Stephan Lambys Buch "Entscheidungstage":Chronist des Chaos

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Das innenpolitische Jahr in Namen

Der leise Kollaps: Armin Laschet (r.) und Angela Merkel beim Wahlkampfabschluss von CDU und CSU am 24. September in München.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Stephan Lamby hat die Kanzlerkandidaten hinter den Kulissen begleitet - und die umfassende Erzählung unserer politischen Gegenwart geschrieben, auf die alle gewartet haben.

Von Nils Minkmar

Als gestern der Koalitionsvertrag der Ampel im Berliner Futurium unterzeichnet wurde, konnte man Stephan Lamby schon im Saal erkennen, wie er wartete. Etwas abseits, aufmerksam beobachtend, präsent und nicht aufdringlich. Er war dort, weil er immer ist, wo sich in der deutschen Politik etwas ereignet. In vielen preisgekrönten Filmen hat er eine Chronik der deutschen Politik angefertigt. Es sind wichtige Filme, in denen die Protagonisten und Protagonistinnen ausführlich zu Wort kommen und oft etwas mehr sagen, als sie sich vorgenommen haben.

In einem seiner Filme über die CDU, die späte Kohl-Zeit und die Spendenaffäre hat Wolfgang Schäuble die Legende von den anonymen Spendern beendet und Helmut Kohl widersprochen. Der hatte bekanntlich angegeben, das viele Geld in den schwarzen Kassen der CDU käme von vier, fünf Privatpersonen, denen er ein Ehrenwort gegeben habe, ihre Namen nicht zu nennen. Und einem ehemaligen Bundeskanzler eine Lüge vorhalten - das trauten sich die wenigsten, auch wenn seine Geschichte schon immer wenig glaubhaft klang. Schäuble vertraute sich Stephan Lamby an, sagte, dass das Geld ein Rest der Zuwendungen von Flick war. Ein historischer Moment.

Pannen statt Ideen - was verrät der Wahlkampf über unsere Gesellschaft?

Auch den vergangenen Bundestagswahlkampf hat Lamby begleitet und in einem Film gewürdigt. Aber es gab noch mehr Stoff, und den hat er in einem Buch verarbeitet. Es erscheint nach der Wahl, aber wird mit jeder vergehenden Woche eigentlich umso wertvoller. Die Klagen über den inhaltsleeren, den unterkomplexen und von Pannen geplagten Bundestagswahlkampf rissen ja das ganze Jahr über nicht ab. Und sie waren nicht unbegründet, denn statt einer Konkurrenz der Ideen schien es sich um ein Festival von "Pleiten, Pech und Pannen" zu handeln, man wartete schon auf den Moderator Fritz Egner. Da war der Zoff zwischen Söder und Laschet, das Hin und Her zwischen Kanzlerin und Ministerpräsidenten im Management der Corona-Bekämpfung, das Lachen von Laschet, das Plagiat im Buch von Annalena Baerbock und vor allem die Maskenaffäre der CSU - doch wie deutet man diese Serie einzelner Unerfreulichkeiten? Was sagt uns die Betrachtung des Wahlkampfs über die Gesellschaft, über unsere Zeit?

Lamby arbeitet auch in diesem Buch wie ein zurückhaltender Dokumentarfilmer, der Sequenzen zusammenfügt und das Publikum selbst denken lässt. Über die knappen Beschreibungen und die Zitate hinaus ist er mit Deutungen sparsam, er textet niemanden zu mit theoretischen Abhandlungen über das Wesen der Politik. Aber er erweitert hier auch den Fokus, befragt nicht nur die Politprofis, sondern auch Akteure der Zivilgesellschaft wie den Pianisten Igor Levit. Er kommentiert die unwirkliche Stimmung in der Pandemie, gibt eine Deutung der Zeit aus der Sicht eines engagierten Künstlers. Auch eine der frühen Corona-Leugnerinnen kommt zu Wort - an ihr lässt sich ermessen, wie stark völlig neue gesellschaftliche Bewegungen das politische Geschehen zu beeinflussen vermögen. Und darüber hinaus, wie sehr sie sich aus dem Gefühl eines Misstrauens gegenüber etablierten Parteien speisen, in diesem Fall der CDU. Allerdings finden diese Gespräche zu einem Zeitpunkt statt, an dem sich die Querdenker-Bewegung noch nicht dermaßen radikalisiert hatte wie heute.

Stephan Lambys Buch "Entscheidungstage": Stephan Lamby: Entscheidungstage. Hinter den Kulissen des Machtwechsels. C.H. Beck, München 2021. 382 Seiten, 22 Euro.

Stephan Lamby: Entscheidungstage. Hinter den Kulissen des Machtwechsels. C.H. Beck, München 2021. 382 Seiten, 22 Euro.

