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Studie:Hört! Hört!

Lautsprecher

Objektiver Klang: Nigel Stanford macht Bässe als Wasserwellen sichtbar.

(Foto: Nigel Stanford)

Gibt es die "Weltsprache Musik", die alle Völker verstehen und beherrschen? Ein empirische Studie in der aktuellen "Nature" kann dies nicht bestätigen.

Von MICHAEL STALLKNECHT

Nicht nur Politiker lieben es, bei feierlichen Anlässen die kulturenübergreifende Wirkung von Musik zu beschwören. Von der "Weltsprache Musik" ist dann die Rede, die man überall gleichermaßen verstehe. Aber stimmt das überhaupt?

Eine aktuell in der Zeitschrift Nature erschienene Studie wirft ein interessantes Licht auf diese Frage. Josh McDermott vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) besuchte dafür die Tsimane, ein Volk im bolivianischen Amazonasgebiet. Erreichen kann man es nur per Kanu, Elektrizität kennen die Tsimane nicht und damit auch keinen Fernseher. Zum Radio haben sie nur gelegentlich Zugang - und damit auch zu westlich geprägter Musik. Die Tsimane singen einstimmig, kennen also keine Harmonisierung von Musik.

McDermott, der mit neurobiologischen Grundlagenarbeiten zur Akustikforschung hervorgetreten ist, wollte herausfinden, ob die Tsimane zwischen Konsonanzen und Dissonanzen unterscheiden, also wie Durchschnittseuropäer und -amerikaner Terzen und Quinten angenehmer empfinden als Sekunden oder den Tritonus. Und siehe da: Die Testpersonen stellten keinerlei qualitativen Unterschied zwischen den Intervallen fest.

Westliche Dissonanzen erweckten in ihnen keineswegs das Unwohlsein, das Vergleichsgruppen aus US-Amerikanern und aus Bolivianern mit westlicher Musikerfahrung damit verbanden.

Die Studie wirft ein Licht auf die aktuell auf vielen Gebieten diskutierte Frage nach dem Verhältnis von Natur und Kultur, also dem, was beim Menschen angeboren und was kulturell geprägt ist. Dabei scheint das auch im musikalischen Bereich eine latente Wegscheide zwischen den "zwei Kulturen" zu erzeugen, der mathematisch-naturwissenschaftlichen Forschung auf der einen und der kulturwissenschaftlichen auf der anderen Seite.

Bereits der antike Philosoph Pythagoras hatte postuliert, dass sich die klassischen Konsonanzen wie Oktave, Quarte und Quinte in Verhältnissen kleiner rationaler Zahlen ausdrücken lassen, also in der Ordnung der Natur liegen. Bedeutende Mathematiker wie Galileo Galilei oder Leonhard Euler übernahmen die Idee in die Wellentheorie des Klangs, indem sie darauf hinwiesen, dass die Wellen zueinander konsonanter Töne häufiger gemeinsame Schnittpunkte haben als die dissonanter Töne, bei der Quinte zum Beispiel im Verhältnis 3:2, während das "Teufelsintervall" Tritonus schwache 45:32 erreicht.

Als wichtiges Indiz gilt auch die im Barock erstmals beschriebene Obertonreihe, nach der jeder natürliche Klang seine wichtigsten Konsonanzen besser hörbar enthält als die Dissonanzen. Im 19. Jahrhundert postulierte der Physiker Hermann von Helmholtz, dass sich bei dissonanten Intervallen mehr Obertöne aneinander reiben als bei konsonanten.

In der jüngsten Zeit haben Naturwissenschaftler immer wieder Hinweise entdeckt, dass das Konsonanzempfinden angeboren sein könnte. So zeigte ein älteres Paper in Nature, dass bereits zwei Monate alte Kinder sich länger mit Konsonanzen beschäftigen als mit Dissonanzen. Selbst bei manchen Affen- und Vogelarten hat man die Unterscheidung nachzuweisen versucht. Nicht auszuschließen ist allerdings, dass im Westen geborene Babys bereits im Mutterleib durch die europäische Klangtradition geprägt werden.

Kulturwissenschaftler weisen dagegen schon länger auf die gewaltige Vielfalt der weltweiten Musikkulturen hin. Fragt man etwa den Musikethnologen Tiago de Oliveira Pinto, der am Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena lehrt, dann sagt er, dass ihn die Studie nicht überrasche. Er verweist auf Gruppen aus dem portugiesischen Alentejo, die beim gemeinsamen Singen Klänge erzeugen, die für den Durchschnittseuropäer nicht gerade angenehm klingen, oder darauf, dass in der indonesischen Gamelan Musik manche Gongs so eng zueinander gestimmt sind, dass sich die Töne hart aneinander reiben.

Die Verwendung der Obertonreihe zur Erzeugung von Mehrstimmigkeit kennt man dagegen auch von den südafrikanischen Xhosa oder aus dem zentralasiatischen Kehlkopfgesang. Was alle Kulturen teilten, so Oliveira Pinto, sei, dass sie ein Schönheitsempfinden für Musik ausbilden, Klänge also prinzipiell in schön und hässlich unterteilen.

Für die Tsimane tippt Oliveira Pinto, dass sie mit dem Konzept mehrerer gleichzeitiger Töne wenig anfangen könnten. Zwar zeigt McDermotts Studie, dass die meisten der indigenen Hörer die Mehrstimmigkeit wahrnahmen und auch einen Sensus für die Reibung eng beieinander liegender Töne hatten. Aber ein nach westlicher Tradition harmonisiertes Tsimane-Lied fanden sie genauso schön oder hässlich wie eine Version, die für die Vergleichsgruppen voller Dissonanzen steckte.

Bemerkenswert an McDermotts Studie ist, dass hier ein aus der neurobiologischen Forschung kommender Wissenschaftler die klassische musikethnologische Perspektive zu bestätigen scheint.

Wer von der "Weltsprache Musik" spricht, sollte also wissen, dass er damit unter Umständen einen verkappten Kulturimperialismus verfolgt. In der Praxis erfolgreich ist der sowieso. Das zeigt nicht nur die rasante Adaptierung der abendländischen Klassik in China oder Japan. Es zeigt sich auch darin, dass mit dem Verbreitungsgrad westlicher Medien Völker wie die Tsimane immer seltener werden und damit vielleicht bald nichts mehr zur Klärung solcher Fragen beitragen können.

© SZ vom 25.07.2016

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