Studie:Körpererfahrung

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Psychologen der University of London haben ihren Probanden "Das Schweigen der Lämmer" als Film und als Hörbuch vorgestellt. Wer die Geschichte sah, fühlte sich stark beeindruckt. Wer sie nur hörte, hatte aber wirklich mehr davon. Mehr Thrill jedenfalls.

Von Bernd Graff

Menschen lieben Geschichten. Sie erfahren von fiktiven wie faktischen Ereignissen, die sie selber nicht unmittelbar erlebt haben. Das ist - erstens - bereichernd, es erweitert den Horizont durchs bloße Narrativ. Dies ist - zweitens - entlastend: Man war dem Geschilderten eben nicht unmittelbar ausgesetzt. Dinosaurier faszinieren zum Beispiel auch deswegen, weil sie zwar dramatische Ungeheuer, aber eben auch ausgestorbene Ungeheuer sind. Die T-Rex-Dramen kann man ohne den Stress erleben, dem T-Rex selbst zu begegnen.

Stichwort: erleben! Joseph Devlin vom Institut für Experimentelle Psychologie an der "University of London" hat mit seinem Forscherteam herausgefunden, welche Rolle Medien für das Erleben von Narrativen spielen: Reagieren Menschen stärker auf Geschichten, die sie sehen, also auf Filme, oder auf Geschichten, die man ihnen erzählt? Dazu sahen die nach Alter, Geschlecht und Herkunft bunt gemischten Probanden dieselben Szenen aus Klassikern der Literatur- und Filmgeschichte, etwa aus "Das Schweigen der Lämmer" (Harris, 1988) und "Game of Thrones" (Martin, 1991). Manche sahen diese nur, manche erlebten nur die Hörbuchversion.

Die physiologischen Reaktionen der Probanden verblüffen. Obwohl die Teilnehmer fast durchgängig erklärten, dass die Bewegtbilder sie stärker mitgenommen hätten, hatten ihre Körper viel stärker auf die Hörbücher angesprochen: Elektrodermale Aktivität, Herzschlag und Körpertemperatur zeigten stärkere Veränderungen beim Hören der Geschichten.

Wie ist das zu erklären? Obwohl die Studie in Zusammenarbeit mit "Audible" entstand, dem kommerziellen Anbieter und Produzenten von Hörformaten von Amazon, will Devlin sein Ergebnis nicht eindimensional "pro Hörbuch" verstanden wissen. So mag richtig sein, dass Filme subjektiv stärker beeindrucken. Doch deren Bilder werden geboten, man nimmt sie quasi passiv wahr. Hörer dagegen schöpfen aktiv Bilder zur Geschichte. Devlin sagt, der Körper erzähle eine andere Geschichte. Er muss ja auch emotional und kognitiv viel härter am Mythos arbeiten.

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