Die erste Erkenntnis des Buches ist, wie sehr das politische Geschehen sich aus den Parteizentralen und Parlamenten entfernt hat. Dazu tragen die sozialen Medien bei, die einen Stil und ein Tempo vorgeben, auf das die Apparate nicht eingestellt sind. Das zeichnete sich länger ab, aber erst in diesem Bundestagswahlkampf etablierten sich die Plattformen des digitalen Austauschs als maßgebliche politische Bühne: Dass die CDU keine adäquate Antwort fand auf den Erfolg des Rezo-Videos, ist in dieser Lesart nicht nur eine Panne der Stabsstelle, sondern schon ein wichtiger Moment in der politischen Entwicklung des Landes.

Ganz offenkundig hat die Regierungspartei manches verpasst. Der leise, erst nur in Haarrissen zu bemerkende, aber nun mit der Oppositionsrolle vollendete Kollaps der CDU bildet den dramatischen Kern des Buches. Zunächst - das Buch funktioniert hier wie ein privates Tagebuch, dem man fassungslos entnimmt, wie komisch man früher gedacht hat - ist an solch eine Entwicklung nicht zu denken, denn die Wetten, der Zeitgeist, die Expertenmeinung - alles rechnet mit einer schwarz-grünen Koalition. Wenn über den zukünftigen CDU-Chef spekuliert wird, der nach dem Rückzug von Annegret Kramp-Karrenbauer ermittelt werden muss, ist immer davon die Rede, dass nun auch der potenzielle zukünftige Kanzler nominiert wird.

Vielleicht hängt es mit dieser Ewigkeitsannahme christdemokratischer Kanzlerschaft zusammen, aber heute ist es bestürzend zu lesen, mit welcher Naivität ein Politprofi wie Armin Laschet ins Wahljahr geht. Er hat keine Strategie für den Umgang mit Markus Söder und nicht die richtige für das Management der Pandemie, kein Projekt und keine überzeugende Botschaft. Die Ruhe, die er gerne ausstrahlen wollte, wurde als Leichtfertigkeit gedeutet, und das unselige Kichern, das ihn während eines Besuchs mit dem Bundespräsidenten im Katastrophengebiet überkam, verstärkte diesen Eindruck auf nicht wieder zu korrigierende Art und Weise.

Ergänzt um Rückblenden, erscheint der Niedergang der Union in geradezu epischer Dimension

Laschet war nicht gut genug vorbereitet, aber der Niedergang der Union erscheint in diesem Buch in einer geradezu epischen Dimension, denn Stephan Lamby kann noch viel ältere Rückblenden einarbeiten. Er bringt Auszüge aus Gesprächen mit Helmut Kohl, in denen es um seinen Konflikt mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß ging. So kommt eine nachgerade tragische Dimension in die Erzählung, weil deutlich wird, dass der tiefe Konflikt im sogenannten bürgerlichen Lager nur schlummerte, während Angela Merkel einigermaßen fest im Sattel saß. Doch schon 2015 belastete Horst Seehofer das Verhältnis wegen der Flüchtlingspolitik, ohne eine strategische Alternative parat zu haben.

Weit davon entfernt, Angela Merkel als liberale Modernisierungsagentin einer konservativen Partei darzustellen, macht Lamby deutlich, dass sie allein den Laden zusammenhielt, all die Jahre. Ihr schrittweiser Rückzug, erst vom Parteivorsitz, dann vom Kanzleramt, stellt die Union vor unlösbare Probleme, denn längst sind sich die Milieus fremd geworden und das Personal durch die Jahre der Regierung in Krisenzeiten ausgepowert. Aber auch die Grünen überschätzen sich, während sie die interne Dynamik eines Bundestagswahlkampfs unterschätzen. Eine besonders komische Stelle ist jene, als Robert Habeck die Debatte um die Baerbock'sche Plagiatsaffäre kommentieren soll, es aber nicht möchte und sich mit dem Hinweis entschuldigt, er sei in jenen Tagen in Ferien und nicht erreichbar gewesen. Nur Lamby kann in solchen Augenblicken die Fassung bewahren, das Lachen unterdrücken und so hoffen, auch beim nächsten Wahlkampf wieder dabei sein zu dürfen.

Die Ampel entstand aus dem Chaos. Aber gerade durch diese Geschichte bildet sich auch ein inhaltlicher und stilistischer Kern des Projekts heraus. Nach all dem Theater mit der Union, den Skandalen wie der unsäglichen Maskenaffäre, mit der Politiker und Politikerinnen aus der Pandemie privaten Gewinn schöpfen wollten, dem innerparteilichen Dauerstreit und den unangenehmen Indiskretionen und Allianzen mit der Bild-Zeitung ergibt sich ein roter Faden: es einigermaßen anständig machen. In einem zurückgenommenen, kühlen Stil gelingt Stephan Lamby ein Buch, das genau das hält, was andere nur versprechen, nämlich eine umfassende Erzählung unserer Gegenwart. Es ist eine politische Zustandsbeschreibung mit sparsamen Mitteln und der Hauptstadt-Roman, auf den alle warten.

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