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Streit um Stiftung preußischer Kulturbesitz:Prunk und Knausrigkeit

Museumsinsel, Mitte, Berlin, Deutschland *** Museum Island, Mitte, Berlin, Germany

Blick auf die Häuser der Berliner Museumsinsel. Sie ist ein Standort der Staatlichen Museen zu Berlin, die zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehören.

(Foto: imago images/Schöning)

Taugen die Vorschläge zur Auflösung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz? Und wie überwindet man "strukturelle Über­forderung"?

Von Jens Bisky

Vor einem Jahr hat Angela Merkel die James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel eröffnet. Die Architektur des teuren Eingangsgebäudes lässt den Verdacht der Anspruchslosigkeit gar nicht erst aufkommen. Hier gilt's der Kunst, das lassen wir uns was kosten. Und die Museumsgebäude ringsum bergen in der Tat Einzigartiges. Wenn dereinst, in fünf Jahren vielleicht, die Sanierung des Pergamonmuseums abgeschlossen ist, wird sich der Neugierige hier tagelang vergnügen können und dennoch immer wieder Neues entdecken. Für die Bildungsangebote in acht sehr unterschiedlichen Sammlungen auf der Insel sind aber bloß vier Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorgesehen, die Nationalgalerie muss mit anderthalb grundfinanzierten Stellen auskommen, am Kulturforum sind es auch nicht mehr. Nur über Drittmittel gelingt es den Staatlichen Museen zu Berlin der Not im alltäglichen Betrieb ein wenig abzuhelfen.

So steht es im Gutachten des Wissenschaftsrates über die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. An diesem Freitag soll er beraten und Empfehlungen beschließen. Wesentliches ist bereits vorher bekannt geworden (SZ vom 8. Juli). Die Stiftung, zu der neben den Staatlichen Museen (15 Sammlungen, vier Institute), die Staatsbibliothek, das Geheime Preußische Staatsarchiv, das Ibero-Amerikanische Institut und auch das Staatliche Institut für Musikforschung gehören, könne ihre Aufgaben nicht angemessen erfüllen, die Dachstruktur und die gemeinsame Verwaltung seien dysfunktional. Die Stiftung sei unterfinanziert, die Zahl der Mitarbeiter zu gering.

Beim Museum des 20. Jahrhunderts wurden Kostenexplosionen durchgewunken, als spiele Geld keine Rolle

Historisch hatte die Stiftung zwei Aufgaben. Nach dem Krieg galt es, kulturelle Hinterlassenschaften des aufgelösten Freistaats Preußen in West-Berlin zusammenzuführen, nach 1990 waren die Einrichtungen aus beiden Stadtteilen zu vereinigen. Die Gutachter empfehlen, sich von der historisch bedingten Logik - der Vermögensverwaltung des preußischen Kulturbesitzes - zu verabschieden und die Museen, die Bibliothek, das Archiv und das Ibero-Amerikanische Institut als selbständige Stiftungen weiterzuführen.

Dass die Stiftung dringend reformiert werden muss, ist kein Geheimnis. Über ihre Auflösung hätten Bundestag und Bundesrat zu entscheiden. Das Gutachten liefert viele Argumente dafür. Und doch wäre es gut, einige Fragen schärfer zu stellen. Etwa die nach der Verantwortung dafür, dass die größte, von Bund und Ländern gemeinsam getragene Kultureinrichtung der Republik so lahmt. Offenkundig hat der Stiftungsrat seine Aufgaben nicht erfüllt.

Es war ein politischer Fehler, dass der Bund die enormen Baukosten übernommen hat, ohne zugleich für die auskömmliche Finanzierung des Betriebs zu sorgen. Es war ein Fehler, die Struktur des Humboldt-Forums, dessen Hauptakteure das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst sind, lange in der Schwebe zu halten und dann so zu gestalten, wie sie jetzt ist. Das Gutachten charakterisiert sie als komplex, aufwendig und konfliktanfällig. Für aberwitzig viel Geld ist die James-Simon-Galerie errichtet worden, beim geplanten Museum des 20. Jahrhunderts wurden Kostenexplosionen durchgewunken, als spiele Geld keine Rolle, während in vielen Gebäuden notwendige Sanierungen aufgeschoben wurden, der Ausstellungsetat der Museen viel zu gering ist, Depotflächen fehlen und, während ständig neue Aufgaben hinzukamen, immer weniger Stellen grundfinanziert wurden. In jüngster Zeit sind zusätzliche Mittel bewilligt worden, ein Investitionsprogramm für Sanierungen ist in Arbeit, dennoch scheint hier etwas schief.

