Streit um Fantasy-Bücher:"Hütet euch vor dem Teufel im Text"

Jahresrückblick - Harry Potter Verkauf

Fantasy-Literatur wie Harry Potter könne die sensiblen Hirne junger Kinder schädigen, sagt ein britischer Schuldirektor.

(Foto: dpa)

Shakespeare statt Harry Potter: Ein englischer Schuldirektor warnt vor Fantasy-Literatur.

Von Alexander Menden, London

Warnungen vor dem verderblichen Einfluss als ungeeignet eingestufter Erzählungen auf junge Hirne gibt es vermutlich schon, seit vor Jahrtausenden irgendein Mammutjäger seine Jagdstorys am Lagerfeuer derart blutrünstig ausmalte, dass der Stammesälteste einschritt und mahnte: "Deine Geschichte enthält zutiefst unsensibles und suchterzeugendes Material, und ich bin sicher, dass es bei Kindern schwierige Verhaltensweisen fördert!"

"Hütet euch vor dem Teufel im Text"

So betrachtet, steht Graeme Whiting in einer langen Menschheitstradition. Der Gründer und Direktor der Acorn School im englischen Gloucestershire hat sich in einem Blogeintrag auf der Website seiner Schule mit genau diesen Worten dagegen gewandt, Kindern Zugang zu "unpassenden Bildern oder Texten" zu gewähren. Während er hier noch kaum auf nennenswerte Gegenrede treffen dürfte, lässt dann doch die Literatur aufmerken, die Whiting als besonders schädlich empfindet: die Harry-Potter-Romane, den "Herrn der Ringe", die "Tribute von Panem" und das Gesamtwerk Terry Pratchetts. "Sie alle können ohne besondere Lizenz erworben werden, und können das sensible Unterbewusstsein der Hirne junger Kinder schädigen, von denen sich viele in die Statistik psychisch kranker Kinder einreihen werden", schreibt er.

Kinder haben laut Graeme Whiting "keine denkenden Gehirne", die bekommen sie "frühestens mit 14". Als Kur rät der besorgte Direktor, sich den "altmodischen Werten traditioneller Literatur" zuzuwenden. William Wordsworth, John Keats, Percy Bysshe Shelley, Charles Dickens und William Shakespeare - bei diesen Autoren könne man Zuflucht suchen vor "dunkler, dämonischer" Fantasy-Literatur. "Hütet euch vor dem Teufel im Text", schließt Whiting. "Wählt Schönheit für junge Kinder!"

Britische Medien jeder Couleur von Daily Mirror bis Daily Telegraph berichten erstaunlich ausführlich und überwiegend kritisch über den Appell. Selbst das Boulevardblatt The Sun, das sonst Blogeinträge von Privatschuldirektoren eher selten als Nachrichtenquelle heranzieht, spekuliert, Mr. Whitings Schule werde nach seinen fantasyfeindlichen Äußerungen demnächst womöglich der offizielle Status als "hervorragende Lehranstalt" entzogen.

Gegenüber Shakespeares Gewalt-Szenen ist Harry Potter Schonkost

Im Guardian antwortet Samantha Shannon, Autorin der futuristischen "Bone Season"-Reihe, auf Graeme Whitings Kritik, indem sie sich Werke der von ihm bevorzugten Schriftsteller vornimmt. Vor allem, dass ausgerechnet Shakespeare geeigneter für Kinder sein solle als die inkriminierten Fantasy-Romane, will ihr nicht recht einleuchten. Sie vergleicht "Harry Potter und der Feuerkelch" mit Shakespeares "Titus Andronicus". Während sich im Roman der Zauberer Wurmschwanz die Hand abschneidet, um seinen Herrn Voldemort reinkarnieren zu helfen, wird bei Shakespeare die Römerin Lavinia vergewaltigt und dann verstümmelt, indem man ihr die Hände abschneidet und die Zunge herausreißt: Rowlings Grausamkeit sei "nicht ganz in derselben Liga", findet Samantha Shannon. Dennoch wisse sie Whitings Warnung sehr zu schätzen: als Konzentrat der "Logik von Diktatoren und Bücherverbrennern, dass Einbildungskraft nur dann zu blühen vermag, wenn man sie in einen Käfig sperrt".

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