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Streit um Verschleierung:Vollverschleierung - es geht um ein Weltbild, nicht um Stoff

Verschleierte Muslima

Hat, wer die eigene Verhüllung kontrollieren muss, noch die Macht über seinen Körper?

(Foto: imago/epd)

Wer glaubt, Verschleierung sei einfach nur Ausdruck religiöser Zugehörigkeit und habe nichts mit Unterdrückung zu tun, ist ganz und gar schiefgewickelt.

Die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer wusste, was passieren würde, als sie 1970 im Bundestag erschien - in Hosen. Sie hatte sich den cremefarbenen Zweiteiler eigens zugelegt, weil der damalige Bundestagsvizepräsident Richard Jaeger so vehement dagegen war, Frauen in Beinkleidern ins Parlament zu lassen; dass sie überhaupt drinsaßen, hat ihm wohl schon gereicht.

Es gab dann großes Geschrei im Bundestag, und auch draußen wurde hitzig debattiert, ob dieser Aufzug nun ein Angriff auf die Würde des Parlaments oder der Frauen an sich war. Bothmer bekannte sich später zum Rock, der Hosenanzug war nur eine Provokation.

Es war durchaus im Sinne der Gleichberechtigung, die Hosen anzuziehen. Hosen bieten eine Form der Bewegungsfreiheit, die Bleistiftröcke nicht hergeben. Deswegen muss man als Frau nicht dauernd Hosen tragen. Was immer man aber trägt, als Mann oder Frau, ist ein Statement.

Islam

Die verschiedenen Kopftücher muslimischer Frauen

Die Kleidung, die ein Mensch sich aussucht, drückt etwas aus, und wenn es nur ist, dass ihm Äußerlichkeiten egal sind. Man sucht sich aber seine Anziehsachen nicht immer selbst aus. Die CDU-Innenminister haben in der vergangenen Woche ein Verbot von Burkas an bestimmten Orten gefordert, in Schulen und im Straßenverkehr beispielsweise. Das ist nicht so ungewöhnlich, wie es im ersten Moment erscheint - auch in Deutschland gibt es jede Menge Verordnungen, wer wo was tragen soll. Polizisten dürfen im Dienst die Uniform nicht gegen selbstgebatikte Nachthemden tauschen, Krankenschwestern folgen einer ganzen Liste von Vorschriften, von den Fingernägeln bis zu den Schuhen.

Sittsam verhüllt sollten Frauen sein, ja - aber meist auch sexy

Was aber als Konvention oder Mode gilt, global und seit Tausenden Jahren, wird unterschiedlich geregelt und kommt dann doch oft zu ähnlichen Ergebnissen. Sittsam verhüllt sollten Frauen sein, ja - aber meist auch sexy und sehr oft bewegungsunfähig, als sei das oberste Gebot aller Mode, jede Flucht zu unterbinden: von den gebundenen Füßen in China über europäische Korsette und Reifröcke bis zu Abaya, Niqab und Burka: Für Frauen wurden immer wieder Kleider erfunden, die ihre Bewegungsfreiheit einschränken. So eine Abaya verhüllt nicht nur, sie will auch dauernd sortiert und zusammengehalten werden, ihre Trägerin ist damit beschäftigt, angezogen zu bleiben. Das beraubt sie der Macht über ihren Körper.

Verhüllung drückt in der Tat etwas aus - ein Problem mit dem weiblichen Körper nämlich, der entweder zu verführerisch ist oder generell unrein; auf jeden Fall macht man ihn am besten unsichtbar. Das widerspricht so ziemlich allem, was sich die Frauen in den westlichen Ländern in den vergangenen hundert Jahren erkämpft haben. Auch hier waren eine ungebändigte Mähne, nicht hochgesteckt, oder nackte Knie einmal ein Skandal. Oder eben ein Hosenanzug, wie ihn die verruchte Marlene Dietrich gelegentlich trug.

Haben die Eroberung des Hosenanzugs und die Verschleierung etwas miteinander zu tun? Nur in dem Sinne, dass beide Statements sind - das Frauenbild, das diese Statements transportieren, ist aber nicht dasselbe. Es mutet seltsam an, dass der Popstar-Ausrüster Dolce & Gabbana seit Monaten eine Abaya-Kollektion hat. In Deutschland wurde das nicht weiter zur Kenntnis genommen, in Frankreich aber, wo die Debatte um Verschleierung schon seit einigen Jahren hitzig geführt wird, hat sich das Designer-Paar damit nicht überall beliebt gemacht.