Stephen Kings "Der Outsider" Das Unheil kommt von innen

Stephen King ist ein harter Kritiker Donald Trumps. In "Der Outsider" finden sich zahlreiche Verweise auf dessen Politik.

(Foto: Kenzo Tribouillard/AFP)
  • Im Zentrum von Stephen Kings neuem Roman "Der Outsider" steht viele Hundert Seiten lang ein Kriminalfall, der zunächst gar nichts Übernatürliches an sich hat.
  • King hat die Handlung fest in der amerikanischen Gegenwart verankert, Donald Trump ist allgegenwärtig.
Von Nicolas Freund

Von Ludwig Wittgenstein stammt der zum Aphorismus taugende Satz: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Man kann das so verstehen: Was sich nicht erklären lässt, das existiert nicht. Oder rückwärts gelesen: Was außerhalb der eigenen Lebenswelt liegt, das entzieht sich dem Verständnis. Wittgenstein versuchte, mit Sätzen wie diesem, die Welt in eine kristalline Struktur zu gießen.

Eine solche Ordnung ist den Romanen Stephen Kings fremd. Sie zeichnen sich gerade dadurch aus, dass solche Regeln in den Welten, von denen sie erzählen, keine Geltung haben. Lange im Wald hinter dem Familienhaus vergrabene Haustiere erwachen zu neuem Leben und hinter der idyllischen Fassade jeder Kleinstadt lauern Rassismus und Sexismus, die grenzenlos in ein kosmisches Böses übergehen, das dann die Gemeinde heimsucht. Das Unheimliche bei Stephen King ist nicht die Angst vor dem Tod oder vor verdrängten Trieben, sondern vor dem Unberechenbaren, vor der Gewissheit, dass es keine anderen Gewissheiten gibt. Das Böse bei King kommt selten von außen, es sind fast nie Außerirdische oder andere fremde Mächte, die das amerikanische Kleinstadtleben bedrohen, sondern alltägliche Bosheiten im Inneren, die verleugnet und ignoriert unter der Oberfläche gären und irgendwann hervorbrechen.

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In seinem neuen Roman mit dem eigenwilligen deutsch-englischen Titel "Der Outsider" hat King dieses Verfahren im Hinblick auf die Gegenwart neu zugespitzt. Das schien nötig gewesen zu sein, denn in den Vereinigten Staaten Donald Trumps verlieren täglich alte Gewissheiten ihre Geltung und was ihnen nachfolgt, ist noch nicht abzusehen. Die Romane Stephen Kings sind von der Wirklichkeit eingeholt worden. Deshalb steht im Zentrum des neuen Buchs viele Hundert Seiten lang ein Kriminalfall, der zunächst gar nichts Übernatürliches an sich hat.

Der vermeintliche Täter war zum Tatzeitpunkt gar nicht in der Stadt

In Flint City, einer Kleinstadt in Oklahoma, im Herzen Amerikas, wird die Leiche eines selbst für Stephen-King-Verhältnisse bestialisch ermordeten elfjährigen Jungen gefunden. Schon im ersten Kapitel aber scheint der Kindermörder gestellt zu sein. Mehrere Zeugen haben den Englischlehrer und Baseballcoach Terry Maitland mit blutverschmierter Kleidung in der Nähe des Tatorts gesehen. An der Leiche und in dem Lieferwagen, mit dem er den Jungen entführt haben soll, wurden seine Fingerabdrücke gefunden. Der Fall erscheint eindeutig. Polizei und Staatsanwaltschaft von Flint City rücken aus, um Terry Maitland öffentlichkeitswirksam während eines Baseballspiels zu verhaften.

Sehr schnell kommen aber Zweifel an der Täterschaft Terrys auf, denn der beliebte und geschätzte Highschool-Lehrer hat ein wasserdichtes Alibi. Zum Tatzeitpunkt war er gar nicht in der Stadt, sondern bei einem Kongress viele Meilen entfernt. Auch dafür gibt es mehrere Zeugen, außerdem Videoaufnahmen von einer Lesung, die eindeutig ihn zeigen. Und ebenfalls Fingerabdrücke. Wie kann das sein? Fakten stehen gegen Fakten. Was ist wahr und was ist erfunden? Handelt es sich bei einer Variante der Geschichte um Fake News? Und wenn das so ist, wie viel Verlass ist dann noch auf die Faktenträger der Zeugenschaft, der Fingerabdrücke oder des vermeintlich unfehlbaren DNA-Tests? Die Behörden sind mit diesem Widerspruch überfordert. In der ihnen bekannten Welt ist so etwas nicht vorgesehen. Dabei kam noch gar kein Monster vor, sondern höchstens ein Doppelgänger.

