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Ibiza-Skandal:"Wodka Bull? Im Ernst?"

European Tourists Flock To Ibiza For Their Summer Holidays

Der Geist der Hippies und ihr Traum vom Leben am Strand: Sonnenuntergang vor dem Café del Mar auf Ibiza.

(Foto: David Ramos/Getty Images)

Der wahre Geist von Ibiza hat nichts von Straches autoritärer Revolte. Eine kleine Ehrenrettung von Leuten, die es wissen müssen.

Natürlich kann Ibiza nichts dafür, dass das Strache-Video ausgerechnet dort aufgenommen wurde. Andererseits erzählt es vielleicht doch etwas über die Sehnsuchtslandschaft des autoritären Europas, dass der Ausverkauf republikanischer Institutionen gerade dort verhandelt wurde und eben nicht woanders. Dass dabei nicht Rosé getrunken wurde, sondern Wodka Red Bull, dass der Staatsstreich nicht in einem Palast geplant wurde, sondern in einer Airbnb-Ferienwohnung. Dass also ästhetisch gesehen offenkundig eine direkte Verbindung besteht zwischen dem Kirmeshouse-König David Guetta und HC Strache, einem Politiker, der den Westen mit seiner Prozession von Christopher Street Days, Geschlechterdebatten und Minderheitenrechten qua Selbstauskunft "dekadent" findet, während die Leute in Russland wenigstens noch normal seien. Der seine Intrigen aber trotzdem ausgerechnet auf Ibiza einzufädeln versucht, der "weißen Insel", die von den Hippies vor einigen Jahrzehnten noch einmal völlig neu gegründet wurde. Wo sich heute Eskapismus, Liberalismus und Oligarchen-Glamour gegenseitig die Amphetamine verabreichen.

Dem Schriftsteller Vicente Valero zufolge, der ein Buch geschrieben hat über Walter Benjamins Ibiza-Jahre, begann der Abstieg der Insel in dem Moment, in dem der erste Hippie dort sein gesellschaftliches Korsett abwarf. Sollte der emanzipatorische Aufbruch der Siebziger also auch hier über seine eigene Ideologie gestolpert sein? An dieser Stelle beantworten der Gastronom Michi Kern, der mit der "Pacha"-Filiale ein Stück Ibiza nach München brachte, und der DJ Gerd Janson die Frage, was das überhaupt für ein Ort ist.

Gefährlich sanft

Michi Kern, Gastronom

Gastronom und "Pacha"-Betreiber Michi Kern

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Hippies erzählen, dass Ibiza spirituell und energetisch eine stark weibliche Insel ist. Der Vibe, der Flow, die Bewegung, der Wind, die Wellen - alles weiblich, sanft, verführerisch. Ibiza will Hingabe von denen die da kommen, sie sollen sich vergessen, sich fallenlassen in die Nacht. Das ist für Männer gefährlich. Aber die Hippies müssen es wissen. Die waren vor allen anderen Festlandbewohnern da.

In den Siebzigerjahren waren die freie Liebe und das Nacktsein das große Versprechen der Insel. Das wirkt bis heute. Mit den Ekstasen und Befreiungsritualen von Techno und House Music wurde das in den Neunzigerjahren noch einmal potenziert. Wie der große DJ Westbam sagte: "Es ging aufs offene Meer hinaus, man hatte das Gefühl, das Gute setzt sich durch. Alle machen sich nackig und kommen zur Loveparade." Und natürlich haben Drogen eine Rolle gespielt. Aber eben Hasch, LSD und Ecstasy in kleinen Dosen. Jedenfalls kein Koks, kein Speed in großen Mengen. Das ist das Missverständnis.

Genauso auch der Sex, der sanft, verspielt, zärtlich, der vieles war, aber auf keinen Fall so schnell, hart und machomäßig wie im Porno. Weil das in der Wirklichkeit nicht immer so ist, drehen dann so viele Leute durch auf Ibiza. Männer vor allem. Wer hat schon Zeit für Tantra an einem langen Wochenende in den Clubs? Doch das Weibliche ist hier gleichberechtigt, stark, selbstbewusst und körperlich. Das müssen die Männer erst mal aushalten.

