bedeckt München 21°
vgwortpixel

Lockdown-Kultur:Ständig zu spät dran

Künstler auf Sendung

Von rechts nach links: Die Schauspielerin Anna-Lena Klenke liest, die Sängerin Nicole Atkins singt und Sir Patrick Stewart beruhigt.

(Foto: Screenshot)

Künstler streamen aus dem Wohnzimmer, um den Isolierten die Langeweile zu nehmen und sie mit ihren Performances zu trösten. Das ist sehr nett. Entspannend ist es nicht.

Es gibt noch eine Kurve, die in diesen Tagen steil nach oben klettert - die Zahl der Künstler und Kreativen, die aus der sozialen Isolation heraus auf Sendung gehen. Ob auf Twitter, Twitch oder Instagram, jeder startet auf einmal seine eigenen Live-Events. Und es gehört zum Wesen dieser Performances, dass sie Echtzeit-Erlebnisse sein wollen, zu streamen, zu empfangen und kommentieren in Gleichzeitigkeit und kostbarer Gemeinschaft. Nicht untätig sein, den Eingesperrten da draußen die Langeweile vertreiben, ihnen den Trost der Kunst nahebringen und sich selbst dabei zugänglich, strumpfsockig und intim zeigen - was könnte falsch sein an dieser Idee? Rein gar nichts natürlich.

Nur sorgt die exponentiell wachsende Fülle bei den Interessierten da draußen - und wer wäre das in diesen harten Tagen nicht? - inzwischen für eine neue Form von Stress. Weiß ich wirklich, was meine Lieblingskünstler gerade so machen? Läuft in diesem Moment, von mir leider unbemerkt, die Wohnzimmer-Performance der Woche, gar des Monats? Und was, wenn zwei verehrte Stars meiner Wahl beschließen, zeitgleich auf Sendung zu gehen? Die "Fear of Missing Out", die Angst etwas zu verpassen, die Kulturinteressierte sonst rastlos durch die Welt treibt, überfällt uns in diesem Tagen sogar im eigenen Wohnzimmer.

Ein Selbstversuch in der vergangenen Woche, in diesem Angebot noch irgendwie zu navigieren, beginnt an einem Abend zum Beispiel um 18 Uhr bei Arte Concert. Der Violinist Daniel Hope steht da in seinem pompösen Wohnzimmer, immerhin in Adidas-Sneakern, das soll seiner Wohnsituation wohl die Spitze nehmen, am Flügel sitzt Christoph Israel. Dann spielen die beiden Bach. Weil Bach, so sagt es Hope in seiner kleinen Ansprache davor - auch auf englisch, denn die Welt rückt wirklich zusammen in diesem Moment - der Bruce Springsteen der Klassik sei, mit anderen Worten: der Boss. Wunderschön, beruhigend, wenn man erst einmal im Player die richtige Einstellung hinbekommen hat.

Danach schnell weiter, zum fixen Termin um sieben: Igor Levit. Der war einer der ersten, die mit den Hauskonzerten angefangen haben, zweieinhalb Wochen später gilt er schon als Pionier einer großen Bewegung. Heute gibt er Beethovens Sturmsonate, laut Levit "revolutionär", bald sind auf Twitter 1344 Zuschauer zugeschaltet. Levits kundige Worte zu Beginn, sein inniges Klavierspiel ohne Schuhe, das wirkt schon alles sehr pur und überzeugend. Aber was ist das, da wagt jemand ein Gegenprogramm! "The Piano Hour" des Münchner Klaviersalons, mit dem griechisch-deutschen Pianisten Andreas Skouras, live auf Youtube. Die Neugier verlangt, auch dort mal reinzuklicken. Kaum stehen die Programme mit beiden Konzerten gleichzeitig offen, wirkt es, als hämmerten Skouras und Levit wild gegeneinander an, der eine Bach, der andere Beethoven, ein Piano-Duell der Giganten. Das dann allerdings bald durch Abstimmung per Mausklick entschieden wird - bei Skouras werden nur 36 Zuschauer angezeigt. Zieht es uns, in diesem neuartigen Quotenrennen, dann doch eher zu den Gewinnern?

Ein wenig erinnert die Situation an ein sehr großes Popfestival mit verschiedenen Bühnen. Die Frage einer Freundin in diesen Tagen, was man zur Lesung von Takis Würger auf Instagram anziehen solle, die man getrennt und doch gemeinsam besuchen will, ist natürlich ein Witz. Kurz erwischt man sich aber beim Überlegen: Endlich mal wieder was anderes anzuziehen als Jeans und Sweatshirt? Und woher kriegt man noch schnell ein Wegbier?

