"Mehr Rationalität" von Steven Pinker:Erkläranlagen

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A general view of the exterior of the Comet Ping Pong pizza restaurant in Washington

Wer sich bei Verschwörungserzählungen darauf konzentriert, dass es ihnen an innerer Logik mangelt, gerät in Gefahr, das Wesentliche zu verfehlen: Fassade der Pizzeria Comet Ping Pong in Washington, die 2016 im Mittelpunkt von Fake News stand, nach denen die damalige demokratische Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton dort einen Kinderpornoring betrieb.

(Foto: Jonathan Ernst/Reuters)

Der Harvard-Psychologe und Bestseller-Autor Steven Pinker hat ein Buch über die Fallen der Vernunft geschrieben. Dass er ihnen selbst oft nicht entkommt, erzählt auch viel über uns alle.

Von Burkhard Müller

Etwa ein Prozent aller Frauen erkranken pro Jahr an Brustkrebs. Der übliche Test, mit dem man ihn diagnostiziert, gibt mit einer 90-prozentigen Trefferquote das korrekte Resultat an, positiv oder negativ. Wenn man also alle Frauen testet und eine bestimmte von ihnen ein positives Resultat erhält - wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich an Brustkrebs erkrankt ist?

Der weit überwiegende Teil der Probanden, einschließlich der befragten Ärzte, erwiderte darauf: 90 Prozent. Aber das ist völlig verkehrt, wie man durch eine simple Überlegung herausfindet. Zwar wird bei 90 Prozent der Erkrankten der Krebs tatsächlich entdeckt. Aber weil ja alle Frauen getestet worden sind, ergibt sich, dass auch von den 99 Prozent der Gesunden 10 Prozent eine falsche, also in ihrem Fall positive Diagnose bekommen. Von den elf Frauen mit positivem Befund hat also nur eine wirklich Krebs. 90 Prozent der positiv Getesteten sind gesund. Der intuitive Irrtum speziell der Ärzte bedeutet keineswegs eine Trivialität; denn auf dieser Grundlage werden sie eine Therapie vorschlagen, die vermutlich auf eine OP hinausläuft - obwohl das in rund zehn von elf Fällen überflüssig wäre.

Pinker ist der Star unter den Kognitionspsychologen. "Time" zählte ihn zu den 100 einflussreichsten Menschen

Intuitiv falsche Annahmen dieser Art bilden das Kernthema von Steven Pinkers neuem Buch Mehr Rationalität. Eine Anleitung zu besserem Gebrauch des Verstandes". (Die öfters recht verzwickte Gedankenführung wird den Lesenden durch kleine Comics und Anekdoten versüßt.) Der in Harvard lehrende Pinker ist der Star unter den Kognitionspsychologen und wurde vom Time Magazine zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt gezählt. In den 17 Büchern, die er seit den 80er-Jahren verfasst hat und die sich auch großen populären Erfolgs erfreuen, geht es um Aufklärung, Sprachevolution, guten wissenschaftlichen Stil und die menschliche Natur. Auch in diesem neuesten Werk, das er am Schluss mit einem alphabetischen Register der von ihm behandelten denksystemischen Irrtümer versieht - vom "Ad-hominem-Fehlschluss" bis zu "Zielscheibenfehler" und "Zirkelbeweis" -, geht er über das rein statistisch-logische Programm hinaus und erweitert das Feld in Richtung allgemeinerer Überlegungen zur Gesellschaft, wie sie ist und wie sie sein sollte.

