Streit um den Bildhauer Arno Breker:Hitlers Supermännchen

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Er war der Lieblingsbildhauer Hitlers. Noch immer ist die ästhetische Auseinandersetzung mit dem Gröfaz-Darling Arno Breker nicht möglich.

Stefan Koldehoff

Prinzipiell ist die Idee richtig, prinzipiell auch ihre Umsetzung dringend nötig: Die Werke Arno Brekers sollen ausgestellt, über ihre Entstehung, ihre ästhetische und politische Wirkung soll debattiert werden. Brekers êuvre, das seit vielen Jahrzehnten von akademischer Seite dämonisiert und von anderer Seite unzulässig idealisiert wird, ist ein paar Jahre lang ein prägender Teil der deutschen Kulturgeschichte gewesen. Deshalb ist es zwar verständlich, aber zu kurz gedacht, wenn die kluge Schweriner Museumsdirektorin Kornelia von Berswordt-Wallrabe ihrem Kollegen vom benachbarten Schleswig-Holstein-Haus in die Agenda diktiert, seine demnächst zu eröffnende Breker-Ausstellung sei kunsthistorisch überflüssig, weil es an Breker keine Kunstaspekte zu erörtern gebe. Und auch die Absage einer eigenen Ausstellung in Schwerin durch den Berliner Akademiepräsidenten und Plakatkünstler Klaus Staeck wirkt eher wie ein politisch korrekter Protestreflex auf alte Feindbilder denn als Dokument bildungsbürgerlicher Diskursbereitschaft.

Nicht jeder Kunsthistoriker ist so tollkühn wie die ehemalige Wuppertaler Museumsdirektorin Sabine Fehlemann, die eine Breker-Plastik ganz selbstverständlich in einen geplanten ¸¸Skulpturenweg" zwischen Henry Moore und Tony Cragg integrieren wollte. Ihre dazu geplante Breker-Ausstellung scheiterte wie viele andere bereits im Vorfeld - und das zu Recht. Nicht jede Auseinandersetzung mit Arno Breker will zwangsläufig dessen moralische Rehabilitierung bewirken. Der Verdacht, es gehe in erster Linie um dieses Ziel, liegt allerdings häufig nahe, weil hinter den Breker-Initiativen - aus Gründen, die im Folgenden erläutert werden - immer wieder die selben Initiatoren stecken.

Hitlers Supermännchen

Für das Schweriner Ausstellungsprojekt allerdings besteht dieser Verdacht nicht unmittelbar. Recht hat deshalb zunächst Günter Grass, der sich für die Ausstellung ausspricht und eine Aufarbeitung fordert. Erstaunlich allerdings ist die ungewöhnlich unpräzise Formulierung des sonst so genauen Wortsetzers. Zwar ist die Forderung nach Aufarbeitung naheliegend und populär, und Grass ist in diesen Tagen auch keinesfalls der einzige, der sie erhebt; sie dokumentiert zugleich aber auch eine naive Unkenntnis der tatsächlichen Situation. Denn Breker aufzuarbeiten, ist zur Zeit schlicht unmöglich, weil die nötigen Grundlagen dafür - Werk und Primärquellen - nicht zur Verfügung stehen.

Wer einen Künstler, sein Werk und seine Wirkungsgeschichte untersuchen will, ist zunächst auf das zur Verfügung stehende Oeuvre angewiesen. Und wer eine kontroverse Persönlichkeit wie Arno Breker, die sich zudem äußerst bereitwillig in politische Zusammenhänge gestellt hat, allein werkimmanent beurteilt, der wird weder dem Künstler noch der kunst- und zeithistorischen Forschung gerecht. Im Falle Breker ist deshalb das Archiv des Künstlers die zweite notwendige Quelle: Briefe und Aufzeichnungen, Tagebücher und Selbstzeugnisse, die Auskunft über Wollen und Werden geben können. Beide Quellen sind allerdings hoch problematisch.

Arno Breker wurde nach dem Krieg zwar als Mitläufer entnazifiziert, doch seine vormalige Arbeit als Staatsbildhauer der NS-Zeit bedeutete für ihn trotzdem zunächst das berufliche Aus. Seine frühen impressionistischen Arbeiten in der Tradition von Renoir, Rodin und Maillol wurden ebenso wie die gigantomanisch den NS-Körperkult und -Rassenwahn materialisierenden Monumentalskulpturen größtenteils zerstört. Bei der historischen Aufarbeitung können deshalb bestenfalls fotografische Reproduktionen zu Rate gezogen werden. Ob aber die nach 1945 entstandenen Arbeiten als authentische Werke gelten können, ist ebenso zweifelhaft. Mehr als dem künstlerischen Impuls könnten sie nämlich der Notwendigkeit des wirtschaftlichen Überlebens in der Bundesrepublik geschuldet sein.