Überhaupt Lesungen. Die Schauspielerin Anna Lena Klenke liest auf Instagram "Desintegriert euch" von Max Czollek vor, eine beeindruckte Polemik gegen das urdeutsche Denken, Integration stets als Bringschuld der anderen zu betrachten. Doch ganz ungeteilt ist die Aufmerksamkeit auf den Text dann doch nicht. Man ertappt sich dabei, ihre in jeder Einstellung leicht variierte Sitzposition zu bemerken, etwa wenn sie sich auf ihren nackten Fuß setzt. Unglücklich gewählt scheint auch ihre Sitzecke: Zwei Fenster in einem oberen Stockwerk, die Ausblick auf ein tristes Eckhaus mit Solarpanels erlauben, und die Pflanzen hinter ihr sehen ebenfalls aus, als würden sie sich langsam desintegrieren.

Gemütlicher hat es da Robert Stadlober, der ebenfalls aus Czolleks Buch liest, aber hier lenken wiederum die allzu umsichtig platzierten Details ab: Steht diese fotogene E-Gitarre wirklich immer da hinten? Und was macht der Sessel unter dem runden Spiegel da - den kann so doch niemand ernsthaft nutzen, um sich zum Ausgehen fertig zu machen! Ein bisschen ist es ja schon eine Genugtuung, wenn auch Schauspieler sich erst einen Platz in ihrer Wohnung kameratauglich herrichten müssen.

Interessante Minibühnen sieht man auch bei "In my room" von der Zeitschrift Rolling Stone, Größen aus Pop und Rock spielen da von zu Hause aus. Brian Wilson war schon dabei, Willie Nelson auch, diesmal ist es die Singer-Songwriterin Nicole Atkins. Vor einem türkis glitzernden Vorhang, in Meerjungfrauen-Optik, spielt Atkins aufmunternde Popsongs. Nur ihre Tanzbewegungen vor der Zwei-Mann-Band, die sie begleitet, kommen auf den fünfzehn Quadratmetern, auf die man blicken darf, doch arg künstlich daher. Dagegen war Gianna Nannini, wie sie sich bei ihrem Mailänder Hauskonzert auf Instagram auf ihrem Wohnzimmertisch räkelte, als wolle sie Langeweile und Corona zugleich abschütteln, geradezu ekstatisch.

Nach Tagen voller Klaviersonaten, Lesungen, Unplugged-Konzerten, Hamlet-Monologen und DJ-Sets auf Dachterrassen bleibt ein Gefühl auf jeden Fall nicht zurück - dass die Quarantäne uns nun alle Zeit der Welt beschert. Eher erkennt man, wie sehr man sich längst auf die Welt der Mediatheken und Streaming-Giganten eingelassen hat, in der alles immer "On Demand" ist, per Klick zu jeder Zeit zu starten, angepasst an die eigenen Termine. Linearen Sehgewohnheiten, wie sie das alte Fernsehen mit sich brachte, sind wir längst ziemlich entwöhnt. Und ständig hat man das Gefühl, zu spät dran zu sein, Dinge erst hinterher zu entdecken. Die Musikplattform "Colors" bot vergangene Woche kleine Livekonzerte an - vorbei, und "nachschauen" geht nicht, da sind viele Künstler bei ihren Live-Ideen dann doch sehr konsequent. Empörend, natürlich. Andererseits: Man würde ja auch nicht die Lieblingsband fragen, ob sie vielleicht schon um sieben mit ihrem Konzert anfangen kann, damit man nicht so spät ins Bett kommt. Und ist es nicht genau dieses Konzert- und Gemeinschaftsgefühl, nach dem man sich in der Isolation so besonders sehnt?

Schön ist es aber dann doch die Regelmäßigkeit des wiederkehrenden, fixen Termins, der plötzlich strukturierende Kraft für den eigenen Tag entfaltet. Etwa vor dem Einschlafen: Jeden Abend gegen Mitternacht liest Sir Patrick Stewart, Star Trek-Captain und National-Theatre-Mime gleichermaßen, auf Instagram seine liebsten Shakespeare-Sonette vor, nach dem Motto: "A sonnet a day keeps the doctor away". Stewart ist 79, also Hochrisikogruppe, und doch ist er die Ruhe selbst. Seinem Alter angemessen trägt er Großväter-Shirts in sanften Variationen, von taubenblau über graumeliert bis zu beerenfarben. Auch die Brillen wechselt er durch. Was aber gleich bleibt und seine Wirkung nie verfehlt, ist diese beruhigend rasselnde Stimme. Da ist es dann sogar egal, wenn man Shakespeare zur späten Stunde nicht mehr vollständig folgen kann - denn das geht dem Vorleser, wie man erfährt, nicht anders. Sonett Nummer fünf, sagt Stewart eines Abends, musste er leider auslassen, weil er es gar nicht versteht: "Es ist einfach zu schwer."

© SZ vom 31.03.2020/tmh
Zeitvertreibmaschine

Ausgangsbeschränkungen
:Zeitvertreibmaschine

Corona schickt die Menschen in die Zwangspause. SZ-Autoren haben einen Zufallsgenerator mit Freizeittipps und Denkanstößen gefüttert, die das Zuhausebleiben unterhaltsam machen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite