bedeckt München 27°

Rassismus-Debatte:"Es wird schmerzhaft"

Saraya Gomis, 27.02.2020

Saraya Gomis bei der Pressekonferenz in Berlin zu den Reaktionen der Bundeskonferenz der Migrantenorganisationen auf die Anschläge von Hanau.

(Foto: Reiner Zensen/imago images)

Strukturellen Rassismus gibt es auch in Deutschland. Die Antidiskriminierungs-Expertin Saraya Gomis erklärt, wie gesellschaftlicher Wandel aussehen müsste - und woran er scheitert.

Saraya Gomis leistet Antidiskriminierungsarbeit unter anderem als Vorständin beim Empowerment-Verein Eoto (EachOneTeachOne). Bis 2019 war sie außerdem drei Jahre lang die Antidiskriminierungsbeauftragte des Berliner Senats und setzte sich gegen Rassismus an Schulen ein. Durch ihre langjährige Erfahrung weiß sie, was gegen strukturellen Rassismus unternommen werden sollte und was einer Veränderung im Weg steht.

SZ: Frau Gomis, in der Rassismus-Debatte wird gerade wieder häufig vom "strukturellen Rassismus" gesprochen. Was ist damit gemeint?

Saraya Gomis: Rassismus als Struktur ermöglicht, dass Ungleichheit legitimiert und damit "normalisiert" wird. Wir sprechen da vor allem von historisch etablierten Machtverhältnissen, die wir zum Beispiel aus der deutschen Kolonialgeschichte kennen und die wir auch heute - bewusst oder unbewusst - weitergeben.

Wie erkennt man diese Machtverhältnisse?

Wir erkennen sie in Bereichen der Arbeit, des Wohnens oder bei der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit. Aber beispielsweise auch anhand der Geschichten, die in Filmen oder in Medien erzählt werden. Dort werden rassistische Bilder reproduziert, die wir historisch bereits kennen. Nichtweiße Menschen sind etwa häufiger Objekte statt Subjekte, ihnen wird dann in der Geschichte eher geholfen, sie sind aber nicht selbst die Helden. BIPOC (Black, Indigenous und People of Color; Anm. d. Red.) -Künstlerinnen und -Künstler, -Journalistinnen und -Journalisten leisten bereits wichtige künstlerische Arbeit, um neue Bilder zu schaffen, erhalten aber eher keinen Posten als Intendantin oder Ressortleiter.

Wie müsste sich in diesem Fall die Erzählweise im Kulturbereich verändern?

Auch nichtweiße Menschen wollen sich in Darstellungen in unterschiedlichen Rollen wahrnehmen können und nicht nur in den bekannten Kategorien dargestellt werden. Zum Beispiel werden sie oft in eher negativ konnotierten Berufen abgebildet. Außerdem werden Zielgruppen in der Regel homogen weiß gedacht. Es muss aber auch Geschichten geben, die kein weißes Publikum adressieren. Für weiße Menschen ist es übrigens auch ein Verlust, dass sie diese Geschichten nicht lesen oder sehen können.

Nach jahrelanger Antidiskriminierungsarbeit: Wie bewerten Sie die Bereitschaft zu gesellschaftlicher Veränderung?

Wir haben es immer wieder mit Mechanismen zu tun, die strukturelle Veränderungen entschieden abwehren - eine Logik von Rassismus: Rassismus ist immer mit Macht und Herrschaftsstrukturen verknüpft. Und damit geht es auch immer darum, diese zu verteidigen. Das wirft die große Frage auf, wie unsere Gesellschaft generell strukturiert ist - und da wird es natürlich schmerzhaft.

Saraya Gomis

Saraya Gomis arbeitete drei Jahre lang als erste Antidiskriminierungsbeauftragte für den Berliner Senat.

(Foto: Nicolas Premier)

Wie äußern sich diese Abwehrmechanismen?

Wenn in einer Debatte zum Beispiel rechtsextrem geprägte Begriffe wie "Deutschenfeindlichkeit" genutzt werden, um darauf hinzuweisen, dass es auch Rassismus gegen weiße Menschen gäbe, dann entlarvt das zum einen, wer als "deutsch" gesehen wird und wer nicht. Zum anderen sagt dies viel über unser Rassismusverständnis aus. Natürlich können weiße Menschen in einer weißen Gesellschaft sehr viele Diskriminierungen erleben, aber sie sind nicht von strukturellem Rassismus betroffen.

Wann tritt struktureller Rassismus im Alltag auf?

Es geht dabei unter anderem um Diskriminierung auf institutioneller Ebene. Institutioneller Rassismus wird definiert als kollektives Versagen einer Organisation, Menschen aufgrund ihrer sogenannten Hautfarbe - sogenannt, da es sich um ein rassistisches Konstrukt handelt - ihrer Herkunft, Religion oder Ähnlichem eine angemessene und professionelle Dienstleistung bereitzustellen. Historische Beispiele dafür sind etwa die Beschulungspraxis bzw. Nichtbeschulungspraxis der Besatzungskinder, also Schwarzen Kindern in Deutschland in der Nachkriegszeit oder auch die Ausländerklassen der 60er Jahre. Auch heute noch findet institutionelle Diskriminierung statt. Auch, wenn einzelne Personen innerhalb einer Institution eine bestimmte Menschengruppe nicht absichtlich benachteiligen wollen.

Also ist die Intention hinter der Diskriminierung gar nicht entscheidend?