Damit beginnen die Probleme des Buchs. Es sind im Wesentlichen drei. Erstens empfiehlt es sich als probates Gegenmittel zu dem, was in der Gegenwart, und verstärkt seit der Präsidentschaft Donald Trumps, an Fake News, Quacksalberei, Verschwörungserzählungen und postfaktischer Rhetorik in die Welt gesetzt wird. Aber wer sich darauf konzentriert, dass es alldem an innerer Logik mangelt, gerät in Gefahr, das Wesentliche daran zu verfehlen und den Gegner mithin zu unterschätzen. Es handelt sich ja nicht primär um Fehlschlüsse, die sich korrigieren ließen - dann wäre alles wieder in Ordnung, Trump griffe sich an den Kopf und sagte: "Ach ja, du hast recht!" Sondern um gezielte Lügen, Verleumdungen und Überrumpelungen, deren Urheber auf das widerlegende Argument eher nicht mit Einsicht reagieren, sondern mit Halsstarrigkeit und Aggression.

Rationalität nur im eigenen Interesse zuzulassen, ist gewiss kein irrationales Verhalten

Wenn Trumps Berater Steve Bannon, wie Pinker ihn zitiert, als politische Taktik ausgibt: Überflutet sie mit Scheiße!, dann ist der Bau einer Kläranlage offensichtlich keine geeignete Gegenmaßnahme: Die schiere Masse soll die feinen Filter verstopfen, und tut es. Relativ spät und knapp geht Pinker darauf ein, dass das menschliche Erkenntnisvermögen sich nur selten auf einem ausgeglichenen Niveau befindet, sondern wie Wasser in Richtung des Eigeninteresses fließt: Was nützt, leuchtet den Leuten ein, auch wenn es eine komplexe Struktur aufweist; was ihnen schaden würde, das kann man ihnen nicht recht begreiflich machen. Und daran wird die unbedingte Forderung nach "Rationalität" zuschanden, beziehungsweise ihr Begriff entfaltet eine zusätzliche Dimension, mit der Pinker nicht zurande kommt. Denn die Rationalität nur dort zuzulassen, wo man sie für die eigenen Zwecke instrumentalisieren kann, ist gewiss kein irrationales Verhalten - womit wir bei Problem Nummer zwei sind.

"Mehr Rationalität" von Steven Pinker: Steven Pinker: Mehr Rationalität. Eine Anleitung zum besseren Gebrauch des Verstandes. Aus dem Englischen von Martina Wiese. Fischer, Frankfurt am Main, 2021. 432 Seiten, 25 Euro.

Steven Pinker: Mehr Rationalität. Eine Anleitung zum besseren Gebrauch des Verstandes. Aus dem Englischen von Martina Wiese. Fischer, Frankfurt am Main, 2021. 432 Seiten, 25 Euro.

Um diesen Tatbestand der interessegeleiteten Intelligenz angemessen darzustellen, müsste man Dialektiker sein - und das ist Pinker, der sich vor allem auf die angelsächsischen Denker beruft und die kontinentale Philosophie fröhlich ignoriert, ganz bestimmt nicht. Sein Scharfsinn ist ein partikularer. Sobald er das Gebiet der Logik und Statistik im engeren Sinn verlässt, wo er sich wirklich auskennt, schwirren ihm die Kategorien bunt durcheinander. Vernunft, Verstand, Aufklärung, Denken und Rationalität bedeuten für ihn sämtlich ungefähr dasselbe.

Gleich die allerersten Sätze von Pinkers Text lauten: "Rationalität sollte der Leitstern all unseres Tuns und Denkens sein. (Falls Sie anderer Ansicht sind - sind Ihre Einwände rational?)" Man betrachte in aller Ruhe, welche Unfälle dem Autor bereits hier, wo er noch kaum einen Fuß in die Tür gesetzt hat, zugestoßen sind. Wer bitte hat es denn bestimmt, dass Rationalität diese exklusive Rolle spielen soll? Gibt es nicht weite Lebensbereiche, in der Rationalität einen manifest untergeordneten Platz einnimmt, etwa wenn sich jemand verliebt? Das ist eine petitio principii, also die illegitime Erschleichung des ersten Grundes, auf dem alles Weitere aufbauen soll - mal ganz abgesehen davon, dass Pinker mit seinen Forderungen die Rationalität im System der Moral verortet, wo sie zweifellos nicht hingehört.

