Street Art:Sie kam, sie sah, sie klebte

Die deutsche Straßenkünstlerin "Barbara" wird überall dort aktiv, wo sie strenge Schilder oder dumme Schmierereien findet. Die Ergebnisse ihrer Streifzüge sind verboten schön.

Von Moritz Lehmann

Am Anfang war das Hakenkreuz. Eine Schmiererei, die mit einem Filzstift auf eine Berliner Hauswand gemalt war. Die kleine Barbara, ein Kindergartenkind, begegnete der Krakelei auf einem Spaziergang mit dem Großvater. Der versuchte, das Hakenkreuz mit Spucke und einem Taschentuch wegzuwischen - vergeblich. Der alte Mann, einst aus russischer Kriegsgefangenschaft als gebrochener Mann zurückgekehrt, erklärte ihr, wofür das Symbol steht.

Und das beschäftigte das Mädchen so sehr, dass es für den nächsten Spaziergang eine lachende Sonne auf ein Stück Papier malte. Als die beiden wieder an der Hauswand vorbei kamen, überklebte Barbara das Hakenkreuz mit ihrer Sonne und zauberte dem Großvater ein Lächeln auf die Lippen.

Mehrere Jahre ist das her, Barbara ist inzwischen erwachsen. Mit dem Bekleben von Dingen hat sie aber nicht aufgehört. Auf Hakenkreuze beschränkt sich die Straßenkünstlerin dabei schon lange nicht mehr. "Wenn ich an einer Wand gelesen habe: 'Nadine du fette Kuh', oder 'Jan ist ein Arschloch', dann wurde ich tätig und habe meinen Senf dazu geklebt", erzählt sie. Besonders Verbotsschilder haben es ihr angetan. Wenn sie ein Schild mit der Aufschrift "Bekleben verboten" sieht, dann kann sie gar nicht anders, als es mit einem ihrer Plakate zu kontern. Etwa mit der Aufschrift: "Ich kam, ich sah, ich klebte!" Um Erlaubnis bittet sie dafür freilich nicht, Barbara klebt illegal.

Barbara dokumentiert ihre Arbeit und stellt sie ins Netz

Obwohl ihre Kunst von der Öffentlichkeit lebt, will Barbara anonym bleiben. Nicht aus Angst vor Strafe, so sagt sie, ihre Kunstwerke könnten schließlich mit Leichtigkeit entfernt werden. Sondern, weil sie ihre Kunst unabhängig von ihrer Person betrachtet wissen möchte. Das klappt bisher ganz gut, schließlich starren die Menschen auf der Straße ohnehin lieber auf ihre Smartphones, als Barbara beim Plakatieren zu beobachten.

Barbaras Antrieb ist immer noch der gleiche, den sie auf dem Spaziergang mit ihrem Opa hatte: "Wenn ich jemanden zum Lächeln bringe, habe ich genauso viel erreicht, wie wenn ich jemanden mit einer gesellschaftskritischen Aktion zum Nachdenken anrege." Bis vor einiger Zeit hatte sie aber selten Gelegenheit, Reaktionen auf ihre Kunstwerke zu beobachten. Kunst im öffentlichen Raum ist vergänglich, besonders dann, wenn sie aus Papier besteht. Deshalb hat sie irgendwann begonnen, ihre Arbeit zu fotografieren und über soziale Netzwerke zu verbreiten.

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