Es geht vor allen Dingen darum, welchen Effekt eine Handlung oder eine Regelung hat, wie beispielsweise beim Ausschluss aus einem Verein. Wenn dieser Effekt eine Benachteiligung von bestimmten Gruppen aufgrund von Rassifizierung ist, dann sprechen wir von rassistischer Diskriminierung. Diese Definition ist hilfreich für eine professionellere gesellschaftliche Debatte.

Wie hilft sie?

Sie führt die Diskussion davon weg, wie jemand etwas gemeint haben könnte.

Entscheidend ist also wirklich nur, wie etwas beim Empfänger ankommt?

Das Empfinden ist für mich persönlich und auch in der Beratungsarbeit relevant, die Antirassismuskonvention der Vereinten Nationen spricht jedoch lediglich vom Effekt. Wenn also demnach als Effekt eine rassistische Beleidigung oder Abwertung stattfindet, ist es unerheblich, ob sie so gemeint war oder nicht. Es bleibt rassistische Diskriminierung. Deshalb müssen wir lernen, wie sich Diskriminierungen bemerkbar machen und welche Funktionen sie haben.

Wie kann man lernen, Diskriminierungen zu erkennen?

Indem man zunächst Wissen über Diskriminierung und deren Funktionsweisen erlangt, um dies auch anwenden zu können - sei es im Gerichtssaal, im Unterricht oder bei der Polizei. Dazu brauchen wir zunächst eine kontinuierliche rassismuskritische Ausbildung, damit wir eine professionelle Auseinandersetzung in den verschiedenen Arbeitsbereichen führen können.

Aber wie bringt man Diskriminierung ins Bewusstsein, wenn sie doch zum Teil unbewusst entsteht?

Es geht um Professionalisierung und nicht um Sensibilisierung. Sensibel sein ist ein individueller Akt. Als Institution, als Land habe ich ein Interesse daran, dass Menschen, die für mich arbeiten, ein klares professionelles Verständnis haben, völlig egal, ob sie sich persönlich mit Diskriminierung beschäftigen möchten oder nicht. Und dazu müssen sie über die entsprechenden Kompetenzen verfügen, auch um angemessene Maßnahmen gegen Diskriminierungen entwickeln und umsetzen zu können.

Man müsste also anders über Missstände sprechen?

Die Diskussion muss über Betroffenheitsgeschichten hinausgehen, denn wir kennen Berichte von Diskriminierung schon seit Jahrzehnten. Wenn wir uns nur bestimmte Teilbereiche anschauen, kommen wir nicht allumfassend an die Ungleichverhältnisse heran. Deshalb werbe ich für die Komplexität. Häufig höre ich, dass Menschen die Komplexität nicht aushalten könnten und wir deshalb die Thematik schön vereinfachen sollen. Ich glaube, dass das paternalistisch ist und wir sehr wohl komplexe Debatten führen können.

Wie müsste man den gesellschaftlichen Diskurs also weiterentwickeln, wenn man Fortschritt will?

Gerade wird viel über Schwarze Menschen gesprochen, als sei das eine homogene Gruppe. Es gibt aber Schwarze Jüdinnen und Juden, Musliminnen und Muslime, Christinnen und Christen sowie Atheistinnen und Atheisten. Wir haben eine große LGBTIQ-Community, Menschen mit und ohne Papiere, Menschen, die hier geboren oder eingewandert sind. Wir müssen mehr über die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Ungleichheitsverhältnissen sprechen, denn Menschen sind häufig nicht nur von einer Diskriminierungs-Kategorie betroffen. Die Diskriminierung, die Schwarze Frauen etwa auf dem Arbeitsmarkt erfahren, basiert auf Rassismus in der Verwobenheit mit Sexismus, um nur ein Beispiel zu nennen.

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz gibt es bereits seit 14 Jahren. Nun wurde kürzlich in Berlin ein Antidiskriminierungsgesetz verabschiedet, um auch Institutionen zur Verantwortung ziehen zu können. Sind dies erste Schritte in Richtung Gleichberechtigung?

Gesetze sind erst einmal eine Möglichkeit, dass sich Menschen, die Benachteiligung erfahren, gegen diese Diskriminierung wehren können. Es ist gut, dass europäische Vorgaben in Berlin nun erstmals umgesetzt worden sind. Das Antidiskriminierungsgesetz macht es aber zunächst mal nur leichter, den Rechtsweg gegen institutionelle Diskriminierungen einzuschlagen. Wir wissen aber aus der Erfahrung von Beratungsstellen, dass sich Menschen häufig nicht trauen oder über die finanziellen Mittel verfügen, ein Gerichtsverfahren aufzunehmen. Vielleicht muss ich von der Gegenseite Dinge über mich hören oder lesen, die mich verletzen, vielleicht erfahre ich auf meinem Arbeitsplatz Maßregelung dafür, dass ich Diskriminierung anspreche. Ein Gesetz kann nicht die einzige Maßnahme sein.

Wie könnte man Machtverhältnisse aufweichen?

Wenn wir über Rassismus sprechen, können wir uns nicht nur auf spezifische lokale Gegebenheiten begrenzen, sondern müssen auch immer den globalen Kontext mitdenken. Indem wir verstehen, dass beispielsweise das Sterben im Mittelmeer oder die Klimagerechtigkeit direkt mit uns zu tun haben, können wir diese Debatten zusammenführen und nicht länger voneinander trennen, so komplex das auch sein mag.

© SZ
Mohrenstrasse

SZ Plus
Rassismus
:Straßenkampf

Warum heißt die Mohrenstraße in Berlin eigentlich so? Und vor allem: Sollte man das nicht schnell ändern? Ein erinnerungskultureller Kassensturz.

Von Hilmar Klute

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite