Steirischer Herbst:Das Recht, woanders zu sein

Steirischer Herbst: Eine Art Schrein für die 1943 gestorbene jüdische Sozialrevolutionärin, Philosophin und Mystikerin Simone Weil: Thomas Hirschhorns Installation "Simone Weil Memorial" (2021).

Eine Art Schrein für die 1943 gestorbene jüdische Sozialrevolutionärin, Philosophin und Mystikerin Simone Weil: Thomas Hirschhorns Installation "Simone Weil Memorial" (2021).

(Foto: Johanna Lamprecht/VG Bild Kunst Bonn, 2021)

Kunst als Ausbruchshelfer: Der "Steirische Herbst" drängt ins Freie, mit Arbeiten von Tino Sehgal, Thomas Hirschhorn und Dejan Kaludjerović.

Von Ingo Arend

Tausende, die einen Flughafen belagern, auf das Rollfeld drängen oder an den Trägern eines Militärjets in die Luft aufsteigen. Für die Menschen in Afghanistan war in den letzten Wochen der Flughafen ihrer gefallenen Hauptstadt die letzte Hoffnung.

Es sagt etwas über die kulturellen Ungleichzeitigkeiten aus, wenn in dem Moment, in dem in Kabul der Weg nach draußen nur noch über ein Flugzeug führt, im gut 6000 Kilometer entfernten Graz die Kunst als das Medium beschworen wird, dass den Weg ins Freie weist.

"The Way Out" - ganz so weit hergeholt wie sonst Festival- oder Biennale-Mottos war das Motto der 54. Ausgabe des "Steirischen Herbstes", des traditionsreichen Theater- und Performancefestivals im Süden Österreichs, eigentlich nicht. Die Frage, wie aus den closed shops der Pandemie, der Hygiene und der alltäglichen Kleinheit herauszufinden wäre, in denen sich alle eingerichtet haben, liegt in der Luft.

Doch die afghanischen Frauen, die Ekaterina Degot, seit 2018 Intendantin, in ihrer temperamentvollen Eröffnungsrede als besonders drastisches Beispiel für das Politikum des Eingeschlossenseins beschwor, muss ihr Satz: "Ich bestehe auf das Recht woanders zu sein. Dafür brauche ich die Kunst" in den Ohren geklungen haben. Statt Poesie und Musik, die in ihrem Land gerade verboten wurden, bräuchten sie jetzt vermutlich ein Charterflugzeug.

Im vergangenen Jahr hatte sich der Steirische Herbst pandemiebedingt mit seinem sensationell erfolgreichen "Paranoia-TV" selbst ins Digitale verkrochen (SZ vom 8.11.2020). In diesem Jahr drängte er wieder ins Freie. Und da bot er schon ein paar bezwingende Exempel für die "Energie des Raus Wollens" auf, die Degot angespielt hatte. Wer sich frühmorgens auf den Weg in den Augarten machte, wusste nicht recht, wie ihm geschah, als ihn die Gruppe von Menschen, die auf dem Rasen des Augarten Yoga- und Dehnübungen zu machen schienen, plötzlich wie ein Insektenschwarm umringte oder ihm Episoden aus ihrem Leben ins Ohr flüsterte.

Tino Sehgals erste Arbeit im öffentlichen Raum thematisiert die lange vermisste menschliche Begegnung

"Sunrise-Sunset" hatte Tino Sehgal seine erste Arbeit im öffentlichen Raum genannt. Mit dieser täglich mehrmals aufgeführten "Situation" (wie der Performancekünstler seine Arbeiten gern nennt), gelang ihm eine ebenso beiläufige wie poetische Metapher für die lange vermisste, menschliche Begegnung und das Bedürfnis nach Kommunikation.

Derselbe Effekt einer, sich unmerklich aus dem realen Alltag herausschälenden Kunst zeigte sich bei Thomas Hirschhorns "Simone Weil Memorial". Direkt neben der Grazer Arbeiterkammer hat der Künstler zusammen mit Anwohnern eine Art Schrein für die 1943 gestorbene, jüdische Sozialrevolutionärin, Philosophin und Mystikerin errichtet, der wie einer der populären Altäre im öffentlichen Raum etwa nach dem Tod Lady Dianas in Paris funktioniert.