Und selbst das Trinken ist hier anders, als an vielen Orten, zu denen man zum Trinken reist. Was passt? Fragt man sich als Gastronom natürlich. Rosé auf Eis geht gut, Rosé-Champagner, überhaupt alles was leicht ist und in großen Mengen getrunken werden kann. Denn man braucht viel Flüssigkeit auf dieser Insel. Es ist heiß. Die Party geht 12 Stunden lang. Man hat immer einen leichten Schwips, aber ist nie besoffen. Der harte Kick hat da nichts zu suchen. Wer hier ist, will sanft abheben. Wodka Bull? Im Ernst? Das ist hier vollkommen falsch. Viel zu hart, viel zu männlich. Man muss das Trinken vom Strand her denken.

Der "wahre Geist" von Ibiza ist also auf jeden Fall eine Frau. Vermutlich in wallenden Gewändern, mit duftender brauner Haut von der Sonne erhitzt, leuchtenden Augen, offen, intelligent, klar. Und für alle, die sich nicht locker machen können - gefährlich.

DJs Traum und Albtraum

Gerd Janson, DJ und Label-Betreiber

Gerd Janson

DJ und Label-Betreiber Gerd Janson

(Foto: Temporary Secretary)

Ibiza war schon immer eine Mischung aus einer Jetset- und einer Hippie-Insel. Aber bis in die Achtziger war das alles noch sehr "naturbelassen" und kaum massentouristisch. In dieser Phase gab es eine Handvoll Diskotheken mit diesem sehr eigenen Sound, der als "Balearic" zum eigenen Genre wurde. Grob gesagt die Art von Pop- und Discomusik, die auf Ecstasy besonders gut klingt: Ein bisschen früher Chicago House, softer Pop, langsamere Wave-Nummern. Das hat sich in den späten Neunzigern und frühen Nullerjahren gewandelt.

Ich selbst kenne Balearic auch nur aus dem DJ-Geschichtsunterricht, selbst habe ich die Phase gar nicht mehr richtig mitbekommen. Heute gibt es hin und wieder noch Veranstaltungen von dieser Sorte, die haben aber etwas von Veteranentreffen.

Wer auf der Suche nach diesem Mythos nach Ibiza fährt, könnte auch ins heutige New York fahren und die Paradise Garage suchen. Oder in Berlin das Nachtleben der Zwanziger.

Heute läuft in den meisten großen Läden auf Ibiza entweder EDM oder überzüchteter Tech House, musikalische Stalinorgeln, deren Regel die Ausnahme bestätigt. Ibiza ist also mehr denn je eine Partyinsel, die auch High-End-Yogakram und Luxus-Hippie-Retreats beinhaltet. Aber insgesamt kann man schon feststellen, dass das im Strache-Video gezeichnete Bild von mittelalten Herren in komischen T-Shirts, Wodkapullen auf Glastischen und jungen Frauen in High Heels einen nicht unbedingt geringen Teil des Partylebens ausmacht.

Ich bin dort mehr oder weniger aus Zufall reingerutscht und auch, wenn ich irgendwie Fan bin, mich mit all dem durchaus gemeinmache und nicht wenig Spaß dabei habe, betrachte ich das karnevaleske Treiben der Prominenten und solcher, die es werden wollen, durchaus mit einer gewissen ironischen Distanz. Vielleicht genau so, wie sich Fans und Protagonisten des modernen Fußballgeschäfts fühlen?

Und da die Insel wunderschön ist, ist es verlockend, dort nach oder vor getaner Arbeit Zeit zu verbringen. Viele DJs wohnen auch den Sommer über auf Ibiza, spielen unter der Woche dort und fliegen am Wochenende zu ihren sonstigen Gigs. Hier funktioniert vieles parallel: Hippies, stillose Millionäre, Instagram-Partyvolk, Dauertänzer, HC Strache - das hat etwas von einem Hieronymus-Bosch-Gemälde. Die esoterisch veranlagten Leute auf der Insel sprechen gerne von einem magnetischen Energiefeld, das hier herrscht: Angeblich holt es das wahre Ich aus jedem hervor.

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Politik Österreich In der Falle

Strache-Video

In der Falle

Er bot staatliche Aufträge, sie Wahlkampfhilfe: Bei etlichen Dosen Red Bull, jeder Menge Alkohol und Zigaretten diskutierte FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache im Jahr 2017 mit einer angeblichen Millionärin fragwürdige Geschäfte. Die Rekonstruktion eines denkwürdigen Abends.