychologisch ausdrucksstarke Tätigkeit des Menschen, die sich zusammensetzt aus Mühsal und Leichtigkeit, Bedrängnis und Freiheit, Angst und triumphalem Glücksgefühl -, der halte sich an Sempés Simple question d'équilibre, eine Hommage an das Fahrrad und dessen Benutzer, die vielleicht seine elegantesten und beschwingtesten Zeichnungen enthält.

Die Illusion von Stimmigkeit in Sempés Bildern entsteht durchs Detail. Ihr großer Reiz aber entsteht durch die raffinierte Mischung und Kontrastierung jener Details - die mit größter Hingabe, beinahe kindlicher Besessenheit und oft in irrwitziger Anzahl ausgetüftelt sind -, mit Partien, wo die souveränste Andeutung vorherrscht. Landschaften, Bäume, Gewässer, aber auch Gesichter, Kleider, Schuhe werden oft nur mit sparsamsten Linien oder Pinselstrichen ausgeführt. Nicht so die Kaffeekanne älterer Bauart aus blauem Porzellan mit aufgesetztem Filterteil, die seitlich auf einem Louis-XVI-Beistelltischchen steht, nebst drei Mokkatassen, Zuckerdose und Silberlöffelchen.

Acht Striche - und fertig ist der Notenständer, perfekt als solcher zu erkennen, jedes weitere Detail, sollte man glauben, ist überflüssig. Nicht so bei Sempé. Er fügt (und zwar unfehlbar) noch eine Flügelschraube hinzu, die realiter eine Höhenverstellung der senkrechten Teleskopstange ermöglicht (obwohl er eine Teleskopstange gar nicht zeichnet), und jene winzige, über der Mitte der oberen Querstange des Pultes hinausragende stilisierte Lyra, die in der Tat bei gewissen Klappnotenständern seit über hundert Jahren als Verzierung und, bei Bedarf, zum Anklemmen eines Lämpchens dient - zwei völlig unnötige Einzelheiten, die aber dem an und für sich banalen Gegenstand zugleich Komik und Würde verleihen und dadurch das Auge des Betrachters ganz ungemein erfreuen.

Von den drei Dutzend mit rührendem Eifer gezeichneten Schraubenschlüsseln in der Werkstatt eines Fahrradhändlers bis hin zum typischen Fensterknauf der Pariser Altstadtwohnungen, der sogenannten Olive, die es an Präzision der Darstellung mit einer technischen Zeichnung aufnehmen könnte (das beherrscht er nämlich auch) - die Liste der Sempé'schen Details ist unerschöpflich, und ich will nur noch eines davon erwähnen, weil es auf unzähligen Sempé-Zeichnungen erscheint, weil es mein Lieblingsdetail ist, und weil es in seiner Bedeutung weit über das hinausgeht, was wir gemeinhin von einem Detail erwarten. Ich meine die Sempé'sche Porreestange.

Eine Porreestange bei Sempé hat meistens zwei oder drei, selten vier und nur in einem einzigen Fall acht sehr vereinzelt wachsende Würzelchen. In Wirklichkeit besitzt eine ordentliche Porreestange mindestens hundert Würzelchen, die pinselhaft dicht beieinanderstehen. Sempés Porreestangen stecken in den Einkaufstaschen oder Fahrradkörben von französischen Hausfrauen, und zwar fast immer kopfüber, das heißt mit dem bewurzelten Ende nach oben. Wer je Porree gekauft und in einer Einkaufstasche oder einem Fahrradkorb nach Hause transportiert hat (Sempé gehört gewiss nicht dazu, ich schon), weiß, dass eine solche Art des Verstauens widersinnig, unpraktisch, ja beinahe unmöglich ist, da sich die Blätter des Gemüses nach oben hin spreizen und folglich dem verkehrten Einführen in ein Behältnis widersetzen.

Es wäre, als wollte man einen Weihnachtsbaum von der Spitze her in sein Transportnetz zwängen oder einen aufgefächerten Blumenstrauß kopfüber in eine Vase stopfen. Sempé schert sich nicht darum. Seit einem halben Jahrhundert zeichnet er Porreestangen mit zwei oder drei vertrockneten Würzelchen, die falsch herum in der Einkaufstasche stecken. Nun gibt es dafür freilich eine technische Erklärung, die auch dem Drehbuchschreiber und dem Regisseur geläufig ist: Die Porreestange hat kraft ihrer herausragenden Länge als einziges Gemüse die Fähigkeit, den Betrachter auf rein visuelle Weise darüber aufzuklären, dass die Hausfrau, aus deren Tasche sie hervorlugt, soeben vom Markt kommt, wo sie fürs Mittag- oder Abendessen eingekauft hat. Und verkehrt herum steckt sie in der Tasche, weil sie sonst als Porreestange nicht mehr zu erkennen wäre, sondern, beispielsweise, mit einer noch nicht aufgeblühten Gladiole verwechselt werden könnte.

Lesen Sie auf Seite 3, welcher Ruck durch Sempés Zeichnungen geht.