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Streit um Welfenschatz:Millionenschweres Kirchengold

Erben jüdischer Händler aus den USA fordern von der Bundesrepublik den Welfenschatz zurück. Aber was genau ist dieser Schatz: NS-Raubkunst oder "national wertvolles Kulturgut"?

Von Carolin Gasteiger

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Berliner Welfenschatz

Quelle: dpa

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Zunächst einmal ist der Begriff irreführend. Stammt doch der Welfenschatz im eigentlichen Sinne nicht von den Welfen-Fürsten, sondern aus kirchlichen Beständen. Unter dem Welfenschatz versteht man kirchliche Kunstgegenstände, die der früheren Stiftskirche St. Blasius zu Braunschweig gehörten - und die allesamt aus dem Mittelalter stammen. Ursprünglich umfasste die Sammlung 138 Objekte, die im Laufe der Jahre und Jahrhunderte immer wieder aus Stiftungen zusammenkamen. Der Welfenschatz ist einer der wertvollsten Kirchenschätze des Mittelalters.

Im Bild: Eilbertus-Tragaltar aus dem 11. Jahrhundert

Berliner Welfenschatz

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Darunter finden sich vorwiegend Goldschmiedearbeiten, Kreuze, Monstranzen, Reliquiare, also Behältnisse für Reliquien, sowie Heiligenfiguren. Allesamt kirchliches Kunsthandwerk, das zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert entstand.

Zu den berühmtesten Objekten zählen ein Reliquiar, also ein Behältnis für Reliquien, aus dem Jahr 1175, das die Form einer Kreuzkuppelkirche hat (im Bild). Außerdem ein Welfenkreuz (siehe Bild sechs) sowie der sogenannte Eilbertus-Tragalter, den der gleichnamige Kölner Goldschmied 1150 anfertigte.

Welfenschatz

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Aber warum heißt er Welfenschatz? Im 17. Jahrhundert ging die Sammlung in den Besitz des ältesten europäischen Adelsgeschlechts. 1671 holte Herzog Johann Friedrich den Schatz nach Hannover. Zunächst blieb er im Braunschweiger Dom, bis ihn der abgesetzte Welfenkönig Georg V. im 19. Jahrhundert ins Exil nach Österreich mitnahm. Zwischendurch versteckte man ihn vor Napoleon sogar im Londoner Tower.

Im Bild: Büstenreliquiar des heiligen Cosmas

Berliner Welfenschatz

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In der Weimarer Republik, kurz vor der Weltwirtschaftskrise, brauchte auch der Adel Geld. Herzog Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg versuchte, die verbliebenen 82 Sammlungsobjekte zu verkaufen - und rechnete mit 24 Millionen Reichsmark. Leisten konnte sich das damals jedoch kein deutsches Museum, also musste er nach anderen Interessenten Ausschau halten. 1929 kam er mit vier jüdischen Kunsthändlern aus Frankfurt überein. Zacharias Max Hackenbroch, Isaak Rosenbaum, Saemy Rosenberg und Julius Falk Goldschmidt übernahmen den Welfenschatz für knappe acht Millionen Reichsmark, also zu einem Drittel des ursprünglich erwünschten Kaufpreises. In den darauffolgenden Jahren verkauften sie etwa die Hälfte der Sammlung in die USA.

Im Bild: Sirenen-Aquamanile (um 1230) und Löwen-Aquamanile (1. Hälfte 13. Jahrhundert). Aquamanile sind Wassergefäße, die zur Handwaschung dienten.

Berliner Welfenschatz

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1935 erwarb schließlich der preußische Staat die verbliebenen 42 Kunstgegenstände für 4,25 Millionen Reichsmark. Die jüdischen Händler seien damals von den Nazis zum Verkauf gezwungen worden, sagen die Erben. Der Schatz wurde damals im Berliner Schlossmuseum ausgestellt, dem heutigen Kunstgewerbemuseum in der Nähe des Potsdamer Platzes. 1957 wurde schließlich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gegründet und der verbliebene Welfenschatz ging in deren Besitz über. Bis heute ist die Sammlung dort zu sehen - als eine der beliebtesteten Attraktionen der Berliner Museenlandschaft.

Im Bild: Muttergottes mit Kind aus dem Lüneburger Ratssilber (um 1510)

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Quelle: Arne Psille/AFP

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Jezt ist der Welfenschatz wieder umkämpft. 2008 erhoben in den USA lebende Erben der damaligen Händler erstmals Ansprüche auf die Kunstobjekte. Diese lehnte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ab und stellte sich erstmals in einem Restitutionsfall quer. Schließlich wurde die Limbach-Kommission als Schlichtungsstelle angerufen. Und wehrte die NS-Raubkunst-Vorwürfe 2014 ab.

Im Bild: ein verziertes Kreuz aus dem 11. Jahrhundert

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Quelle: AP

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Mehr noch: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ließ den Welfenschatz am 6. Februar dieses Jahres in das Verzeichnis national wertvoller Kulturgüter aufnehmen. Die Objekte können dadurch nur noch mit Zustimmung von Kulturstaatsministerin Monika Grütters ins Ausland ausgeführt werden. "Das Land Berlin hat erkannt, welche Bedeutung dieser größte deutsche Kirchenschatz für unsere Kulturnation besitzt", sagte Stiftungspräsident Hermann Parzinger dazu. Aber dieser Bedeutung sind sich auch die in den USA lebenden Erben der jüdischen Kunsthändler bewusst. Und seines Wertes: Die Kläger schätzen ihn auf 260 Millionen Euro.

Im Bild: der reich verzierte Kopf des heiligen Blasius aus dem 14. Jahrhundert

Mit Material der Agenturen

© SZ.de/jana/rus

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