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75 Jahre Streiflicht:Leichtfüßig, doppelbödig, kapriolenhaft!

Gibt es denn nirgendwo ein Thema? Aus dem Leben einer Streiflichtautorin.

Von Tanja Rest

Aus dem Bett gefedert, die Nachrichtenagenturen gescannt. Die People-Agenturen. Die Tier-macht-komische-Sachen-Agenturen. 8 Uhr. Nichts. Die Webseiten des Guardian konsumiert, der New York Times, des Svenska Dagbladet sowie des Billerbecker Anzeigers (man weiß nie). Nichts. Ruhig bleiben jetzt. Instagram seziert, Twitter gecheckt, Facebook überflogen, längere Zeit auf Tiktok verbracht. Nichts, dafür SMS-Gebimmel. 9 Uhr. Der Streiflicht-Redakteur will wissen, worüber man schreiben wird, jetzt. "Sorry, suche noch ..." Nun wirklich ganz ruhig.

Mit wachsendem Entsetzen Unterhaltungen mit Freunden noch mal abgespult und gGeschaut, was Saskia Esken wieder Finsteres getwittert hat, Beobachtungen im Supermarkt abgerufen, kuriose Momente reimaginiert. Nichts, dafür Whatsapp-Gruppen-Gebimmel: Der Streiflicht-Redakteur teilt den Streiflicht-Autoren mit, die heute zuständige Kollegin wisse noch nicht, worüber sie schreibe, es werde am Ende des Tages aber gewiss ein historisch lustiges Streiflicht werden, leuchtend von Intelligenz, lodernd von Bezüglichkeiten, flackernd von Hinterfotz. Erwogen, Lassa-Fieber vorzutäuschen.

10.30 Uhr, Whatsapp-Gruppen-Gebimmel. Die stets hilfreichen Streiflicht-Kollegen schicken nun Themen, aus denen sich ihrer Meinung nach ein kluges, hinterfotziges, historisch lustiges Streiflicht schmieden ließe. Das eigene zu Brei erweichte Hirn vermag darin keine einzige Pointe zu erkennen, und sei sie noch so billig. "Keine Sorge", textet gut gelaunt der Streiflicht-Redakteur, "die allerbesten Streiflichter waren schon immer die in letzter Minute geschriebenen!" Wunsch, alle elektronischen Geräte auszuschalten, sich unter einer Decke zu verkriechen und laut zu weinen.

Von Baerbock zu Schopenhauer

11 Uhr. Sechs Stunden noch bis Redaktionsschluss. Kein Thema in Sicht.

Hätte man doch gestern schreiben müssen, als der Söder zur Pressekonferenz eine neue "Star Wars"-Tasse mitbrachte. Die Streiflicht-Kollegin hat daraus eine intergalaktische Tour de Force gemacht, Staatskanzlei - Todesstern - imperiale Sturmtruppler und zurück. Oder vorgestern, als im Osten Mecklenburg-Vorpommerns eine Sonnenblume umkippte und der Streiflicht-Kollege erst bei Annalena Baerbock Tempo aufnahm, bei den Querdenkern kurz zwischenlandete und sich in letzter Instanz zu Schopenhauer aufschwang. Gemahde Wiesen quasi. Muss man aber selbst schreiben - und dies ist eine ewig gültige Streiflicht-Wahrheit -, so passiert auf der Welt niemals etwas Lustiges. Man würde so weit gehen zu sagen: Gäbe es ein Lustigkeitsbarometer des Weltgeschehens, so verzeichnete es an allen Tagen, an denen man ein Streiflicht zu schreiben hatte, Rekordtiefstwerte. Die Streiflicht-Kollegen behaupten das von ihren Tagen auch, zu Unrecht.

11.30 Uhr. Aus, vorbei. Vakuum. Man ist offiziell die dümmste, uninspirierteste und unlustigste Streiflicht-Schreiberin der Welt, und spätestens morgen werden es alle wissen. Erstmals in der glorreichen Geschichte des Streiflichts wird sich links vom Aufmacher, oberhalb des Inhaltskastens, eine gähnende, 72 Zeilen lange Leere auftun. Die Leser werden aufheulen, die Chefredakteure werden ihre Sturmtruppler losschicken, der Streiflicht-Redakteur wird sich umwölkten Hauptes von einem abwenden für immer. 12 Uhr. Alles ist verloren.

Als das Thema angetänzelt kam

Und dann ist es plötzlich da. Das Thema. Unklar, wo es herkam und wer es geschickt hat. Es kommt einfach so herangeweht, nein, es kommt herangetänzelt. Kleine Verbeugung, Augenzwinkern, wie wär's mit uns beiden? Oh, es ist ein herrliches Thema, leichtfüßig, doppelbödig, kapriolenhaft! Mit etwas Glück wird man den Kopf dieses eine Mal noch aus der Schlinge ziehen und dann nur noch Leitartikel und gewichtige Essays verfassen. Heiliger Schwur. Schluss mit dem Unsinn!

17 Uhr, Handy-Gebimmel. "Gar nicht so übel, meine Liebe, darauf lässt sich aufbauen", sagt der Streiflicht-Redakteur. "Magst du nächste Woche gleich wieder eins schreiben?"

© SZ
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