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Streit über Zölibat:Papst und Gegenpapst

Pope Emeritus Benedict XVI, Pope Francis

Wer ist unfehlbar? Papst Franziskus oder der emeritierte Papst Benedikt XVI.? Oder gar beide?

(Foto: AP)
  • Der zurückgetretene Papst Benedikt hat mit einem Text in einer Neuveröffentlichung seinem Amtsnachfolger in der Zölibatsfrage widersprochen.
  • Kommentatoren befürchten deshalb Zwist in Glaubensfragen und ein neues "Gegenpapsttum".
  • Das bei seiner Erlassung heftig umstrittene Kirchengesetz von der Unfehlbarkeit beweist in diesem Fall allerdings seine institutionelle Weisheit.

Alles an dem Zwiespalt zwischen dem amtierenden Papst Franziskus und seinem zurückgetretenen Vorgänger Benedikt XVI. ist ungewöhnlich. Erstens die Tatsache zweier Päpste in einem auf Lebenszeit angelegten wahlmonarchischen System; zweitens die konkrete Ausgestaltung dieses Nebeneinanders; und drittens der Umstand, dass der gewesene Papst sich zu einer konkreten Frage mit einer Äußerung gegen seinen amtierenden Nachfolger vernehmen lässt.

Denn Benedikts Intervention fürs Festhalten an einem kompromisslosen Zölibat erscheint unmittelbar vor einer angekündigten Stellungnahme von Franziskus zu diesem Problem. Zwar hat Benedikt die Co-Autorschaft bei einem Vorwort zu dem am Mittwoch erscheinenden Buch des afrikanischen Kurienkardinals Sarah zu dieser Frage geleugnet. Doch dass der in das Buch aufgenommene Text von ihm selbst stammt, bleibt unbestritten. Außerdem hat Kardinal Sarah dem Dementi Benedikts (oder seiner Entourage) auf dem schnellsten möglichen Weg widersprochen, nämlich auf Twitter. Dort publizierte er einen Briefwechsel vom letzten Oktober, der Benedikts Zustimmung zu Sarahs Redaktion der Einleitung dokumentiert.

Glaube und Religion Benedikt XVI. bestreitet Co-Autorschaft
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Benedikt XVI. bestreitet Co-Autorschaft

In einem Buch soll sich der emeritierte Papst in die Angelegenheiten seines Nachfolgers Franziskus eingemischt haben. Benedikt distanziert sich.

Worum geht es? In Reflexionen zum Priesteramt wendet sich Benedikt gegen die Möglichkeit, dass verheiratete Männer als Viri probati zum Priesteramt zugelassen werden - eine Option, mit der Papst Franziskus sympathisiert. Sie würde einem Problem, dem Priestermangel, ein wenig abhelfen, sie wäre zudem ein erster Schritt zur Aufweichung der auf Keuschheit und Sexualitätsverzicht verpflichteten Lebensform der Priester. Diese ist durch die weltweite Serie von Missbrauchsfällen durch katholische Geistliche unter begründeten Verdacht geraten.

Den Titel eines "Papa emeritus" kennt die bisherige Kirchengeschichte nicht

Die Frage selbst ist schon dramatisch genug. Doch nun drängt sich ein anderes Problem in den Vordergrund, nämlich das der Kirchenverfassung. Katholische Kommentatoren sprechen schon von einem "Gegenpapsttum" und erinnern damit an besonders finstere, spätmittelalterliche Zeiten, als ein großes Schisma die Christenheit spaltete mit (mindestens) zwei Päpsten an zwei unterschiedlichen Orten (meist Avignon und Rom) - eine Zeit der Unordnung, die der moralischen Autorität der Kirche irreparablen Schaden zufügte.

Streit in Heilsfragen? Das betraf alle Gläubigen, und so könnte es auch heute sein. Denn es geht um die Legitimität der Kirchenspitze in einer das Glaubensleben tief berührenden Frage. Der Zwist und die bizarren Formen, in denen er ausgetragen wird, zeigen den schlimmsten möglichen Fall. Nun wird deutlich, wie fatal die Ausgestaltung der Rolle ist, die sich Benedikt für die Zeit nach dem Papstamt genehmigt hat. Denn den Titel eines Papa emeritus kennt die bisherige Kirchengeschichte nicht, ebenso wenig die Fortdauer päpstlicher Insignien und Ehrenzeichen, wie des Titels "Heiligkeit" und des weißen Gewandes. Die abgesetzten oder zurückgetretenen Päpste des Hoch- und Spätmittelalters verschwanden hinter Klostermauern oder traten in den regulären Kirchendienst zurück. Ausgerechnet der dogmatische Traditionalist Ratzinger vollzog als Papst einen radikalen Traditionsbruch.

Darauf wies im Herbst 2017 der Kardinal und Kirchenhistoriker Walter Brandmüller hin, den man als konservativen Hardliner beschreiben kann. Der Bruch mit einer zweitausendjährigen Tradition habe nicht nur die Kardinäle umgehauen, ließ er die FAZ wissen. Dass Benedikt daraufhin überhaupt antwortete und ausgerechnet in der Bild-Zeitung mit einer Gegenfrage ("Wenn Sie einen besseren Weg wissen und daher glauben, den von mir gewählten verurteilen zu können, so sagen Sie es mir bitte"), konnte den Traditionsbruch nicht heilen.

Unglaubliche Vorgänge das alles, zumal da sie sich anders als im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert vor den Augen einer neugierigen Tagesöffentlichkeit abspielen. Dem liberalen Papst kommt in dieser Notlage ausgerechnet eine berüchtigt illiberale Festlegung der Kirche zu Hilfe, nämlich das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit in Fragen des Glaubens. Es wird in diesem Jahr 150 Jahre alt, und ausgerechnet jetzt könnte es gute Dienste leisten. Dabei war kaum eine kirchliche Lehre so umstritten wie diese.