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Streit um die Volksbühne:Theatermacht

Nicht alle Berliner Intendanten sind empört über die Personalie Chris Dercon. Einige sehen sich sogar als Profiteure, etwa an der Schaubühne. Nur eines ärgert sie: dass für die Volksbühne plötzlich so viel Geld da sein soll.

Von Christine Dössel

Die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gleicht einer Trutzburg, einer gewaltigen Festung mit dem Signum "Ost" oben drauf, scheinbar uneinnehmbar. Ihr Pendant im Berliner Westen, die Schaubühne am Lehniner Platz, ist dagegen ein einladend freundlicher Bau, runde Schaufenster-Fassade ohne Ecken und Kanten. Man sieht ihr an, dass sie einmal ein Kino war. An den Tischen auf dem Vorplatz tummelt sich Jungvolk.

Es läuft das Festival "F.I.N.D.", jenes Festival für internationale neue Dramatik, das seit 15 Jahren neue Stücke aus aller Welt vorstellt. Wie zum Beispiel an diesem Abend die "Apple Family Plays" von Richard Nelson aus New York. In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Es ist der Abend, an dem alle schon wissen, dass der Museumsmann Chris Dercon nun tatsächlich als Nachfolger von Frank Castorf an die Volksbühne berufen wird. Was von schulterzuckendem "Mal sehen" bis hin zu wütender Erregung die unterschiedlichsten Reaktionen hervorruft.

Einer, der sich über diesen "massiven Eingriff in die Kulturpolitik" sehr aufregt und von "Rüpelhaftigkeit" spricht, ist zum Beispiel der Schaubühnen-Dramaturg und Theatertheoretiker Bernd Stegemann. Es rattert nur so aus ihm heraus, wenn er das Theater als einen von der Gemeinschaft finanzierten Ort mit konkretem "Polis-Bezug" beschwört. So sei die Aufschrift "Ost" auf der Volksbühne stets ein Bekenntnis gewesen für das, was dort entsteht, für den Geist und die Programmatik dieses Hauses im städtischen Zusammenhang. Sagt Stegemann. Durch die "Kuratorenkunst" drohe hingegen Beliebigkeit, Abbau von festen Strukturen, im Neoliberalismus nenne man das "Verflüssigung". Wie viele andere befürchtet Stegemann, dass aus der Volksbühne ein "Abspielort" gemacht werde, "wo all die Sachen gezeigt werden, die überall auf der Welt sowieso schon gezeigt werden". Ad-hoc-Produktionen, die einer ganz bestimmten Form von "postmoderner Abstraktion" entsprächen - der lettische Regisseur Alvis Hermanis nennt so was die "Festival-Ästhetik" -, austauschbar zwischen Berlin, London, Wien. Ensemblearbeit ermögliche ganz andere Ästhetiken, sagt Stegemann: "Aber das erfordert Kontinuität und lange Arbeitsbeziehungen. Ensembles entstehen nicht über Nacht."

Gut, dass Marietta Piekenbrock das nicht gehört hat, es würde sie noch rasender machen, als sie ohnehin schon ist. Die schmalgliedrige 50-Jährige mit dem blonden Pferdeschwanz, zuletzt leitende Dramaturgin der Ruhrtriennale unter Heiner Goebbels, wird als Programmdirektorin mit Chris Dercon an die Volksbühne gehen. Sie bringt ganz genau jene Theatererfahrung mit, die dem Kunstkurator so oft abgesprochen wird. Die Spekulationen über neoliberale Abbautendenzen nennt sie "vollkommen grotesk".

Auch sie ist an diesem Abend beim F.I.N.D.-Festival an der Schaubühne, aber es kennt sie noch keiner. Man merkt ihr die Aufregung der letzten Tage an, Piekenbrock spricht von "galoppierender Hysterie". Als die Gerüchte um Dercons Berufung hochkochten und die Kritik daran täglich zunahm, wurde die für nächste Woche geplante Pressekonferenz eilig auf den gestrigen Freitag vorverlegt. Die Sache war nicht mehr länger geheim zu halten. Das wurde sie von Kulturstaatssekretär Tim Renner ohnehin viel zu lange.