Wie werden sich die Bundesländer zur Stiftungsauflösung stellen? Sie haben nicht nur nach dem Krieg Bücher und Bilder bewahrt, sondern auch seit Jahrzehnten für die Stiftung gezahlt. Empfohlen wird, dass sie im Stiftungsrat der zu gründenden Stiftung Staatliche Museen vertreten sein werden, aber nicht mehr zur Finanzierung beitragen müssen. Eine Ausnahme wäre in dieser Konstruktion das Land Berlin, doch sollen, anders als jetzt, die Bundeszuweisungen nicht mehr an die Berliner Mittel gekoppelt werden. Man kann sich auf Diskussionen über Kulturföderalismus freuen. Berlin steht vor der Riesenaufgabe, die städtische Kultur nach den Corona-bedingten Verheerungen halbwegs am Leben zu halten. Wie groß wird die Neigung sein, sich künftig stärker für die Staatlichen Museen zu engagieren?

Die Energie für den Neuaufbau der Verwaltungen wird in der inhaltlichen Arbeit fehlen

Im Entwurf der Stellungnahme fällt ein Ungleichgewicht auf. Obwohl alle unter ähnlichen Beschränkungen und der dysfunktionalen Gesamtstruktur leiden, stellt der Wissenschaftsrat etwa der Bibliothek oder dem Archiv ein gutes Zeugnis aus.

Besonders zurückgeblieben und enttäuschend erscheint dagegen die Arbeit der Staatlichen Museen. Das war nicht immer so. Unter dem einfallsreichen, omnipräsenten Peter-Klaus Schuster befeuerten sie die kulturelle Neuerfindung Berlins. Seit Michael Eissenhauer 2008 die Generaldirektion übernahm, wirken sie überwiegend behäbig, trotz einiger Ausnahmen im Ganzen uninspiriert und uninteressant. In keiner der Debatten über Museen, Provenienz, Digitalisierung, Kolonialismus ist Eissenhauer aufgefallen.

Dass die Direktoren der einzelnen Museen kein eigenes Budget haben, ist nicht länger hinzunehmen. Aber muss man, das zu ändern, die Stiftung auflösen? Wie lässt sich verhindern, dass dann die Einrichtungen auf ein Jahrzehnt überwiegend mit sich selbst beschäftigt sein werden?

Im Jahr 2004 hat der Wissenschaftsrat der Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen einen Neuanfang empfohlen. Damals argumentierte er gegen die "Versäulung", das beziehungsarme Nebeneinander der Einrichtungen.

In Berlin dagegen soll jetzt auf Autonomie gesetzt werden. Für beide Lösungen lassen sich Argumente finden. Aber wird das Ibero-Amerikanische Institut als An-Institut der Staatsbibliothek stürmische Zeiten unbeschadet überstehen? Beschleunigt oder bremst die institutionelle Neuordnung die Sanierungsarbeiten für Bibliothek und Archiv? Wird die Energie, die es für den Neuaufbau der Verwaltungen braucht, nicht in der dringend notwendigen inhaltlichen Arbeit fehlen? Und gehörte, im Fall der Auflösung der Stiftung, nicht das Humboldt-Forum zwingend in die neue Museumsstiftung?

So wie es ist, darf es in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nicht bleiben, schon weil sie offenkundig nicht in der Lage war, ihre Probleme öffentlich und politisch erfolgreich auf die Tagesordnung zu setzen. Das Gutachten bietet den willkommenen Anlass, seit 1990 anstehende Debatten zu führen. Auch kulturpolitisch, auch in der Hauptstadt, kann man nicht alles haben. Besser wenige, gut arbeitende Einrichtungen als immer neue, die sich bloß von Krise zu Ernstfall retten.

© SZ vom 10.07.2020

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