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Steph Chas "Brandsätze":Versöhnlicher Rauch

Der Zustand einer Gesellschaft bemisst sich nicht zuletzt daran, wie sie mit einem Mord in ihrer Mitte umgeht: Steph Chas scharfsinniger, analytischer Kriminalroman "Brandsätze".

Von Catrin Lorch

"Am 16. März 1991 betrat die fünfzehnjährige Latasha Harlins den Empire Liquor Market, um eine Flasche Orangensaft zu kaufen. Als sie bezahlen wollte, wurde sie von der Ladenbesitzerin, einer Frau namens Soon Ja Du, des Diebstahls beschuldigt. Soon Ja Du griff über den Tresen hinweg nach dem Mädchen und ihrem Rucksack. Latasha wehrte sich, schlug vier Mal zu und wandte sich zum Gehen. Du holte eine Waffe hervor und schoss Latasha von hinten in den Kopf. Das Mädchen starb mit zwei Dollar in der linken Hand." Der Roman "Brandsätze" bezieht sich auf diesen Mord, die amerikanische Autorin Steph Cha weist darauf im Nachwort hin - ein politischer Fall, denn die koreanische Ladenbesitzerin wurde nach dem Tod der schwarzen Schülerin damals nur wegen Totschlags verurteilt.

Steph Chas Roman erzählt jedoch nicht allein von der fast mythischen Geschichte eines Unrechts, das nach Unruhen der Neunzigerjahre zu einem Wendepunkt in der Geschichte der Stadt Los Angeles wurde. Sie spinnt die Handlung in die Gegenwart fort, in der die Familien des Opfers und des Täters einander wieder begegnen. Die Hauptfiguren sind Grace Park, die jüngere Tochter der Ladenbesitzerin, und Shawn Matthews, ein verwaister Schüler, der mit seiner älteren Schwester Ava seine letzte Familienangehörige verloren hatte. Die beiden leben immer noch im Dunstkreis der Metropole, wo Shawn Matthews sich nach einer Karriere als Kleingangster als Umzugshelfer durchschlägt. Grace, die nach der Tat ihrer Mutter geboren wurde, führt ahnungslos die Apotheke, die sich die Familie unter neuem Namen in einer Mall aufgebaut hat. Dass es wieder ein Gewaltverbrechen ist, das die alten Wunden aufreißt (und in dessen Verlauf Grace überhaupt erst die Geschichte ihrer Familie erfährt), schiebt dem ohnehin hoch aufgeladenen Plot noch die Suche nach einem Täter unter. Dennoch verweigert sich die Erzählerin der Möglichkeit, hier einfach einen bluttriefenden Roman zur aktuellen politischen Situation zu erzählen. Ihre Schilderung ist verwickelter und verwundener, entfernt sich immer wieder von den Handelnden und hält auf die Kulissen: Es sind nicht nur voreingenommene Polizisten, rigide Bewährungshelfer, hilflose Väter und verzweifelt-liebende Mütter, die dem Unglück entgegenschlittern. Es ist die ganze Stadt, die Viertel Palmdale, Northridge, Koreatown, die sich als loser Grund zeigen. Polizeistation, Gefängnis und Schule sind genauso unsichere Orte wie die heruntergekommene Mall oder das verdreckte Hospital. Sogar der Friedhof, auf dem Ava Matthews beigesetzt wurde, gewährt den Knochen keine Ruhe. Nach finanzbedingten Umbettungen bleibt der Familie nicht einmal ein Grab zum Trauern.

Es sind solche Details, die dem Buch eine Schärfe und Überzeugungskraft geben, die es weit über anteilnehmende und wohl recherchierte Berichte von der Peripherie der Gesellschaft hinausheben. Am Ende der Geschichte, am Ende eines Sommers, der mit der "Black Lives Matter"-Bewegung ein erneutes Aufflammen all der nie aufgearbeiteten Traumata erlebt hat, scheint es fast versöhnlich, dass da wieder Rauch aufsteigt. "Kommt her", sagt Miriam. "Seht ihr das? Die verdammte Flagge brennt."

Steph Cha: "Brandsätze". Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Ars Vivendi Verlag, Cadolzburg 2020. 336 Seiten. 22 Euro.

© SZ vom 29.10.2020

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