Der Mann, der Hitlers Lieblingsbildhauer war, der bereitwillig die Kulissen für die nationalsozialistischen Herrschaftsinszenierungen schuf und so zur Kaschierung mörderischer Absichten beitrug, konnte in den alliierten Besatzungszonen und später in der Bundesrepublik mit keinem öffentlichen Auftrag mehr rechnen. Die privaten allerdings folgten bald: Vermögende Industrielle wie Quandt und Bayer, Oetker und Girardet - allesamt Stützen des Wirtschaftswunders - bestellten bei Breker für angeblich jeweils 150 000 Mark glattpolierte Porträtbüsten und verschafften ihm auf diese Weise ein Einkommen. Der Gerling-Konzern ließ seine Zentrale in Köln mit Breker-Reliefs ausstatten; und Konrad Adenauer ließ sich von Breker porträtieren. Die Stadt Wuppertal bestellte bei ihrem Sohn gar eine Statue der Kriegsgöttin Pallas Athene mit Schild und Speer und ließ sie 1957 im Rahmen eines Festaktes in Anwesenheit Brekers vor dem humanistischen Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium aufstellen. Dort steht sie bis heute.

Irgendwann in den siebziger Jahren beginnt dann eine zweite Phase offensiver Breker-Vermarktung. Über die Bonner Galerie ¸¸Marco" bietet der Unternehmer John G. Bodenstein Druckgrafiken, Originalarbeiten und Kleinskulpturen an. Über eine eigene englischsprachige Website finden diese offenbar in rein kommerzieller Absicht entstandenen Arbeiten auch in den USA ihre Abnehmer. Gleichzeitig werden im Umfeld der Galerie Bücher über Breker veröffentlicht, die ihn kritiklos als einen der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts feiern und ansonsten seinem Credo folgen, er sei immer nur Künstler gewesen. Dass sich in den 70er und 80er Jahren Prominente wie Salvador Dalí, Ulrike Meyfahrt, Jürgen Hingsen und das Kölner Sammlerehepaar Irene und Peter Ludwig von Breker porträtieren lassen, soll dessen Rehabilitierung und Entpolitisierung weiter vorantreiben. Schließlich entsteht auf Schloss Nörvenich in der Eifel, ebenfalls unter Bodensteins Aegide, ein privates Museum, das vor allem Breker gewidmet ist; in ihm werden seine späten Arbeiten auch zum Kauf angeboten. Die Museums-Website wirbt mit den Fotos zahlreicher Prominenter (unter ihnen ist auch die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth), die angeblich die vom Museum propagierte Idee der europäischen Völkerverständigung unterstützen. Tatsächlich werben die Promis damit auch für Breker.

Wer also die Auseinandersetzung mit Arno Breker und seinem Werk sucht, hat Schwierigkeiten, überhaupt authentische Arbeiten zu finden, die etwas über sein Bildprogramm aussagen können. Ähnlich verhält es sich mit den Archivalien, die Auskunft über den Menschen Arno Breker geben könnten. Brekers Witwe Charlotte lebt in Düsseldorf. Gemeinsam mit ihren Kindern verwaltet sie nach wie vor den Nachlass. Zu den entsprechenden Schränken allerdings, so berichtet ein an der Schweriner Ausstellung beteiligter Wissenschaftler, habe er keinen Zugang erhalten: ¸¸Denen durfte ich mich nicht einmal auf zehn Meter nähern." Wie ihm scheint es auch anderen gegangen zu sein: Bis heute gibt es keine Biographie Arno Brekers, die wissenschaftlichen Standards genügen würde. Publiziert wurden in den vergangenen Jahrzehnten stattdessen entweder kunsthistorische Verdammungs- und Dämonisierungsschriften oder die Hagiographien seines seltsam esoterisch anmutenden Freundeskreises. In der Breker-Villa am Rhein scheint man bislang kein Interesse daran zu haben, wissenschaftliche Forschung über Breker zu ermöglichen. Dabei gibt es durchaus Hinweise darauf, dass die Wirklichkeit - wie so oft - irgendwo zwischen Schwarz und Weiß zu liegen scheint. Jene auch in diesen Tagen wieder viel zitierten Äußerungen von Peter Suhrkamp (unter anderem in seinen Lebenserinnerungen) oder Pablo Picasso, sie hätten ohne Brekers Fürsprache vielleicht den Krieg nicht überlebt, harren ebenso dringend der Aufarbeitung wie Brekers spätes zaghaftes Einräumen der Möglichkeit, er könne sich doch falsch verhalten haben. Offen bleibt auch die Frage, warum ein Bildhauer, dem eben nicht nur Cocteau und Maillol großes Talent bescheinigten, plötzlich zum belanglos die Wirklichkeit abschildernden Megalomanen wird.

Dass alle Versuche, sich dem Künstler und dem Menschen Arno Breker in Ausstellungen wie in Schriften angemessen zu nähern, in der Vergangenheit kläglich gescheitert sind, hat also eine Reihe von Gründen: Als Künstler ist Breker in seinen Werken nicht mehr greifbar. Auskünfte über die zeithistorische Persönlichkeit verweigert sein Nachlass. In Schwerin hat man sich deshalb viel vorgenommen - und die Gefahr des Scheiterns ist auch diesmal wieder groß: weil man für Leihgaben wieder auf die Breker-Apologeten angewiesen war, und weil man Zugang zum Archiv auch diesmal nicht in ausreichendem Maße erhalten hat. Vielleicht aber weckt die umfangreiche Debatte im Vorfeld der Schweriner Ausstellung bei Brekers in Düsseldorf die Erkenntnis, dass es an der Zeit ist, eine seriöse Befassung mit Arno Breker durch unvoreingenommene Forscher ohne bereits im Vorfeld festgelegte Interessen endlich zuzulassen. Andernfalls bleibt Breker auch weiterhin der Dämon der Kunstgeschichte.

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