Piekenbrock sagt, sie habe in den letzten drei Wochen viel gelernt über das Phänomen "German Angst". Es sei die Angst vor dem Unbekannten, vor Kontrollverlust. Die Angst, ein "nicht gelernter Theaterintendant", ein "belgischer Importeur von Kunst" (O-Ton Claus Peymann), zerschlage ein deutsches Sprechtheater. Piekenbrock nennt das "absurd", niemand wolle Strukturen abbauen: "Unser Plan versteht sich komplementär zu den vorhandenen Strukturen." So werde es ein "identitätsstiftendes Ensemble" geben aus Tänzern und Schauspielern. Ein Ensemble, das einerseits "starke Eigenproduktionen" erlaube - "die Eigenproduktionen sind unser Herzstück" -, das es andererseits aber auch ermögliche, mit den Inszenierungen zu touren. Eines ist klar: An der künftigen Volksbühne wird die deutsche Sprache nicht mehr "prima materia" sein, wie Piekenbrock das nennt: "Neben der deutschen Sprache wird es andere, gleichberechtigte Akteure geben wie das Licht, den Film, die Musik, den Körper."

Die fünf Künstler, mit denen sich das neue Leitungsteam auf "die Suche begeben" will, stehen für diese Bereiche: die Theaterregisseurin Susanne Kennedy, der Filmregisseur Romuald Karmakar, der belgische Choreograf Boris Charmatz, die dänische Choreografin Mette Ingvartsen sowie - für die digitale Plattform "Terminal Plus" - der Filmemacher Alexander Kluge. Diese Namen stünden für "Ernsthaftigkeit, Seriosität und Nachhaltigkeit", sagt Piekenbrock, auch für ein "entschleunigtes Arbeiten". Das seien keine "Eventbuden"-Rocker. Zielpublikum ist das neue, internationalisierte Metropolen-Berlin: "die kosmopolitische Stadtgesellschaft".

Piekenbrock nennt es eine "historische Chance", ein Theater neu aufzustellen, wie es sie nur bei Epochenumbrüchen gibt - und nur, wenn auch der "politische Wille zu Veränderungen" gegeben sei. Das sei jetzt nicht, sagen wir mal, in Bochum machbar. Aber in Berlin. Jetzt.

Später am Abend, die New Yorker spielen gerade den zweiten Teil ihrer "Apple Family Plays", lehnt sich Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier im Foyer-Café seines Ensemble-, Literatur- und Repertoiretheaters mit internationalem Festivalprogramm entspannt bei einem Bier zurück. Dercons Volksbühnen-Berufung kommentiert er mit dem Satz: "Unser Haus kann davon nur profitieren." Auf Schaubühnen-Hits wie "Richard III.", "Hamlet", "Tartuffe" gebe es einen enormen Run. "Dann werden wir eben noch mehr Zuschauer haben."

Und er sagt auch: Das, was die Volksbühne vorhabe, "ist in Berlin doch alles schon da". Vom Theater Hebbel am Ufer, dem "HAU", über die Sophiensäle und das Radialsystem bis hin zum Festival Foreign Affairs: "Die werden sich im Endeffekt um dieselben Künstler streiten."

Das Einzige, was den Intendanten Ostermeier doch in Rage bringt, ist das Geld. Schon unter Castorf hatte die Volksbühne vier Millionen Euro mehr Etat als die Schaubühne mit ihren 13,8 Millionen. Unter Dercon soll der Etat der Volksbühne nun aufgestockt werden, von mindestens einer Million Euro ist die Rede. Woher plötzlich dieses Geld? Und warum nicht auch an andere? Oder soll es gar umverteilt werden? "Seit 15 Jahren, seit ich hier angetreten bin, gibt es eine sogenannte Bemühenszusage vom Senat, dass wir mehr Geld erhalten sollen", sagt Ostermeier bitter. "Bis heute ist nichts passiert." Demütigend findet das Ostermeier.

Bei der Premierenfeier ist dann auch der Regisseur Nicolas Stemann dabei. Er wird künftig in München bei Matthias Lilienthal inszenieren, dem neuen Intendanten der Kammerspiele. "Mal abwarten", sagt Stemann. "Vielleicht wird alles nicht so schlimm." Es sei im Fall Dercon schnell geurteilt worden, ohne dass man Fakten wusste. Wer würde denn überhaupt als Castorf-Nachfolger infrage kommen? Er selber hätte darauf keine Lust, schon aus "Befangenheit" nicht: "Ich bin zu sehr geprägt davon. Damit sind wir doch alle groß geworden."

© SZ vom 25.04.2015

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