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"W.", Roman von Steve Sem-Sandberg:Der Woyzeck in uns

Johann Christian Woyzecks Hinrichtung am 27. August 1824 auf dem Marktplatz in Leipzig, Federlithografie von C. G. H. Geißler Originalbeschriftung: I. C. Woyzeck geht seinem Tode als reuevoller Christ entgegen, auf dem Marktplatze zu Leipzig. den 27. Augu

Gesellschaftsereignis: Johann Christian Woyzecks Hinrichtung am 27. August 1824 auf dem Marktplatz in Leipzig.

(Foto: Christian Gottfried Heinrich Geißler)

Steve Sem-Sandberg, der schwedische Schriftsteller und Nobelpreis-Juror, erzählt einen berühmten Stoff neu. Das historische Material ist da, aber das Innenleben des infamen Menschen "W." muss immer wieder erfunden werden.

Von Christoph Bartmann

Am 27. August 1824 wurde in Leipzig der vierundvierzigjährige Johann Christian Woyzeck wegen Mordes an Johanna Christiane Woost hingerichtet. Sein Fall hatte schon zu Woyzecks Lebzeiten, lange bevor er dann durch Georg Büchner, Alban Berg oder Werner Herzog verewigt wurde, für Aufsehen gesorgt. Der gerichtliche Gutachter Johann Christian August Clarus hat seine Befragung des jahrelang in Haft sitzenden "Inquisiten" Woyzeck in der Schrift "Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders Johann Christian Woyzeck nach Grundsätzen der Staatsarzneikunde aktenmäßig erwiesen" ausführlich dokumentiert.

Um die Frage von Woyzecks "Zurechnungsfähigkeit" ist in den Jahren nach seiner Exekution eine juristische Debatte entbrannt. Wie soll man Woyzecks "periodischen Wahnsinn" bewerten? Seit seinen Jugendjahren hört er Stimmen, leidet an Halluzinationen, epileptischen Anfällen und Verfolgungswahn - und zeigt sich doch in vielen Lebenslagen verständig und patent, vor allem als Soldat. Alban Berg wollte in seinem "Wozzeck" das Leid und den Wahn seines Protagonisten auf dessen Kriegsdienst zurückführen und erkannte darin seine eigene Traumatisierung im Ersten Weltkrieg wieder. Solchen Rezeptionen ist es zu verdanken, wenn man heute bei Johann Christian Woyzeck weniger an den Frauenmörder denkt als an die Verkörperung einer "gequälten Kreatur".

Der schwedische Schriftsteller Steve Sem-Sandberg legt nun einen eindringlichen Woyzeck-Roman mit dem Titel. "W." vor, der aus den historischen Quellen schöpft und das damals zentrale Thema der "Zurechnung" um den Aspekt der (polizeilichen, pädagogischen, medizinischen) "Zurichtung" erweitert. Wer etwas von Sem-Sandberg gelesen hat, weiß, dass solche Fragen bei ihm nicht neu sind. Fast immer geht es bei ihm um, je nachdem, "Eingeschlossene" oder "Ausgeschlossene". So in den "Elenden von Łódź" (deutsch 2013), dem Roman über das Łódźer jüdische Ghetto und das Wirken des "Judenrats", und wieder in "Die Erwählten" (deutsch 2015), dem Buch über die Wiener Euthanasie-Anstalt "Spiegelgrund". Beide Romane sind literarisch bestechend in ihrer Verbindung von fiktiven und investigativen Elementen, und zugleich sind sie schwer zu verkraftende Lektüren.

Die richtigen Worte, um seine innere Welt zum Sprechen zu bringen

Wenn sich Sem-Sandberg nun also Woyzeck oder "W." vornimmt, ahnt man, dass es auch diesmal nicht weniger niederschmetternd zugehen wird. Ist nicht Woyzeck der paradigmatische Fall eines Ein- und Ausgeschlossenen? "Woyzeck. Er hat eine Aberratio", zitiert Sem-Sandberg eingangs den Doktor aus Büchners Drama. Woyzeck ist krank, aber es gibt keine Diagnose und keine Behandlung für seine Krankheit. Er wird lebenslang gedemütigt und verachtet, die Frauen, zu denen es ihn zieht, verspotten ihn. Er ist einer jener "infamen Menschen" an der Unterseite der hegemonialen Ordnung, über die einmal Michel Foucault schrieb.

Zugleich ist Woyzeck eingeschlossen, nicht erst im Kerker, sondern immer schon, in den Käfig seiner krankhaften Zustände, aus dem es keine Entlassung gibt. Bei Sem-Sandberg ist die ganze Welt gleichbedeutend mit Woyzecks Käfig. Es ist die Welt, insofern sie Woyzeck zustößt. Selten etwa macht ein Roman so viele Worte um das Wetter wie dieser, und immer ist es ein extremes, bedrängendes und bedrückendes, übermäßig feuchtes oder eisiges Wetter, jedenfalls für Woyzeck. Die Welt außerhalb von Woyzeck ist diejenige, die ihn entweder verlacht oder die ihn, mit den Mitteln von Recht, Medizin und zeitgenössischer "Polizeywissenschaft", verhört, vermisst und schließlich verurteilt.

Und doch ist das Leben des infamen, also ruhmlosen Menschen Woyzeck eine cause célèbre geworden. Hätte es die damalige Diskussion um Woyzecks Zurechnungsfähigkeit nicht gegeben, und hätte sich nicht sogar der sächsische Thronfolger mit einem Gutachten (vergeblich) für ihn eingesetzt, dann wäre auch Georg Büchner kaum auf den Stoff aufmerksam geworden. Sem-Sandbergs Roman ist so etwas wie ein Wechselgespräch zwischen "Wahnsinn" und juristisch-medizinisch-polizeilicher "Rationalität" am Anfang des 19. Jahrhunderts, zwischen "Inquisiten" und Inquisition.

Die Seite der Inquisition ist quellenmäßig gut belegt, die Seite des Delinquenten dagegen, sofern sie nicht aktenkundig ist, muss mit Fiktion gefüllt werden. Man kann nicht wissen, was die richtigen Worte sind, um Woyzecks innere Welt zum Sprechen zu bringen, aber dennoch empfindet man Sem-Sandbergs sprachlichen Zugriff auf Woyzeck und seine Qualen nie als Übergriff. Aber auch der anti-psychiatrische Freispruch für Woyzeck, den Täter, findet nicht statt. Woyzeck ist ein Mörder, er hat die Witwe Woost erstochen, auch wenn innere Stimmen es ihm möglicherweise befahlen. Für Woyzeck und Johanna und für die Anziehung und Abstoßung zwischen ihnen findet Sem-Sandberg taktvolle Worte.

Natürlich geht es bei alledem immer auch um den, wenn man will, "Woyzeck in uns", um Lebensbahnen, die nicht nach Plan verlaufen, sondern in denen sich, mit Büchners Doktor, gesprochen, eine "aberratio", eine Abweichung und Verirrung, geltend macht. "Wie erzählt man von einem Leben?", heißt es an einer Stelle, und der da spricht, ist jemand, der Woyzecks Gedanken einen Ausdruck verleihen will. Als Bewegung in eine Richtung sei dieses, Woyzecks Leben, nicht darzustellen. "Vielmehr scheint es jedes Mal ein unsicheres Stückchen vorangeschritten zu sein, um dann auf sich selbst zurückgefaltet zu werden, wie wenn man Stoff zusammenlegt: eine Bahn auf die andere, Kante auf Kante, Naht auf Naht." Aber wie sollte einer wie Woyzeck das dem Hofrat Clarus erklären können?

© SZ/masc
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