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Streit um Rückführung alter Kunst:Ja!

Bitte gebt die Nofretete zurück!

Es war eine kleine, präzise kalkulierte Bemerkung, mit der der Leiter der ägyptischen Antiken-Verwaltung in die Festtagsstimmung in Berlin platzte. Wo man doch jetzt so einen schönen Austausch auf den Weg gebracht habe und die Präsidenten Deutschlands und Ägyptens gerade die sensationelle Ausstellung "Ägyptens Versunkene Schätze" eröffneten, so Hawass sinngemäß, könne man doch mal über die Nofretete reden. Er jedenfalls hoffe auf einen "Besuch" der Büste im nächsten Jahr, wenn das Deutsche Archäologische Institut in Kairo seinen 100. Geburtstag feiert. Zwei Tage später klang die Forderung nicht mehr so kompromisslos, aber noch immer provozierend: Die Nofretete, so Hawass, solle nur für drei Monate am Nil gezeigt werden, als Leihgabe. Ägypten werde sich dafür mit einem schönen Stück revanchieren, ganz sicher werde sich doch eine Einigung finden lassen, denn sonst, so Hawass drohend, könne sich dies negativ auf die ägyptisch-deutsche Kooperation in der Archäologie auswirken.

Ägypten steht nicht allein. Griechenland fordert seit Jahrzehnten die Rückgabe des Parthenon-Frieses aus dem British Museum in London. Die Türkei bringt immer wieder mal die Herausgabe des Pergamonaltars auf der Berliner Museumsinsel ins Spiel. Äthiopien verlangt den Magdala-Schatz zurück - Königskronen, Kreuze, Kelche, die britische Soldaten 1868 nach dem Überfall auf die

Stadt Magdalla auf Elefanten und Maultieren abtransportierten und die heute in der British Library zu sehen sind. Und das, so warnen Museumsleute von Paris bis Berlin, ist nur die Spitze des Eisberges.

Dass, nach der Verabschiedung der Unesco-Konvention zum Schutz von Kulturgütern und nach dem Erlass oft strenger Antiken-Gesetze in den Herkunftsländern, jene Stücke zurückgegeben werden müssen, die in der jüngeren Zeit verschleppt wurden - darüber herrscht inzwischen weitgehend Einigkeit. Selbst Michael Brand, der Direktor des Getty Centers in Los Angeles, der unlängst erklärte, man zeige zwar Objekte ungeklärter Provenienz, aber dies zu Nutzen und Frommen der amerikanischen Öffentlichkeit, lenkte nun ein (SZ vom 18. Mai). Das Getty Center will Griechenland geraubte Antiken zurückgeben.

Aber was ist mit den anderen Stücken? Den Kostbarkeiten, die oft seit mehr als einem Jahrhundert die Öffentlichkeit begeistern? Die als Preziosen der Weltkultur verehrt, erforscht und geschützt werden? Die sich doch eigentlich längst vom engen Kontext ihres Herkunftslandes gelöst haben? Es hätte des Vorstoßes vom Nil nicht bedurft - und auch nicht des zusehends schrofferen Umgangs mit jenen Museen, die nach wie vor Raubkunst ankaufen -, um zu ahnen: Eben das - sich von ihrer Herkunft abzulösen - haben sie nicht getan. Der Parthenon-Fries mag der Welt gehören, aber in den Augen der Griechen gehört es zuallererst Griechenland. Selbst jene Länder, die erst zu Nationalstaaten wurden, nachdem sie ihrer Schätze längst beraubt waren, erheben Ansprüche auf Objekte, die sich die Kolonialherren einst in schönstem Einvernehmen gegenseitig verehrten, was selbst nach damaligem Verständnis nicht immer ganz "legal" war. Es liegt ein gewisses Paradox darin, dass jene Stücke, die heute als herausragende Symbole nationaler Identität gelten, diese Prominenz oft erst im Ausland erreicht haben, aber das nimmt den Forderungen nichts von ihrer Schärfe und Berechtigung.

Denn Museumsdirektoren, die den Herkunftsländern kleingeistigen Nationalismus vorwerfen und leidenschaftlich die Unversehrtheit einer einzigartig gewachsenen Museumslandschaft verteidigen, ignorieren großzügig, dass sie ihre Sammlungen auf den Trümmern sehr viel glanzvollerer Stätten errichtet haben - wie etwa im Fall des Pergamonaltars. Und zu einem stimmigen kulturellen Ensemble fügen sich die fremden Stücke am neuen Ort ja auch nur so lange, wie man die geografische Lage, das historische Umfeld, die gesamte originäre Topografie ignoriert. An der kunstvollen Fassade des Wüstenschlosses Qasr Mschatta in den klimatisierten Sälen der Museumsinsel kann sich nur derjenige erfreuen, der nie auf der windgepeitschten Ebene in der Nähe der jordanischen Hauptstadt Amman stand, wo sich die wehrhaften Trutzburgen der Omajjaden wie Kieselsteine ducken. Und das Ischtar-Tor auf der Berliner Museumsinsel entfaltet seine überwältigende Wirkung nur, wenn man über die groteske Deplatziertheit babylonischer Baukunst im märkischen Sand eisern hinwegsieht.

Niemand wird deshalb das Ischtar-Tor abmontieren, und die Warnungen, dass Griechen, Italiener oder Türken den Museen am Ende nur noch leere Regale überlassen, ist Propaganda. Bislang hat Griechenland weder die Venus von Milo vom Louvre zurückgefordert noch die Nike von Samothrake. Es sind einige wenige Objekte, an denen sich der Streit entzündet, aber die lässige Überheblichkeit, mit der westliche Museumsleute die Forderungen der einst Geplünderten jahrzehntelang abgeschmettert haben, lässt sich nicht mehr aufrechterhalten. Je länger sie sich dem Wunsch widersetzen, die Stücke - wie im Falle der Nofretete - zumindest leihweise an ihren Ursprungsort zurückzuschicken, wo einige überhaupt noch nie gezeigt wurden, desto stärker wird der Verdacht, dass es gar nicht um die ideale Präsentation geht, sondern um Besitzstandswahrung. Angesichts der Tatsache, dass die Griechen inzwischen ein Akropolis-Museum bauen, spricht noch weniger gegen die Zusammenführung des Parthenon-Frieses in Athen.

Der aufklärerische Anspruch der Häuser in Paris oder London, der sich ohnehin stets auf die westliche Öffentlichkeit beschränkte, lässt sich im Zeitalter der Billigflieger und der Globalisierung nicht mehr aufrechterhalten. Die Kunstliebhaber dieser Welt sind längst nicht mehr darauf angewiesen, dass die Schätze zu ihnen kommen, so einfach können sie inzwischen selbst die Kunst besuchen.

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