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Streit um "Panoramafreiheit":Private Fotos landen auf kommerziellen Plattformen

Obwohl bereits diese Kunst bestehende Schranken für Zitat und Satire gesprengt hatte, war die damit verbundene Herausforderung für das Urheberecht gering: Solange sich der Rechtsbruch auf die Nische der Avantgardekunst beschränkte, schien kein größeres Umdenken erforderlich zu sein. Und außerhalb dieser Nische beschränkte sich die Nutzung urheberrechtlich geschützter Werke auf private Sphären. Urlaubsfotos von Gebäuden und Kunstwerken schafften es bestenfalls ins Familienalbum, das Video von der Hochzeit verstaubte im Regal.

Internet und digitaler Technologien befördern hier eine doppelte Entgrenzung: Erstens nutzen mehr Menschen mehr Werke auf vielfältigere Weise, und zweitens werden diese völlig selbstverständlich öffentlich zugänglich gemacht. Private Fotos und Videos landen zunehmend auf kommerziellen Plattformen wie Youtube, Facebook und Flickr. Tausende Menschen tanzen zu Harlem Shake, Happy und Gangnam Style, nur um das Ergebnis auf Video zu bannen und ins Netz zu stellen.

Im 21. Jahrhundert sind wir nämlich alle Appropriationskünstler. Wir erstellen und teilen ständig Fotos und Videos, in denen Werke anderer nicht nur als urheberrechtlich erlaubtes, "unwesentliches Beiwerk" - wie es vom Gesetz gefordert ist - sondern an zentraler Stelle vorkommen. Natürlich vergnügen sich die Happy-Tänzer vor den schönsten Gebäuden und Kunstwerken ihrer Stadt. Genau das ist ja die Idee, beziehungsweise eine der im Internet allgegenwärtigen Ideen, die auf Einbindung, Verfremdung oder Vermischung bestehender Werke basieren.

Zur Person

Leonhard Dobusch, 35, forscht als Juniorprofessor für Organisationstheorie an der FU Berlin zur Urheberrechtsregulierung und bloggt bei netzpolitik.org.

Im US-Copyright gibt es die Regelung "Fair Use"

Wie es ja zum Beispiel auch bei Memes der Fall ist, also bei den mit Sprüchen versehenen Fotos und Videoschnipseln aus Filmen, die längst zum festen Bestandteil der Kommunikation in sozialen Netzwerken geworden sind. Oder bei Musik-Mash-ups, Klangcollagen aus fünf, zehn oder mehr verschiedenen Songs, die sich auf Youtube und Facebook großer Beliebtheit erfreuen, aber mangels Rechteklärung nicht gekauft und nicht im Radio gespielt werden dürfen. In allen diesen Fällen haben wir es mit kreativer Appropriation zu tun. Und für die ist im europäischen Urheberrecht bislang kein Platz.

Im US-Copyright gibt es hingegen mit der Regelung "Fair Use" schon heute ein Instrument, das dem Urheberrechtsextremismus der alten Gesetze und der Rechteinhaber einen Riegel vorschiebt. Anstatt spezifischer und unflexibler Schranken, erlaubt Fair Use die Nutzung von Werken Dritter immer dann, wenn die herkömmliche Verwertung eines Werkes nicht bedroht, öffentliches Interesse gegeben und ein neues Werk entstanden ist. Anstatt über die Einschränkung von Panoramafreiheit sollten die EU-Abgeordneten besser diskutieren, ob eine ähnliche Regelung nicht auch in Europa Voraussetzung für eine offen-digitale Gesellschaft ist.