Pinker verlangt nichts Geringeres, als das Amt des Richters abzuschaffen und seinen eigenen Anwalt auf den Richterstuhl zu heben

Der Autor, der so was gespürt haben mag, rennt prompt in die nächste Falle. Wer es wagen sollte, ihm zu widersprechen, der hätte sich in dem, was er sagt, dennoch dem universalen Gericht der Rationalität zu unterwerfen, von dem er mutmaßlich verurteilt würde. Aber der Einwand besteht ja gerade darin, dessen Zuständigkeit anzuzweifeln. Pinker verlangt also nichts Geringeres, als das Amt des Richters abzuschaffen und seinen eigenen Anwalt auf den Richterstuhl zu heben - was sich mit keiner logischen oder juristischen Prozessordnung vereinbaren lässt. Und dieser Mann will uns was über interessengelenkte Schlauheit und Dummheit erzählen? Man schmunzelt, ganz wie der Autor das möchte - aber nicht mit, sondern über ihn.

Pinker unterläuft noch so mancherlei. Über Verschwörungstheorien ist so gut wie gar nichts gesagt, wenn man sie als "falsch" bezeichnet. Sie haben in einer Gesellschaft ihre unmissverständliche Aufgabe, indem sie die Komplexität der Welt bequemerweise in ein Zweierlei von Drinnen (böse Täter) und Draußen (arme Opfer) scheiden. Damit wird für ethische und sachliche Klarheit gesorgt. Bei der von ihm geschätzten Spieltheorie sieht er davon ab, dass die dargestellten Situationen sich niemals in der erforderlichen Reinheit darbieten - es genügt, wenn ein Mitspieler schlicht anständig ist, und die ganze Theorie geht den Bach runter.

Mehr Geld führt zu größerem Glück, schreibt der Autor. Dass man Glück nicht wie Münzen zählen kann, übersieht er

Und er geht, Problem Nummer drei, vollumfänglich jener soziologisch-psychologischen Betriebsblindheit auf den Leim, die bei wissenschaftlichen Studien immer nur die Reliabilität (stimmen die Zahlen?) im Blick hat und niemals die Validität (messen die Zahlen, was sie zu messen vorgeben?). Frohgemut entwirft er, um den Begriff der Korrelation zu erläutern, ein zweiachsiges Koordinatensystem, bei dem an die eine Achse das Bruttosozialprodukt eines Landes angetragen wird und an die andere das in Punkten angegebene Glückslevel, woraus dann wunderbarerweise resultiert, dass die Leute umso glücklicher sind, je mehr Geld sie haben. Dass man Glück niemals so messen kann wie einen Kontostand, dass jeder sich darunter etwas anderes vorstellt, dass manche Menschen sich schon aus Vorsicht oder Aberglaube lieber nicht als glücklich bezeichnen wollen, auch wenn sie keinen Grund zum Meckern haben - dass diese ganze zweite Achse also nichts ist als ein pseudowissenschaftliches Phantasma: daran denkt Pinker nicht einmal.

Noch schlimmer wird es, wenn er auf ähnliche Weise den Zusammenhang von Demokratie und Frieden zeigen will, ohne der Kategorie des Politischen den Hauch einer Chance zu geben; hier sind gleich beide Achsen unbrauchbar. Den weltweit höchsten Demokratie-Koeffizienten von +10 erkennt er übrigens Norwegen zu, wobei ihm offenbar entgangen ist, dass dieses Land eine Erbmonarchie besitzt.

Um es in einer Weise auszudrücken, die auch Pinker verstehen würde: Für das, was dieses Buch richtig und aufschlussreich darstellt, bekommt es auf der Skala von +10 bis -10 eine +6; doppelt so umfangreich sind allerdings seine Ausgriffe in ihm fremdes Terrain, wofür es die Note -8 erhält. Das ergibt in der Gesamtwertung (6 + [2 x -8 ]) : 2 = -5 Punkte. Kein gutes Buch.

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