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Konzertbesuche zur Coronazeit:Zuhören mit Maske - statt mit Abstand

Coronavirus - Großbritannien

Müssen Sitzmarkierungen in Konzertsälen weiterhin sein, wie hier in der Londoner Wigmore Hall? Zumindest sollte weiter kritisch darüber diskutiert werden.

(Foto: dpa)

Eine Studie befindet: Man kann Konzertsäle wieder voll besetzen, wenn sich alle an die Hygiene-Regeln halten. Sofort hagelt es Widersprüche. Doch wieso sind Bahnfahren und Fliegen ohne Abstände möglich?

Von Michael Stallknecht

Nur etwa ein Viertel der Sitze dürfen momentan durchschnittlich in deutschen Opernhäusern und Konzertsälen besetzt werden. In Bayern sind völlig unabhängig von der Raumgröße sogar nur zweihundert Zuschauer zugelassen, während es beispielsweise bei den Salzburger Festspielen schon wieder bis zu tausend sind.

Ob solche strengen Regeln überhaupt notwendig sind, daran äußert nun eine Stellungnahme des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Berliner Charité deutliche Zweifel. Der federführende Institutsdirektor Stefan Willich hält es für möglich, Zuschauerräume bereits wieder voll zu besetzen, sofern die Besucher während der Aufführung Masken tragen und über ihre Eintrittskarten nachverfolgt werden können. Nur Pausenbuffets sollte es nicht geben, sie sollten weiter geschlossen bleiben.

Widerspruch dagegen kam nur kurz nach der Veröffentlichung vom Vorstand der Charité selbst. Per Twitter teilte er mit, dass das Papier nicht abgestimmt sei und nicht die eigene Position wiedergebe. Es könne deshalb nicht als Handlungsvorschlag, sondern nur "als Grundlage einer weiteren kritischen Diskussion im Rahmen der Berliner Teststrategie" gelten, weil "die aktuelle Dynamik des Infektionsgeschehens und der damit verbundenen Risiken" nicht berücksichtigt sei.

Die Musiker sollen ihren eigenen Gesundheitszustand kritisch prüfen

Ganz richtig ist das freilich nicht, weil die Stellungnahme explizit mit Blick auf die aktuellen Zahlen argumentiert, die sie aber mit täglich 500 bis 1500 gemeldeten Neuinfektionen als "gering bis moderat" einschätzt. Seit Mai 2020 träten relevante Ausbrüche "nur noch vereinzelt" auf. Als zentrales Argument aber führt sie die Besonderheiten des Klassikpublikums in Feld, das sich nicht nur diszipliniert verhalte, sondern auch "ein aufgeklärtes Verständnis der gesundheitlichen Zusammenhänge" mitbringe.

Den Aspekt der Selbstverantwortung betont auch eine zweite, parallel veröffentlichte Stellungnahme, die das Institut gemeinsam mit den führenden Berliner Orchestern erarbeitet hat. Die Musiker sollen danach ihren eigenen Gesundheitszustand kritisch prüfen und Risikogruppen auf Verlangen freigestellt werden. Unter diesen Bedingungen hält man unter Verweis auf diverse Studien einen Meter Abstand bei Streichern für ausreichend. Für Bläser soll es dagegen bei den oft genannten 1,50 Metern bleiben.

Es ist möglich, dass Institutsdirektor Stefan Willich der Klassik besonders gewogen ist, weil er selbst auch ausgebildeter Musiker ist und von 2012 bis 2014 die Berliner Musikhochschule "Hanns Eisler" leitete. Richtig ist, dass anhaltende Zuschauerbeschränkungen für den Kulturbetrieb verheerende Auswirkungen hätten. Denn auch wenn deutsche Theater und Orchester oft staatlich subventioniert sind, bleiben sie auf Einnahmen angewiesen. Weitere Ausfälle könnten die Spielpläne bereits jetzt für die kommenden Jahre abmagern lassen. Erst recht können sich private Konzertveranstalter das Spielen unter den momentanen Bedingungen nicht leisten.

Viele Musiker empfinden es auch deshalb als gänzlich absurd, dass im Gegensatz zum Konzertbesuch Fliegen und Bahnfahren beim Tragen einer Maske ohne Abstände möglich sind. Die kritische Diskussion sollte deshalb unbedingt weiter geführt werden.

© SZ vom 19.08.2020/tmh
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