bedeckt München 23°

Berliner Museumspolitik:Meuterei auf der Museumsinsel

Stiftung preußischer Kulturbesitz Berliner Museen

19 Direktoren der Berliner Staatlichen Museen haben gemeinsam einen Brandbrief geschreiben und ihn auf die offizielle Museumswebsite gestellt.

(Foto: dpa)

In einem "Brandbrief" fordern die Direktoren der Berliner Museen Mitsprache bei der Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Doch Präsident Hermann Parzinger gestaltet derweil schon mal selbst.

Von Jörg Häntzschel

Dass ein paar Museumsdirektoren sich öffentlich zu Wort melden, ist kein großes Ereignis. Doch wenn 19 Direktoren der Berliner Staatlichen Museen gemeinsam einen Brandbrief schreiben und ihn auf die offizielle Museumswebsite stellen, dann kommt das, so einer von ihnen, "einer Meuterei gleich".

Die Stellungnahme, die am Freitag veröffentlicht wurde, erscheint knapp vier Wochen, nachdem der deutsche Wissenschaftsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), zu der die Museen gehören, in einem Bericht "strukturelle Überforderung" bescheinigte und ihre Zerteilung in vier autonome Einheiten empfahl. Was die Museumsdirektoren nun empört, ist, dass diejenigen den Reformprozesses leiten sollen, die die Missstände jahrelang mitverantwortet haben. Dass also die Reform der zentralistisch organisierten SPK ebenfalls zentralistisch vollzogen wird.

Genau so wird es wohl kommen. Bei der Stiftungsratssitzung am 19. August soll eine für die Reform zuständige Arbeitsgruppe eingesetzt werden, der außer Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Stiftungspräsident Hermann Parzinger nur noch dessen Vize Gero Dimter und eine "Person X" angehören. Der machtbewusste Parzinger leitet die Stiftung seit zwölf Jahren und scheint dies auch noch viele Jahre tun zu wollen.

Dieses Verfahren halten die Direktoren für völlig falsch: "Wir brauchen keine Gruppe, die ohne uns und über unsere Köpfe hinweg berät, wie die Lage der Museen zu verbessern ist". Statt fordern sie, "in den Reformprozess mit Sitz und Stimme einbezogen" zu werden.

Parzinger sagt, es ginge darum, die "Kommunikation" mit der Stiftungsleitung zu verbessern

Der Bericht des Wissenschaftsrats fasst die Ergebnisse einer zweijährigen Evaluierung zusammen, die Grütters in Auftrag gegeben hatte. Die Gutachter lobten einzelne Einrichtungen. Doch die "dysfunktionalen Strukturen" in der mit über 2000 Mitarbeitern längst viel zu groß gewordenen Gesamtstiftung machten deren Teile nahezu manövrierunfähig.

Bei den Mitarbeitern der SPK stießen sowohl Diagnose als auch Therapievorschläge der Gutachter auf ein positives bis begeistertes Echo. "Wenn die Gutachter zu dem Eindruck kommen, dass eine Tendenz zur Zentralisierung und Konzentration von Aufgaben ineffiziente Strukturen, überkomplexe Prozesse und Kommunikationsprobleme erzeugt hat, dann geben sie damit alltägliche Erfahrungen aus dem Bereich der Museen wieder", schreiben die Direktoren. Doch dass sich vor ihrer Verrentung tatsächlich etwas ändern würde, bezweifeln viele.

Was sie pessimistisch machte, war schon Grütters' zögerliche Reaktion. Jahrelang hatte sie angekündigt, die SPK "neu aufzustellen". Auch das "Problem P" sprach sie an. Als sie den Bericht dann in Händen hielt, murmelte sie etwas von "wichtigem ersten Schritt" und warnte: "Möglicherweise werden nicht alle Empfehlungen ein zu eins umgesetzt werden können". Von einem Machtkampf gegen Parzinger, den sie nun mit dem Bericht munitioniert hätte führen können, schien sie weit entfernt. Stattdessen rückte sie ihn prominent ins Bild.

Parzinger wiederum, von dem manche in der SPK durchaus erwartet hatten, er würde angesichts des vernichtenden Urteils der Gutachter hinwerfen, zog sich wie selbstverständlich das Kostüm des Reformers an. Doch wie er die Rolle spielen will, darauf lässt ein Fragebogen schließen, in dem er sich nach der Einschätzung der Museumsdirektoren erkundigt. Als hätten die Gutachter nicht geraten, die Stiftungsleitung abzuschaffen, fragt er, wie sich die "Kommunikation zwischen den Einrichtungen und der Stiftungsleitung" verbessern ließe. Als hätten sie nicht die Auflösung der Stiftung gefordert, möchte er über das "Verhältnis von Zentralität und Dezentralität" und die Aufgaben einer "zentralen Serviceeinrichtung" sprechen. Er nennt den Fragebogen, der der SZ vorliegt, "den ersten Schritt eines Reformprozesses auf der Grundlage der Empfehlungen des Wissenschaftsrates". Doch in Wahrheit unterläuft er diese damit. In etlichen Interviews hat er sich schon kritisch gegen die Auflösung ausgesprochen.

Ob sich die Museumschefs mit ihrem Vorstoß allerdings einen Gefallen getan haben, ist fraglich. Noch bevor sie Mitsprache verlangen, fordern sie nämlich mehr Geld. Damit lenken sie vom eigentlichen Ziel, der Neugliederung, ab und liefern den Verantwortlichen einen Vorwand, die gewaltige Aufgabe zu vertagen, bis sich die Haushalte von der Corona-Krise erholt haben. Dabei ließen sich schon jetzt ohne Kosten viele Verbesserungen einleiten - Verbesserungen, die auch die andere heikle Frage nicht berühren, die das Gutachten aufgeworfen hat: Die nach der Rolle der Länder. Während die Gutachter deren Beteiligung auch angesichts ihrer verschwindend geringen Beiträge für überholt halten, verweisen die Länder auf den Kulturföderalismus. So könnte man sich im schlimmsten Fall noch eine ganze Weile im Kreis drehen.

© SZ vom 08.08.2020/khil
Politikwissenschaftler Achille Mbembe

SZ Plus
Coronavirus
:Was wirklich zählt

Covid-19 bestätigt dunkle Ahnungen, führt uns das Chaos, die Gewalt und die Ungerechtigkeit vor Augen, die die Welt strukturieren - schreibt der Philosoph und Historiker Achille Mbembe. Wann denken wir endlich um?

Gastbeitrag von Achille Mbembe

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite