Stephen Hawking: Der große Entwurf M für Mysterium

Hier kommt die neue M-Theorie zum Einsatz. Dabei steht M für Mutter oder für Mysterium oder für was-du-willst: So cool sind sie in Cambridge. Zufrieden stellt man fest, dass es in der M-Theorie nicht mehr nur Saiten und Membranen sind, mit denen man die einst problematisch punktförmigen und dennoch schweren, also mit Grundenergie ausgestatteten Elementarteilchen ersetzt hat. Dieses Konzept überzeugte viele Physiker ästhetisch nicht, obwohl es ein Graviton - das hypothetische Quantenteilchen der Gravitation - aus dem Hut zauberte. Aber nun ist die Einfachheit, die die Fans gerade so sexy fanden, dahin.

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Schon in den wissenschaftlichen Arbeiten war Stephen Hawkings Stärke, einen einmal eingeschlagenen Weg mit äußerster Konsequenz zu verfolgen. Natürlich ist das auch seine Schwäche. Wer im neuen Buch Informationen über den aktuellen Stand der Physik sucht, ist falsch. Andere Ideen wie Quantengruppen mit ihrer eleganten Symmetriebrechung oder Martin Bojowalds vor dem Urknall auf links gedrehtes Universum, kennt Hawking nicht. Vielleicht wäre gar ein anderes Wort als Quantisierung nach all den Jahrzehnten und der totalen Verschiedenheit von Relativität und Quantenfeldern angebrachter als die direkte Übertragung Feynmanscher Techniken, wie sie Hawking hier vornimmt. Die Raumzeit verhält sich schließlich zu den Quanten wie die Intelligenz zur Genetik: Wir verstehen wirklich nicht viel davon. Vielleicht stellen wir nicht mal die richtigen Fragen.

Dieses Versäumnis einem Buch wie "Dem großen Entwurf" vorzuhalten, hieße freilich, das Bier der Mönche aus dem Weinglas zu trinken, nachdem man es wie ein Sommelier ins Licht gehalten hat. Die Autoren wägen nicht ab. Sie fragen nicht, ob es zwischen ganz nah am Urknall und dem Urknall selbst nur endlich viele andere Naturgesetze geben kann. Hawking stellt das Konzept der Weltformel, wie es seit Oersteds Entdeckung Mode wurde, nicht in Frage.

Aber auch wenn man die M-Theorie nicht wirklich verstehen kann, wie einst noch Ebertys Lichtbildarchive, liest sich "Der große Entwurf" unbedingt mit großen Gewinn. Das liegt an der ungeheuren Eleganz, mit der die einzelnen Themen zum Leben erweckt werden. Selbst als Vielleser bekommt man äußerst selten solch ein literarisches Juwel vor die Augen. Allein das letzte Kapitel, das vom freien Willen und dem Naturgesetz handelt, ist ein meisterhafter Text, der in jedes Regal gehört. Am besten gleich neben andere heilige Schriften.

STEPHEN HAWKING, LEONARD MLODINOW: Der große Entwurf. Eine neue Erklärung des Universums. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2010. 288 Seiten, 24,95 Euro.