NS-Geschichte:Hinter fast allen Fassaden

Bundespraesident Frank Walter Steinmeier hat am Montag 04 06 2018 zusammen mit seiner Ehefau Elke

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender bei der Einweihung der Gedenktafel für den jüdischen Vorbesitzer an seinem Wohnsitz in Berlin-Dahlem.

(Foto: Rolf Zoellner/imago/epd)

Das Bundespräsidialamt und der Nationalsozialismus: Frank-Walter Steinmeier und der Historiker Norbert Frei stellen im Schloss Bellevue einen Fortschrittsbericht zur Studie vor.

Von Moritz Baumstieger

Vor der eigenen Haustür ließ Frank-Walter Steinmeier bereits kehren, als er sein Amt 2017 antrat. Vor dem Wohnsitz des Bundespräsidenten in der Pücklerstraße in Berlin-Dahlem ist seither eine Gedenktafel angebracht, "jede und jeder, der uns besucht, hält inne und liest", sagte Steinmeier am Montag. So erfahren die Menschen hier die Geschichte von Hugo Heymann, einem Hersteller künstlicher Perlen, der das "Villa Wurmbach" genannte Anwesen 1926 erworben hatte. Nach der Machtergreifung der Nazis verkaufte er es zu einem "bemerkenswert günstigen Preis", wie ein Historiker schrieb, 1938 erlag Heymann Verletzungen, die ihm die Gestapo beigebracht hatte.

Das Beispiel zeige, so Steinmeier, dass sich Geschichten der Opfer von NS-Verbrechen, Geschichten von zerstörten Leben buchstäblich hinter fast jeder Fassade fänden. Längst seien die aber nicht alle erzählt - im Falle der Dienstvilla der Bundespräsidenten brauchte es erst kritische Historiker, die auf den Fall aufmerksam machten. Um nun nicht nur vor der Tür seines Wohnsitzes, sondern auch der Institution des Bundespräsidenten selbst zu kehren, hat Steinmeier im vergangenen Jahr ein Forschungsprojekt angestoßen und sich selbst kritische Historiker eingeladen. Hinter die Fassaden der Amtssitze seiner Vorgänger leuchtet nun der in Jena lehrende Zeithistoriker Norbert Frei, der die Ausschreibung für die Studie "Das Bundespräsidialamt und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus 1949 - 1994" gewann.

Fertiggestellt ist die Betrachtung noch nicht, am Montag kamen Steinmeier und Frei dennoch im Schloss Bellevue zusammen. Sie präsentierten eine Art Fortschrittsbericht - vielleicht auch um Steinmeier im öffentlichen Bewusstsein nochmals als Initiator der Aufarbeitung zu verankern, für den Fall, dass nicht er, sondern je nach dem Abstimmungsverhalten der nächsten Bundesversammlung ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin die fertige Studie 2022 präsentieren wird. Steinmeier wies daraufhin, dass zwar schon viele Institutionen der Republik ihre eigene Vergangenheit haben untersuchen lassen, "aber zu den obersten Verfassungsorganen liegen noch keine Studien vor". Und während Richard von Weizsäcker, einer seiner Amtsvorgänger, 1985 in seiner viel beachteten Rede eher auf eine Befreiung von außen abhob, als er den Tag des Kriegsendes am 8. Mai einen "Tag der Befreiung" nannte, möchte er nun bei der "inneren Befreiung" einen Schritt weitergehen, zur Aufarbeitung.

Bundespräsident Steinmeier stellt Forschungsprojekt vor

Der Historiker und SZ-Kolumnist Norbert Frei stellte im Schloss Bellevue sein Forschungsprojekt "Das Bundespräsidialamt und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus 1949 - 1994" vor.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Den Historiker Frei lobte Steinmeier als "Kenner der Werdegänge von einstiegen NS-Eliten in der Bundesrepublik" - und natürlich wird die Frage nach Mitarbeitern mit NS-Vergangenheit im Amt des Staatsoberhaupts einen großen Teil der Forschungsarbeit ausmachen. In seiner Präsentation ging Frei etwa vor allem auf die Personalie Manfred Klaiber ein, der als erster Chef des Bundespräsidialamts den Apparat für Theodor Heuss aufbaute - und dessen Personalie "im Lauf der nächsten Jahre für Heuss einiges an öffentlichen Erklärungsbedarf ergeben sollte". Klaiber nämlich war, wie insgesamt ein Drittel aller im Untersuchungszeitraum tätig gewesenen und vor 1929 geborenen Mitarbeiter des Bundespräsidialamts, Mitglied der NSDAP gewesen. Aus dem Auswärtigen Amt, in dem er im Nationalsozialismus Karriere gemacht hatte, holte er ehemalige Kollegen auf die Godesberger Viktorshöhe, wo Heuss damals arbeitete. Dass Norbert Frei bereits die NS-Geschichte des Außenministeriums untersucht hat, wird ihn bei seinen jetzigen Recherchen deshalb keinesfalls hinderlich sein.

Theodor Heuss zerstörte 1952 eine Schutzbehauptung, die vielen lieb war

Neben der Frage nach dem "Wer" - die etwa auch das Thema von Ordensverleihungen an Bürger mit brauner Vorgeschichte und Begnadigungen einschließt - werden Norbert Frei und sein Team vor allem auch der Frage nach dem "Wie" nachgehen: Auf welche Art haben die Bundespräsidenten die Verbrechen der Nazizeit thematisiert, den Deutschen ihre Vergangenheit zugemutet? Theodor Heuss etwa besuchte 1952 das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen und zerstörte in seiner Rede eine Schutzbehauptung, die vielen in dieser Zeit sehr lieb war: "Wir haben von den Dingen gewusst", sagte Heuss. Von einer Kollektivschuld mochte er aber nicht sprechen, eher von einer "Kollektivscham".

Wie auch in anderen Institutionen erwarte er keinen kontinuierlichen Weg aus dem Dunkel ins Licht, sagte Frei - auf Zeiten der verstärkten Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit seien Phasen relativen Desinteresses gefolgt, wie in der allgemeinen öffentlichen Debatte eben auch. Dennoch wolle er sich in Bezug auf die Bundespräsidenten die Frage stellen, ob sie in Sachen Aufarbeitung "Moderator oder Avantgarde" waren. In welcher Kategorie der Amtsinhaber in Erinnerung bleiben möchte, musste Frei nicht extra betonen.

© SZ
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