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Streit:Alles im Fluss

Das Stadttheater Ingolstadt muss saniert werden, als Ausweichquartier sollen die künftigen Kammerspiele dienen. Obwohl der Architektenwettbewerb dafür entschieden ist, kämpft der Dritte Bürgermeister für eine neue Variante an der Donau

Knut Weber ist zornig. Der Intendant des Stadttheaters Ingolstadt ärgert sich dieser Tage sehr über Sepp Mißlbeck, Mitglied der Unabhängigen Demokraten Ingolstadts (UDI) und dort auch Dritter Bürgermeister. Denn der 75 Jahre alte Kommunalpolitiker hat sich auf einem Langstreckenflug von China her einfach einen Entwurf für den Neubau der Kammerspiele ausgedacht. Mit seiner "spontanen Idee" (Mißlbeck) hat er für ziemlichen Wirbel in der Stadt gesorgt.

Schließlich ist der Architektenwettbewerb für das neue Theatergebäude, das dem sanierungsbedürftigen Stadttheater als Ausweichquartier dienen soll, längst entschieden; gerade wird an der Konkretisierung der Pläne gearbeitet. "Und nun grätscht sich der dritte Bürgermeister ins Verfahren ein und will es stoppen" - dafür Verständnis aufzubringen, fällt Weber äußerst schwer. Dem Intendanten sitzt die Zeit im Nacken. Im Dezember 2022 läuft die Betriebsgenehmigung für sein Haus aus, in erster Linie weil der Brandschutz den heutigen Ansprüchen nicht mehr genügt. Mißlbeck nimmt das locker. "Ich bin überzeugt, es wird nicht geschlossen." Weber dagegen verweist auf das Augsburger Theater, das aus eben diesen Gründen schließen musste.

Kammerspiele Ingolstadt

Sorgen für Diskussion in der Stadt: die neuen Ingolstädter Kammerspiele. Hier der Entwurf des ersten Preisträgers, des Hamburger Architektenbüros Blauraum.

(Foto: Entwürfe Stadt Ingolstadt)

Der "Hämer-Bau", benannt nach dem Architektenehepaar Hardt-Walther Hämer und Marie-Brigitte Hämer-Buro, war in seinen ersten Jahren vielen Ingolstädtern ein Dorn im Auge, obwohl das spektakuläre Theater bereits 1967 mit dem Preis des Bundes Deutscher Architekten ausgezeichnet wurde. Das polygonale Sichtbetongebäude, 1966 eröffnet, steht seit 2002 unter Denkmalschutz. Doch inzwischen ist eine Generalsanierung unumgänglich. Nicht nur der Brandschutz, auch die Bühnentechnik entspricht nicht mehr den aktuellen Anforderungen, zudem fehlen Probenräume und Lagerflächen. "Der Betrieb hat sich verändert, wir platzen aus allen Nähten, die Arbeitsbedingungen unserer 200 Mitarbeiter sind unzumutbar", schildert Intendant Weber die Situation. Auch das Kleine Haus, eine weitere Spielstätte des Theaters, ist marode.

Daher war sich der Stadtrat bald einig, einen neuen Theatersaal zu schaffen. Im Februar 2017 beschloss er nach anfänglichem Liebäugeln mit einem Zelt, neben dem Stadttheater ein neues Haus zu bauen: die Kammerspiele. Das Verfahren wurde eingeleitet, die Bürger konnten sich beteiligen, ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben, die Kosten auf 30 Millionen Euro veranschlagt, der Freistaat schießt bis zu 75 Prozent zu. Im Dezember 2018 wählte eine Jury unter 15 Einreichungen die drei besten aus. Deren Gemeinsamkeit: Sie positionieren die Kammerspiele gegenüber dem Stadttheater auf der Grünfläche hinter dem Museum für Konkrete Kunst. Was einigen Kommunalpolitikern negativ aufstieß: Diese Fläche liegt über einer Tiefgarage, möglicherweise fallen den Kammerspielen einige Parkplätze zum Opfer. Ein heikles Thema. "Ingolstadt ist schließlich eine Autostadt, da hat jeder seine zwei Audis in der Garage", spöttelt Weber.

Knut Weber

"Wir brauchen keinen weiteren Repräsentationsbau, sondern eine Bürgerbühne mit Arbeitsräumen und Lagerflächen."

Eine Machbarkeitsstudie soll klären, wie viele Plätze wirklich verloren gehen; 200 werden es nach Angaben des erstplatzierten Hamburger Architektenbüros Blauraum sein. Einen Tag vor der Sitzung des Preisgerichts im vergangenen Dezember tauchte Mißlbeck mit seinen handgezeichneten Skizzen auf und präsentierte die Vision eines Kulturbaus an einem ganz neuen Standort: Kammerspiele direkt an der Donau. Inzwischen hat ein mit ihm befreundeter Architekt den Entwurf professionalisiert und ein markantes Gebäude gezeichnet, das in die Donau ragt und mit dem Hämer-Bau mittels eines Stegs verbunden ist. Der Bürgermeister präsentierte seinen Vorschlag in der Lokalzeitung und forderte, einen neuen Wettbewerb zu starten.

Dieser Vorstoß erzürnt den Intendanten sehr. Es ginge doch nicht an, dass Mißlbeck nach "Bürgermeisterart" einfach alles über den Haufen werfe, ärgert er sich. "Wir brauchen keinen weiteren Repräsentationsbau, sondern eine Bürgerbühne mit Arbeitsräumen und Lagerflächen." Anfang Juli erteilte zwar der Planungsausschuss der Stadt Mißlbecks Initiative bereits eine Absage. Doch den ficht das nicht an, auch wenn er einräumt, viele Prügel einstecken zu müssen für seine Idee. "Im Moment stehe ich ziemlich allein da", sagt er. Trotzdem will er, dass in zwei Wochen der Stadtrat über seinen Antrag entscheidet, das Verfahren offiziell zu stoppen, noch einmal umzudenken und andere Standorte in Betracht zu ziehen. Daher glaubt Intendant Weber auch nicht, dass das Thema schon ausgestanden ist. "Man weiß doch nicht, was in Wahlkampfzeiten alles passiert."

Michael Klarner, der Pressesprecher der Stadt Ingolstadt, teilt seine Befürchtungen nicht. Der Planungsausschuss habe sich eindeutig gegen den Antrag Mißlbecks ausgesprochen, sagt er. Der Stadtrat werde ihn mit Sicherheit ebenfalls ablehnen. Schließlich soll mit dem Neubau so bald wie möglich begonnen werden, um die Sanierung des Theaters nicht zu verzögern. "Alles andere ist nicht vorstellbar", sagt Klarner.