"Sturmland" im Kino Verstohlene Liebe

Szabi (András Sütö, l.) und Bernard (Sebastian Urzendowsky) in einer Szene von "Sturmland".

Der Film "Sturmland" handelt von der Romanze zweier Jungs. Aber Liebe zwischen Männern ist unmöglich in der ungarischen Provinz. Und dann wäre da noch ein bemerkenswerter Aspekt.

Von Josef Wirnshofer

Das Heranwachsen als Entdeckung der eigenen Homosexualität - im Kino hat sich das Sujet längst als Subgenre etabliert. Wenn aber ein junger Schwuler aus Deutschland nach Ungarn geht, um dort die Liebe zu suchen, überrascht das schon mehr. Seit Viktor Orbán 2010 zum Regierungschef gewählt wurde, geht ein gehöriger Rechtsruck durch dieses Land. Schwierige Bedingungen für Menschen, die schwul sind.

Basierend auf einer wahren Geschichte zeigt der ungarische Regisseur Ádám Császi mit seinem Kinodebüt "Sturmland" nun, welche Folgen die Liebe zwischen zwei jungen Männern dort haben kann. Der Film ist bemerkenswert, gerade wegen seiner Entstehungsgeschichte.

Der junge Ungar Szabi (András Sütö) ist die große Hoffnung seines deutschen Fußballtrainers. Doch im entscheidenden Spiel ist er nicht bei der Sache, vertändelt den Ball und fliegt obendrein vom Platz. Die Mannschaft ist enttäuscht, der Trainer frustriert. Nachdem Szabi sich in der Dusche auch noch mit seinem besten Freund Bernard (Sebastian Urzendowsky) prügelt, bricht sein Fußballtraum zusammen. Er geht zurück nach Ungarn, wo er das baufällige Haus seiner Großeltern geerbt hat. Dort will er als Imker leben, weit weg vom Fußballplatz und dem Drill, der dort herrscht. Mitten in der Einöde lernt er Áron (Ádám Varga) kennen, einen Jungen aus dem Nachbardorf. Ein wortkarger Bursche, etwas mürrisch, aber nicht unsympathisch. Er hilft Szabi, das Dach zu reparieren, bringt sein Moped wieder zum Laufen und versteht das raue Leben in der Provinz. Nach einer Flasche Wodka kommen sie sich näher - auch körperlich.

Ádám Császi erzeugt mit seiner Regie eine beklemmende Coming-out-Geschichte

Dass die beiden fast täglich Zeit miteinander verbringen, bleibt im Dorf natürlich nicht unbemerkt. Der Alltag dort spielt sich aber zwischen Arbeit, Bolzplatz und Kirchenbank ab - für zwei sich liebende Männer ist da kein Platz. Immer offener lassen die Bewohner erst Szabi, dann auch Áron ihren Ekel und ihre Abscheu spüren. Der Plan, die Bienenzucht gemeinsam hochzuziehen, das Haus zu zweit zu bewohnen - er wird zur Utopie. Als dann auch noch Bernard auftaucht, um Szabi wieder nach Deutschland zu holen, wird ihre Situation endgültig kompliziert. Die verstohlenen Blicke in der Umkleidekabine, die zugezogenen Gardinen der Nachbarn - all das war schon in unzähligen Coming-out-Filmen zu sehen. Trotzdem gelingt es Ádám Császi, seinen Film unverbraucht zu inszenieren.

Diese grau verhangenen Bilder, die feindselig wirkende Landschaft, diese ausweglose, bleischwere Provinz-Tristesse: Császi erzeugt eine Beklemmung, die zu jedem Zeitpunkt spüren lässt, wie unmöglich die Liebe zwischen diesen jungen Männern ist.

Mächtig geheim

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Da ist aber noch ein anderer Aspekt, der den Film besonders macht: "Sturmland" wurde vom staatlichen Filmfonds in Ungarn gefördert. "Als ich die Förderung beantragt habe, wurde mir in keiner Weise diskriminierend begegnet", sagte Ádám Császi der Süddeutschen Zeitung, "die Verantwortlichen haben meine Herangehensweise respektiert und nie versucht, Kontrolle auszuüben." Das klingt ungewöhnlich. Ist doch der ungarische Staat nicht dafür bekannt, sich für Minderheiten stark zu machen. Und wenn Schwule in Budapest zum Christopher Street Day auf die Straße gehen, kommt es immer wieder zu Attacken.

Ádám Császi hat mit seinem Film nicht nur Zustimmung geerntet. "Das Mainstream-Publikum ist dem Film ferngeblieben und es gab immer wieder Fälle, in denen sich Kinos geweigert haben, den Film zu zeigen", sagt er. Aber: "Wenn etwas totgeschwiegen werden soll, ist das der perfekte Grund, endlich darüber zu sprechen."

Viharsarok, Ungarn/D 2014 - Regie: Ádám Császi. Buch: Iván Szabó, Császi. Kamera: Marcell Rév. Mit András Sütö, Sebastian Urzendowsky, Ádám Varga. Verleih: Salzgeber, 107 Minuten.