Donald Trump ist in Kings Roman allgegenwärtig

Selbst den Figuren des Romans, von denen auch einige aus der von Stephen King vor zwei Jahren abgeschlossenen Krimireihe um den Detektiv Bill Hodges stammen, fällt der Vergleich mit "William Wilson", einer Kurzgeschichte Edgar Allan Poes ein. Darin wird ein Spieler und Betrüger seit der Schulzeit von einem Doppelgänger verfolgt, der immer wieder dessen zwielichtigen Machenschaften enthüllt und den Erzähler schließlich zum Mörder macht. Die Erzählung wurde, etwas einseitig, als Allegorie auf verborgene moralische Konflikte gelesen. In ihr und auch in Kings Roman führt das Erscheinen des Doppelgängers aber noch zu einem anderen, schwerwiegenderen Problem, nämlich der Infragestellung der eigenen Identität.

Stephen King: Der Outsider. Roman. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt. Heyne, München 2018. 752 Seiten, 26 Euro

(Foto: Verlag)

Poes Erzähler fühlt sich vom Erscheinen seines Ebenbilds sofort herausgefordert. In Kings Roman wird Terry für viele seiner Nachbarn spätestens nach der demonstrativen Festnahme auf dem Baseballplatz selbst dann, wenn er unschuldig sein sollte, immer der Kindermörder bleiben, der doch noch irgendwie davongekommen ist.

Das Auftauchen eines Doppelgängers ist ein Angriff auf das Leben der amerikanischen Kleinstadtbewohner, deren Weltbild auf der unbedingten Individualität des Einzelnen fußt. Der Schutz der eigenen, vermeintlich felsenfesten Identität ist auch ein ernstes Anliegen der Kernwählerschaft Trumps, die in eben diesen Regionen der USA anzutreffen ist. Die Abwehrreflexe dieser besorgten Bürger richten sich im Fall Terry Maitlands aber nicht gegen die immer beschworene Bedrohung von außen, sondern gegen die eigenen Mitbürger.

Der Kindermörder, der eigentlich nur ein Outsider sein kann, und der Nachbar fallen zusammen. Der Junge bleibt nicht die einzige Leiche, und die wenigsten Toten in diesem Roman gehen auf das Konto des Monsters, das wie in jedem Stephen-King-Roman dann doch noch irgendwo lauert. Die meiste Gewalt geht von bewaffneten Mitbürgern aus. Angst vor dem Außen führt zum Krieg im Inneren.

King fängt in seinen Romanen eine Stimmung ein, das Gefühl gegenüber etwas, das sich nicht richtig erklären lässt

King ist bei dem Kurznachrichtendienst Twitter ein scharfer Kritiker Donald Trumps, der amerikanische Präsident ist in der Welt seines neuen Romans allgegenwärtig. Die Figuren verdächtigen einander, für ihn gestimmt zu haben, sein Name prangt auf Stoßstangen, sein Antlitz von den Wänden der Diners. Wie sehr King diesen Roman in der amerikanischen Gegenwart verankert hat, zeigt sich schon an solchen Details.

In diesem Land unter Trump stimmt etwas nicht. "Im Norden sah man die Eisenbahnschienen, aber die waren rostig, und zwischen den Schwellen wuchs Unkraut. (...) Dahinter standen auf einem Abstellgleis zwei Güterwagen, deren Räder von Ranken überwuchert waren. Sie sahen aus, als wären sie schon seit dem Vietnamkrieg dort. Nebenan standen Lagerhäuser und alte Reparaturschuppen, die offenbar ewig nicht mehr benutzt wurden, dahinter eine baufällige Fabrikhalle, die von Sonnenblumen und Sträuchern umgeben war. Auf ihre zerbröckelnden rosa Ziegelsteine, die vor langer Zeit rot gewesen waren, hatte jemand ein Hakenkreuz gesprüht." Die Kleinstadt, das heruntergekommene Land und die Morde stehen aber nicht für die Lage der Nation. King ist kein Allegoriker. Der Doppelgänger trägt auch Züge eines Mexikaners, eines Monsters aus einer Legende von jenseits der Grenze. King fängt in seinen Romanen eine Stimmung ein, das Gefühl gegenüber etwas, das sich nicht richtig erklären lässt, etwas, das außerhalb der Welt und der Sprache der Menschen liegt, aber immer mehr in sie hineindrängt.

In "Outsider" ist dieses Unbehagen bedrohlich wie selten zuvor. Im ersten Kapitel, noch vor der Verhaftung Terrys, beobachten zwei schwarze Jungs, wie ein Auto auf den Parkplatz des Baseballplatzes fährt. "'Eindeutig Bullen', sagte der eine. 'Echt jetzt?', sagte der andere. Worauf sie sich wortlos auf ihre Bretter schwangen und schleunigst davonrollten." Die beiden sind Kinder der Vereinigten Staaten Donald Trumps. Sie wissen auch ohne Worte, wovor sie sich in Acht nehmen müssen.

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