Süskind-Portrait Warum sind die Menschen so aufdringlich?

Die autobiografische "Geschichte von Herrn Sommer" hingegen, als bislang letzte belletristische Arbeit Patrick Süskinds 1991 erschienen, zeichnet ein anderes Bild. Die etwa siebenjährige Hauptfigur will sich von einer Rotfichte hinabstürzen. Ein Ende soll es haben mit der ganzen ungerechten Welt. Zuvor hatte ihn in einer missglückten Klavierstunde der "Angstschweiß" überfallen. Vielleicht hätte der Knabe seine Absicht in die Tat umgesetzt, wäre da nicht zu ebener Erde plötzlich ein Zuschauer erschienen, eben Herr Sommer. Auf ihn blickte der Junge, und er dachte zurück an seine letzte Begegnung mit Maximilian Ernst Ägidius Sommer und an den Eindruck, der sich ihm seither eingebrannt hat: "So sieht einer aus, der Angst hat."

Natürlich wissen wir nicht, ob der siebenjährige Patrick nach einer Klavierstunde tatsächlich sterben wollte, und ob der Zwölfjährige tatsächlich Zeuge wurde des Selbstmords von Herrn Sommer. Wir wissen aber, dass der stumme Herr, womöglich ein Kriegsflüchtling, zu Tode kam und dass der Junge sich zuweilen ähnlich fremd unter den Menschen fühlte. Die Angst verbindet Herrn Sommer mit dem Autor und mit dessen meisten Figuren.

Patrick Süskinds Charaktere nehmen fast alle Reißaus, sie meiden die Menschen. Sie haben Angst vor Enttäuschung, Angst vor Unordnung, Angst vor dem Untergang in der Masse, Angst vor Kontrollverlust. Um "seine Ängste zu bannen", bekennt Süskind, zog er sich während der Dreharbeiten zu "Rossini" in eine italienische Klause zurück. Die Ängste, denen der Schriftsteller dort zu entgehen hoffte, lassen sich deuten als die Ängste des spätmodernen Menschen, die Ängste des ausgehenden 20. und beginnenden 21.Jahrhunderts. Vielleicht ist es ja diese vermittelte Zeitzeugenschaft, die Süskinds postmodernen Fabeln dauerhaft ein derart großes Publikum zuträgt.

Wie aber reagiert man ganz grundsätzlich auf ein solches Übermaß an Angst? Man kann schöpferisch werden und die Angst zwischen Buchdeckel pressen, oder man kann, ganz lebenspraktisch, Situationen meiden, die Unbekanntes und also Unordnung verheißen. Man wird Künstler oder misstrauischer, ursprungstreuer Einzelkämpfer, richtet sich ein im Freundschaftsnetz der Jugend. Patrick Süskind hat beide Optionen gewählt - und seine Figuren mit beiden Verhaltensweisen ausgestattet.

Jonathan Noel, der traumatisierte Wachmann aus der Erzählung "Die Taube" (1987), "mochte Ereignisse nicht." Er igelt sich in einem winzigen möblierten Zimmer ein. "Warum sind die Menschen so aufdringlich", fragt er sich und leitet daraus die Lehre ab, "dass auf die Menschen kein Verlass sei und dass man nur in Frieden leben könne, wenn man sie sich vom Leibe hielt". Als Patrick Süskind 1993 eine Laudatio auf Loriot hält, rühmt er an dessen Kunst, dass es ihr gelinge, "sich die Welt vom Leibe zu halten".