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"The German Girl" von Ulrike Sterblich:Zu gut, um gesund zu sein

Katharine Graham, Truman Capote

Katharine Graham, Herausgeberin der Washington Post, 1966 beim "Black and White Ball" von Truman Capote - auch ein Dauergast der Spritzen-Doktoren.

(Foto: AP/AP)

Als die Feelgood-Doctors die Stars der Stars waren: Ulrike Sterblichs Roman "The German Girl" spielt im drogenschwangeren New York der Sechziger. Eine Wirklichkeit, die womöglich verrückter war als jede Fiktion.

Von Christiane Lutz

Am 8. Februar 1971 erschien im New York Magazine die Titelgeschichte: "Doctor Feelgood, are you sure it's all right?" - "Herr Doktor Feelgood, sind Sie sicher, das ist in Ordnung"? Die Journalistin Susan Wood ergründet in der Reportage das Geschäft der sogenannten "Feelgood-Doctors", die in den Sechzigern die New Yorker Prominenz und alle, die es sich leisten wollten, legal mit Drogen versorgten. Wie es sich für eine investigative Recherche gehört, ließ sich Wood selbst die sagenhaften Spritzen verabreichen. Sie habe ohnehin viel Zeit für Neues gehabt, ihre Ehe war gerade in die Brüche gegangen.

Was die Feelgood-Doctors ihr da genau injizierten, ahnt Wood nur: Amphetamine, Vitamine, Beruhigungsmittel und was den Ärzten sonst noch einfiel, Bestandteile menschlicher Plazenta zum Beispiel. Total harmlos, versicherte eine Freundin, die Spritzen würden sie allenfalls in die moderne Gegenwart katapultieren. "If you're down he'll pick you up, Doctor Robert, take a drink from his special cup", singen die Beatles in "Doctor Robert" und die Rolling Stones beschwören die pillenförmigen "Mother's little Helpers". Wirklich jeder, so scheint es, nahm damals irgendwas.

Davon handelt das dokumentarisch-fiktionale Romandebüt "The German Girl" der deutschen Autorin Ulrike Sterblich. Die bekanntesten Feelgood-Doctors der Zeit hießen Max Jacobson und Robert Freymann, beides Deutsche, die in Berlin studiert hatten. Jacobson war Jude und floh 1936 vor den Nationalsozialisten nach New York, wo er eine schicke Praxis an der Upper Eastside eröffnete. Robert Freymann soll der von den Beatles besungene "Doctor Robert" sein. Aber nicht nur die Beatles tranken gern aus dem "Special Cup" der Doctores, die Liste der prominenten, nun ja, Patienten ist eindrucksvoll: Marylin Monroe, Maria Callas, Liz Taylor, Eddie Fisher und Truman Capote waren bei ihnen, Tennessee Williams fand die Behandlung "sagenhaft anregend". Der wohl berühmteste Spritzenempfänger war John F. Kennedy. Er taucht nicht persönlich auf im Roman, das hat Ulrike Sterblich dann offenbar doch nicht gewagt. Den ewig kranken Präsidenten hatte Max Jacobson 1961 sogar nach Wien begleitet - und ihn fitgespritzt, damit er sein Treffen mit Nikita Chruschtschow schmerzfrei durchstehen konnte.

Das vibrierende New York durch die Augen des Models Mona

Die Wirklichkeit ist also verrückter als jede Fiktion. Sterblich nimmt diese Wirklichkeit, setzt die fiktive Protagonistin Mona Friedrich, ein Berliner Model und das titelgebende "German Girl", hinein und vermischt beides zu einem schrägen und sehr unterhaltsamen Porträt der Zeit. Außer ein paar Jobs für Werbekampagnen läuft es in Berlin beruflich nicht allzu gut für Mona, also versucht sie ihr Glück in den USA. Durch Mona hindurch erlebt man dann das New York der Sechziger, das aufregend, aber auch sehr anstrengend gewesen sein muss. "Ich war mir nie sicher, ob in den Sechzigern mehr passierte, weil die Leute länger wach waren (weil so viele auf Amphetamin waren), oder ob die Leute anfingen, Amphetamine zu nehmen, weil so viel los war, dass sie länger wach bleiben mussten, um mitmachen zu können. Wahrscheinlich beides", schrieb Andy Warhol über jene Zeit.

Ulrike Sterblich: The German Girl. Roman. Rowohlt, Hamburg 2021. 384 Seiten, 20 Euro.

Mona lässt sich durch Nachtclubs treiben und auf Partys in die Hamptons einladen. Sie begegnet durchgeknallten Filmemachern, einem Guru in einem winzigen WG-Zimmer und ihrer amerikanischen Doppelgängerin. Niemand hat einen Plan, aber alle haben großen Spaß dabei. Sie fängt eine Affäre mit dem heimatlosen Adam an, der immer unangekündigt und ungeduscht bei ihr aufkreuzt, was sie hinnimmt, weil er so schön ist. Radiomoderator Sidney wiederum verehrt sie sehr und spielt Lieder für sie in seiner Sendung, zum Beispiel "Mona" von Bo Diddley, eines der unzähligen Songzitate des Buches. Auch Aretha Franklin taucht mit "Doctor Feelgood" auf, genau wie Thelonious Monk, Chet Baker und die Doors. Die erwähnten Songs ergeben einen wirklich guten Soundtrack.

