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"Fire it Up" von Steve Cropper:Perfekt, Mann!

THE BLUES BROTHERS, from left: Matt Murphy (aka Matt Guitar Murphy), Steve Cropper (aka Steve The Colonel Cropper), 1980

"Wir stellen eine Band zusammen. Ich brauche dich morgen hier." Steve Cropper (rechts; mit Matt "Guitar" Murphy) im Film "The Blues Brothers".

(Foto: Universal/Imago Images/Everett Collection)

Blues Brother Steve Cropper hat für alle gespielt: Sam & Dave & Wilson & Otis & Aretha & Janis & Booker & Neil. Mit fast 80 spielt er jetzt noch mal nur für sich. Ein Video-Treffen.

Von Jakob Biazza

Falsch sei, dass John Belushi ihn mitten in der Nacht angerufen habe. Belushi sei durchaus begnadet darin gewesen, sich zu Unzeiten zu melden - je später, desto energischer. Das schon. Aber als der Schauspieler den Gitarristen Steve Cropper für die Blues Brothers gewinnen wollte, war es Mittag. Richtig überliefert sei hingegen, dass er, Cropper, zwei Mal aufgelegt habe. Zum einen, weil er gerade im Studio saß und arbeitete. Und wenn er im Studio ist und arbeitet, "dann hast du mich nicht zu stören - egal wie du heißt". Zum anderen glaubte er dem Anrufer seine Identität nicht. Man kannte sich nicht gut. "Ich dachte, es sei ein Freund, der Essen gehen und sich erst einen Spaß mit mir erlauben wollte."

Richtig sei auch, dass der Dialog, der sich an den dritten Versuch anknüpfte, eigentlich direkt in den "Blues Brothers"-Film von 1980 gehört hätte.

Belushi: "Wir stellen eine Band zusammen. Ich brauche dich morgen hier."

Cropper: "Keine Chance, ich mische ein Album."

Belushi: "Ich muss dich haben!"

Cropper: "Geht nicht."

Belushi: "Ich MUSS dich haben!!"

SNL 40th Anniversary Special

"Ich muss dich haben!": John Belushi als Jake Blues und Dan Aykroyd als Elwood Blues (v.r.) bei "Saturday Night Live" im Jahr 1978.

(Foto: Al Levine/AP)

Das Ganze zog sich etwa eine Stunde. Ein paar Tage später waren sie alle in New York. Paul Shaffer, der Musical Director der "Saturday Night Live"-Band, hatte Belushi eine Liste von Leuten gegeben, die er brauchen würde, wenn er eine glaubwürdige Formation wollte, die in der Sendung für Steve Martin eröffnen könnte. Belushi hatte sie alle bekommen - die ganzen Spitznamen-Größen: Steve "The Colonel" Cropper, Matt "Guitar" Murphy, Donald "Duck" Dunn. Daneben SNL-Mitglieder wie Tom "Bones" Malone und Alan Rubin. Nein, keine Sorge, den Trompeter nannte man "Mr. Fabulous". Drummer Steve Jordan hatte keinen Beinamen - aber einen höllischen Shuffle-Groove. Eine gemeingefährliche Band. Ihre Version von "Soul Man" schaffte es auf Platz 14 der US-Charts. Da gab es den Film noch nicht mal. "Gimme Some Lovin'" erreichte Platz 18. Ihretwegen trug die halbe westliche Welt ein paar Jahre lang die "Wayfarer"-Brillen von Ray Ban.

Man vergisst das in Europa leicht, weil man sie hier eher mit dem immer wieder brillant in den Klamauk kippenden Film um Belushi und Dan Aykroyd zusammenbringt (in seiner Startwoche war nur "Das Imperium schlägt zurück" erfolgreicher), aber die Blues Brothers spielten ihre Musik mit der sehr amerikanisch abgeklärten Coolness verdammter Profis. Und der Leidenschaft, ohne die man kein solcher Profi wird. Und stage-right, zwischen Bass und Keys, nun also: Cropper. Die Telecaster im Anschlag. Aufwühlend in seiner Ruhe. Wenigstens ein paar kannten damit jetzt auch sein Gesicht. Nicht nur seine Songs.