In Dejan Kaludjerovićs Werk "Conversations: I don't know that word ... yet" kehrte dann allerdings die entschwundene Realität wieder in die Kunst zurück. Der serbische Künstler hatte zusammen mit Marija Balubdžić, Bojan Djordjev und Tanja Šljivar die Antworten Grazer Kinder zu Fragen wie Armut, Ausgrenzung oder Krieg in eine Oper gegossen. Die hinreißende Mixtur aus Soundcollage und Cut-up-Drama war eines der beeindruckendsten Werke zum Auftakt des vierwöchigen, sich sukzessive, entspannt und ohne spektakuläre Mega-Events entfaltenden Programms. Ein Musterbeispiel engagierter Kunst, das, so spielerisch und formbewusst es war, nicht in die Aporien der politisch motivierten "bullshit-art" zurückfiel, die Degot auf einem Panel zur Zukunft des Kunstbetriebs im Forum Stadtpark geißelte.

Im Übrigen gerät, wer "nach draußen" geht, auch in die Gefahr, dort umzukommen. Wer Degot, die gern öffentlich darauf besteht, eine "marxistische Historikerin" zu sein, zur Eröffnung des Herbstes vor dem Hauptbahnhof von vier Politikern von Kanzler Kurz' türkisfarbener Volkspartei eingerahmt sah, die zum Auftakt die üblichen Floskeln von der Kunst als "Stachel im Fleisch" bemühten, wünschte sich unwillkürlich, dass sie sich für den Notfall auch einen "Way Out" vor den Umarmungen der Politik zurechtlegt.

Graz wählt am 26. September einen neuen Gemeinderat. Auf dem Resonanzboden der (alimentierten) Kultur lässt sich die Politik auch eine Provokation gefallen. Amüsiert nahm die Garde weißer, weißhaariger Politiker - Vizekanzler Werner Kogler von den Grünen sorgte als Einziger mit seiner Warnung vor dem "geistigen Flächenfraß" für Unruhe - auch die Performance "Disorder Patrol" der estnischen Künstlerin Flo Kasearu ab. Die Formation von sechs Reiterinnen in Fantasie-Uniformen, überdimensionierte blaue Schirmkappen auf dem Kopf, die im proletarischen Volksgarten auf Rossen mit ondulierter Mähne Patrouille drehten, nehmen das städtische Sicherheitsbedürfnis und das Milizwesen auf die Schippe. Mit dem Reizthema hatte Graz' Rekordbürgermeister Siegfried Nagl vor gut zehn Jahren seinen Wahlkampf gewonnen.

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Reizend: Die Performance "Disorder Patrol" (2021) der estnischen Künstlerin Flo Kasearus im Grazer Volksgarten.

(Foto: Mathias Völzke/dp)

In der Arbeit blitzte eine schwache Erinnerung an das Provokationspotential auf, das zum Erkennungszeichen des Steirischen Herbstes geworden ist, seit Hans Haacke 1988 in Graz einen Obelisken rekonstruiert hatte, den die Nationalsozialisten dort 1938 als Anerkennung für die "Stadt der Volkserhebung" aufgestellt hatten. Zu ihrem Antritt 2018 hatte Degot unter dem Titel "Volksfronten" auch den Stier der bürgerlichen Liaisons mit den Rechtspopulisten bei den Hörnern gepackt.

So sehr der diesjährige Steirische Herbst also die alte Avantgarde-Utopie zu beleben bemühte, die Kunst ins Leben zu überführen, faszinierte er doch besonders dort, wo er auf die Befreiung im Denken setzte. Der Künstler Peter Schloss hat mit dem Design-Kollektiv Grupa Ee das Besucherzentrum mit einem gerasterten All-Over-Painting überzogen, das an die Arbeiten Piet Mondrians erinnert. Es ist so konstruiert, dass die bandförmig gereihten Rechtecke in blau, gelb oder rot trapezförmig und die feinen Linien, die die Reihen trennen, schief erscheinen, obwohl sie genau waagerecht verlaufen.

Die minimalistische Arbeit nimmt den Effekt der 1889 erstmals beobachteten "Kaffeehaus-Täuschung" auf. Wer nahe an das artifizielle Wallpaper herantritt, kommt der optischen Illusion auf die Spur und sieht sich plötzlich selbst beim Sehen zu. Anders gefragt: Was ist eine Kunst als Notausgang ins Reale gegen die eines Ausbruchshelfers aus den Gefängnissen der Wahrnehmung?

The Way Out. Steirischer Herbst 2021 In Graz bis zum 10.10.2021.

© SZ/knb
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