Kein Buch über Sucht und Abhängigkeit, auch keine Ode an die Droge

Die Feelgood-Doctors halten die ewige Party am Laufen. Auch Mona landet irgendwann wegen einer Grippe in der Praxis von Doktor Max, einem charismatischen Mann mit kastiger Brille. Nach der Behandlung fühlt sie sich "getragen von einer unerschöpflichen Energie". Darauf folgen Panik und Erschöpfung. Als immer wieder ominöse Haarstoppel in ihrem Waschbecken auftauchen, ist Mona überzeugt, dass sich ein fremder Mann in ihrem Badezimmer rasiert. Da hilft nur ein weiterer Besuch beim Doktor. Diätpillen werden zum ewigen Begleiter, auch bei einem Heimatbesuch in Berlin 1968, das auf sie plötzlich wie die totale Provinz wirkt.

Es sind allerdings nicht die Untiefen der Sucht, über die Ulrike Sterblich schreiben will. Der Roman balanciert höchstens am Rande des Abgrunds, Mona stürzt nicht. Die Autorin interessiert viel mehr das Feelgood-Phänomen. Sie zoomt hinein in die aufgekratzte New Yorker Gesellschaft und eine Zeit, in der die Speed-Doctors, wie sie auch genannt werden, sorglos mit fragwürdigen Substanzen hantieren konnten. "Der Mensch braucht alle Energie, die er kriegen kann, besonders, wenn er selbst viel leisten muss", findet Max Jacobson. Wer würde widersprechen wollen?

Tennessee Williams, Sylvia Sidney

Auch Tennessee Williams, hier Backstage in New York mit Schauspielerin Sylvia Sidney, fand die Spritzen der Doktores "sagenhaft anregend".

(Foto: Carlos Rene Perez/AP)

Ulrike Sterblich lässt sich allerdings auch nicht dazu hinreißen, den Rausch zum Star zu machen. Für eine Ode an die Drogen ist der Roman zu dokumentarisch, zu distanziert gegenüber seinem Personal. Bis zu ihrem Debüt hat Sterblich vor allem an Essaybänden und Sachbüchern mitgearbeitet, 2012 erschien "Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt: Eine Kindheit in Berlin (West)" - eine Art Autobiografie. Das Dokumentarische, die Recherche liegen ihr. Passend dazu ist Monas Geschichte gerahmt von den Recherchen eines Doktor Michael Baden (auch den gab es wirklich), der die Feelgood-Doctors zur Rechenschaft ziehen will, nachdem der Fotograf Mark Shaw (auch echt) an einer Amphetaminvergiftung stirbt. Sterblich springt in der Chronologie der Ereignisse hin und her, von Figur zu Figur, und verliert nie die Fakten aus dem Blick.

Die Autorin kommt oft kaum gegen den Sog der historischen Ereignisse an

Darin liegt aber auch eine Schwäche: Am Ende ist die Realität ist immer noch etwas faszinierender als der Roman. Ein Kampf, den jeder Autor auf sich nehmen muss, der historische Gegenstände hat. Im Idealfall steht die Fiktion für sich, weil sie durch ihre Figuren und Sprache etwas eigenes schafft. Wie in Emma Clines Roman "The Girls", in dem sie vom Leben und den Morden der Manson Family in den Sechzigerjahren erzählt, sich aber von den realen Ereignissen dabei nicht die Show stehlen lässt. So rasant Sterblichs Stil auch ist, sie kommt dagegen oft kaum gegen den Sog der tatsächlichen Ereignisse an, die sie selbst am meisten zu faszinieren scheinen. Mona, zwar liebenswert planlos und undogmatisch, wirkt an manchen Stellen daher wie die Kulissenschieberin für die eigentliche Geschichte. Sie wirkt oft bloß wie die Ticketverkäuferin für die Rutschbahn ins New York vergangener Tage. So ist "The German Girl" vielleicht kein literarisches Großereignis, aber doch eine wilde Reise durch die Vergangenheit.

Weil aber jede Party mal ein Ende haben muss, folgten übrigens nach der Coverstory im New York Magazine damals Recherchen der New York Times, die Staatsanwaltschaft und die ärztliche Berufsaufsicht ermittelten gegen die Spritzen-Doktores. Max Jacobson verlor 1975 seine Lizenz, sein Kollege Robert Freymann machte noch ein paar Jahre weiter. Verwerflich fanden beide ihr Verhalten nie. Freymann veröffentlichte 1982 sogar noch ein Buch mit dem leicht beleidigten Titel "What's so bad about feeling good?"- "Was ist schlecht daran, gut drauf zu sein?"

© SZ/masc
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