Keith Richards haben sie mal gefragt, wie er Cropper findet. Antwort: "Perfect, man!"

Ach so: Cropper hat "(Sittin' On) the Dock of the Bay" mitgeschrieben. Ja, das von Otis Redding. "Soul Man" von Sam & Dave auch. Und Eddie Floyds "Knock on Wood". Für Wilson Picket: "In the Midnight Hour". Und natürlich "Green Onions", den Hit von Booker T. & the M.G.'s, der Hausband des Labels Stax, der Cropper angehörte. Produziert und gespielt hat er außerdem für Rod Stewart, Eric Clapton, José Feliciano, The Jeff Beck Group, Ringo Starr, John Lennon, Tower of Power. Um nur ein paar zu nennen.

Ziemlich blöde Journalisten-Frage: Hat er unter den Menschen, für die er gearbeitet hat, einen Favoriten?

Ziemlich coole Gitarristen-Antwort: "Wie sollte es da einen geben? Ich habe ja für jeden gearbeitet."

Gesprochen im Zoom-Call aus einem nun nicht übermäßig modernen Wohnzimmer in "Nashville, Tennessee" - eine Ortsbezeichnung, die bei Cropper quasi nur aus dem Umlaut "Ä" besteht. Er hat aus Missouri, wo er vor noch nicht ganz 80 Jahren geboren worden ist (auf einer Farm, erst als er sieben Jahre alt war, gab es dort Strom), einen Akzent mitgebracht, als würde er beim Reden halbgare Maiskolben kauen. Am Freitag veröffentlich er ein Solo-Album.

"Fire it Up" (Mascot Label Group) ist das erste seit 1969. Sagt das Label. Sagt Cropper jetzt auch. Aber nicht ganz so überzeugt. Man muss ein paar Werke, zum Beispiel aus den Achtzigern, etwas uminterpretieren, um die historische Dimension hinzubekommen. Die seien "eher Kollaborationen" gewesen, sagt das Label. Sagt Cropper. Na gut, also dann: jetzt nur er. Mit ein paar Musikern, die nicht ganz so wichtig sind. Er und seine Gitarre sind der Groove. Und der Groove ist bei Cropper nun mal der Song.

Der Opener: "Bush Hog Part 1". Das einzige Instrumental. Leider. Ist die beste Nummer und klammert das Album als Intro und Outro ein. Langsames Mid-Tempo, aber seltsam treibend. Zu Spitzenzeiten spielen in dem Song etwa fünf von Croppers genreprägenden Soul-Gitarren gleichzeitig. Bei Phil Spector hätten sie mit dem Bass eine "Wall of Sound" ergeben, hier sind sie viel zu sehr absoluter Coolness verpflichtet, um sich aufzumandeln. Bush Hogs sind flache, breite Rasenmäher, die man hinten an den Traktor hängt. Das kommt hin. "I'm Not Havin' It": bouncende Rhythm-Section, muskulöse Bläser. "Far Away": Soul-Glück. "Say You Don't Know Me": Rhythm & Blues-Kraftmeierei. Dazwischen ein paar Songs, die womöglich ein bisschen egal sind. Und vieles, bei dem man sonst die Originalreferenzen bemühen würde: Sam & Dave & Wilson & Otis & Aretha & Janis & Booker. Unfug hier. Wenn etwas nach "Soul Man" klingt, klingt es ja mindestens auch nach Cropper.

The Staple Singers

Steve Cropper (vorne) hat immer gehofft, einen zu finden, der mit derselben Leidenschaft für ihn spielt, mit der er das für andere (hier die "Staple Singers") getan hat.

(Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images)

In den blöden Listen mit den "greatest guitarists of all time" ist er deshalb weit vorne. Als Rhythmus-Gitarrist. Mag was heißen. Keith Richards (Platz 4; Beiname: "The Human Riff") haben sie mal gefragt, wie er Cropper findet. Absolut coole Gitarristen-Antwort: "Perfect, man!" Auf dem Album hat Cropper übrigens alle Gitarren selbst gespielt. Er habe immer gehofft, einen zu finden, der mit derselben Intensität und Leidenschaft für ihn spielt, mit der er das für andere getan hat.

Und? "Hab' keinen gefunden."

© SZ/clu
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