Süddeutsche Zeitung

Stuttgart:Kosten für Renovierung der Stuttgarter Oper gehen ins Zehnstellige

  • Für die Sanierung seiner Staatsoper will die Stadt Stuttgart mehr als eine Milliarde Euro ausgeben.
  • Die hohe Summe schockiert - im Zweifelsfall sei ein realistischer Betrag aber ehrlicher, als sich mit "schöngerechneten Zahlen" die Unterstützung zu sichern, sagte Kunstministerin Theresia Bauer.

Die Summe haut einen erst einmal um: Mehr als eine Milliarde Euro könnte die Sanierung der Staatsoper in Stuttgart kosten - deutlich mehr als der Problemfall Elbphilharmonie in Hamburg. Niemand bezweifelt, dass das mehr als hundert Jahre alte Opernhaus, die Heimat des legendären Stuttgarter Balletts, generalüberholt und modernen Ansprüchen angepasst werden muss. Doch dieser Betrag, so viel ist jetzt schon klar, wird in Baden-Württemberg in den nächsten Monaten zum Gegenstand heftiger Debatten werden. Am Dienstagabend haben die Stadt Stuttgart und die zuständigen Ministerien des Landes ihre Kostenschätzung vorgestellt. Nun wird spannend, ob sich dafür politische Mehrheiten finden. Stadt und Land müssen sich die Kosten teilen.

Die Stuttgarter haben sich in der Vergangenheit ja in mehrerlei Hinsicht sensibel gezeigt: zum einen, wenn Großbauprojekte wie die Bahnhofsrenovierung kostenmäßig aus dem Ruder laufen. Zum anderen, auch dafür sind die Proteste gegen "Stuttgart 21" der Beleg, können sich die Bürger vehement für den Erhalt der wenigen historischen Bausubstanz einsetzen, die es in der vom Krieg zerstörten Stadt noch gibt.

Und dass die von Max Littmann gebaute Staatsoper wertvoller ist als der 1922 eröffnete Kopfbahnhof von Paul Bonatz, dessen Seitenflügel dem umstrittenen Tiefbahnhof geopfert wurden, dürfte unzweifelhaft sein. Max Reinhardt soll die Stuttgarter Staatsoper mal als "schönstes Opernhaus der Welt" bezeichnet haben.

Man wolle sich nicht mehr "billig in so ein Großprojekt einschleichen"

Oberbürgermeister Fritz Kuhn und Kunstministerin Theresia Bauer - beide von den Grünen - hoffen, dass die Bedeutung des Theaters letztlich über den Milliardenschock hinweghilft. Man habe sich bewusst entschieden, mit einer realistische Rechnung in die Diskussion zu gehen, sagte Bauer am Dienstag. "Wir hören auf mit der Politik früherer Jahre, sich billig in so ein Großprojekt einzuschleichen, mit schöngerechneten Zahlen." Die bei öffentlichen Bauten immer wieder praktizierte Methode, erst mal den ersten Spatenstich zu setzen und dann die Kosten schrittweise nach oben zu korrigieren, soll es bei der Stuttgarter Staatsoper nicht geben. Es soll anders laufen als in München, wo die Kosten für die Sanierung des staatlichen Gärtnerplatztheaters von anfangs kalkulierten 71 Millionen auf 122 Millionen Euro kletterten. Anders als in Köln, wo die noch laufende Opernsanierung nach heutigem Stand 570 Millionen statt der ursprünglich geplanten 253 Millionen kosten wird.

Wie aber kommt es zu der Summe von gut einer Milliarde Euro? Hauptgrund ist, dass der Gebäudekomplex des Dreispartenhauses zu klein ist für die 1400 Menschen, die dort heute arbeiten. Gutachter haben den Flächenbedarf nach den heutigen Vorschriften, etwa für Brandschutz und Arbeitsschutz, ermittelt und festgestellt: Es fehlen 10 000 Quadratmeter Nutzfläche. Die sollen nun angebaut werden.

Ein stattlicher Betrag - aber kein unrealistischer

Zweiter Grund: Die Milliarde verteilt sich im Prinzip auf vier einzelne Bauprojekte, von denen das historische Opernhaus nur das teuerste ist. Der 1912 eröffnete Tempel der Hochkultur muss nicht nur baulich saniert werden, auch die Technik ist völlig veraltet und soll komplett ausgetauscht werden. Zudem gibt es hinter der Bühne keinen Platz, einen Kulissenwechsel vorzubereiten, weshalb sich die Intendanten schon lange eine moderne Kreuzbühne wünschen. Zweiter großer Posten sind Abriss und Neubau des sogenannten Kulissengebäudes - ein enormer siebengeschossiger Betonriegel, der die Oper mit dem benachbarten kleinen Schauspielhaus verbindet. Weitere gut 100 Millionen Euro sind für Umbauten am Verwaltungsgebäude und dem kleinen Schauspielhaus vorgesehen.

Das wird im Bemühen um realistische Kalkulation mit der zu erwartenden jährlichen Baukostensteigerung multipliziert. So landet man bei einem Kostenrahmen von 740 Millionen bis 960 Millionen - je nachdem, wie die Justierung nach dem geplanten Architektenwettbewerb aussehen wird. Und zu guter Letzt müssen noch etwa 100 Millionen für eine Interimsspielstätte im Norden der Stadt einkalkuliert werden.

Ein stattlicher Betrag. Doch wenn man die Größe der Bauwerke betrachtet, kein unrealistischer, wie ein weltweiter Vergleich von Opernbauprojekten des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt zeigt. Es hat damit auf eine ähnliche Debatte in Frankfurt reagiert, wo auch seit Jahren um eine Entscheidung zur Sanierung von Schauspiel und Oper gerungen wird, wobei die Schätzungen zwischen 500 und 900 Millionen Euro liegen. Die Elbphilharmonie, darauf macht das Architekturmuseum ebenfalls aufmerksam, wäre heute übrigens auch nicht mehr für 866 Millionen Euro zu haben.

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SZ vom 07.11.2019/qli
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