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"Monschau", Roman von Steffen Kopetzky:Heldentaten, zweite Runde

Rettung vor dem Virus: Schlangestehen für eine Pockenimpfung in Kulmbach, nachdem dort 1965 ein Fall aufgetaucht war.

(Foto: AP)

Steffen Kopetzkys neues Buch "Monschau" erzählt von einer Pocken-Epidemie in der Nachkriegszeit. Warum schreibt der Mann so erfolgreich gehobene Unterhaltungsromane?

Von Hubert Winkels

Pest und Pocken, das klingt schauderhaft, "Variola" hingegen wie ein südeuropäischer Mädchenname. Mit dem Kapitel "Variola" beginnt Steffen Kopetzkys neuer Roman "Monschau", es ist der wissenschaftliche Name des Pockenvirus, das in Deutschland 1962 ein letztes Mal in größerem Stil aktiv wurde. In der Nordeifel, direkt an der belgischen Grenze, rund um das idyllische Monschau eben. Von der Variola-Bekämpfung handelt der Roman, aber auch von den Nachwehen der NS-Zeit in der Bundesrepublik, im historischen Hintergrund steht die letzte Abwehrschlacht gegen die westlichen Alliierten im nahen Hürtgenwald. Eine Menge Material verarbeitet Kopetzky wie in allen seinen Romanen. Er hat das "Gespür für den richtigen Stoff", wie es im Roman einmal heißt, und das ist für Journalisten bekanntlich mehr als die halbe Miete. Für Schriftsteller hingegen fangen hier die wichtigen Fragen erst an.

In seinem erfolgreichen vorangegangenen Roman "Propaganda" von 2019 folgt der Ich-Erzähler John Glueck, ein deutschstämmiger Amerikaner, Ernest Hemingway durch halb Frankreich bis in die Eifeler Gegend, weil er dessen Blick auf die kriegerische Welt von 1944 begreifen und ihn dabei porträtieren will für ein deutsches kriegsmüdes Publikum, das von der US-Luftwaffe mit Information über die aussichtslose Lage versorgt wird. Der Brandy saufende Hemingway versagt, und es ist eine nur halb versteckte Pointe, dass der geplante Roman über die brutale Schlacht im Hürtgenwald erst viele Jahr später entsteht, "Propaganda" heißt, und von einem weniger dionysischen, dafür zeitgeschichtlich informierten und weltethisch engagierten deutschen Schriftsteller namens Steffen Kopetzky verfasst wird.

Kopetzky erzeugt Spannung und, ohne Angst vor Kitsch, starke Gefühle

Worin also besteht sein "Gespür für den richtigen Stoff"? Um im Bild zu bleiben: Der Autor verstrickt sich in viele Geschichten und Erfahrungen und trachtet nach einem Zusammenhang der Fäden, die noch nicht in einem festen Sinngewebe aufgegangen sind. Für die schönste Art, zu solchen Verbindungen zu kommen, sorgt der Zufall, das Zusammenschließen aller Erzählfäden in einem besonderen Augenblick. Man muss diesen Moment aber auch bemerken. Steffen Kopetzky hat erzählt, wie ihn der Stoff seines neuen Romans erwischt hat: Eine Lesung aus seinem vorigen Roman hatte ihn im Februar 2020 in die Eifel geführt. Auf dem Weg zum Bahnhof hörte er die Meldung über den ersten Corona-Toten in Europa. Zugleich sah er ein Hinweisschild auf den Ort Monschau und erinnerte sich an die Worte der Witwe seines "Propaganda"-Helden Günter Stüttgen, dieser mutige Militärarzt habe nach dem Krieg eine weitere segensreiche Arbeit geleistet, bei der Pockenepidemie in Monschau.

Jener Stüttgen, der es in "Propaganda" fertig bringt inmitten der Schlachterei zwischen deutschen und amerikanischen Soldaten einen Waffenstillstand zu erzwingen, um die Verwundeten beider Seiten medizinisch zu versorgen, dieser humanistische Held reist in "Monschau" von der Düsseldorfer medizinischen Akademie in die Eifel, um die Pocken zu bekämpfen. Er trifft auf einige Widerstände, vor allem des Geschäftsführers der größten Industriefirma vor Ort, Richard Seuss, der 1944 mit Durchhaltebefehlen eine Festung in der Normandie dem Untergang preisgegeben hatte. Dessen Adjutant Max Lembke, im Pockenjahr 1962 als sein Fahrer tätig, war in der Hürtgenwaldschlacht Baumschütze, ein Waldsniper, der anrückende Amis erschoss. Am Ende von "Monschau" sitzt er wieder im Baum und will im Auftrag von Seuss den über-alles-guten Günter Stüttgen erschießen. Nicht wegen der Pockenbekämpfung, wofür es auch Gründe gäbe, sondern wegen seiner Befehlsverweigerung im Krieg, wegen seines Bestehens auf Einhaltung der Genfer Konvention.

Tatsächlich sind in "Monschau" die Bezüge zum Weltkrieg und der frühen Bundesrepublik nicht weniger wichtig als die Pockengeschichte, die davon handelt, wie Stüttgen und sein griechischstämmiger Assistent Nikos Spyridakis das Virus bekämpfen. Die besondere Kunstfertigkeit besteht darin, die beiden Stoffgebiete wie selbstverständlich zu verknüpfen. Überdies erzeugt Kopetzky durch geschickte Handlungsführung, Plot points und Rückblenden Spannung, evoziert ohne Angst vor Kitsch starke Gefühle. Durch sehr indirekte mythisch-märchenhafte Überhöhungen lädt er realistische Ereignisse romantisch auf.

Der Schriftsteller Steffen Kopetzky, Jahrgang 1971, kommt aus Pfaffenhofen an der Ilm.

(Foto: marc reimann/© 2019 marc reimann)

So ist die eigentliche Besitzerin der Hochtemperaturöfen produzierenden Monschauer Firma Riether, in deren Belegschaft der erste Pockenfall auftritt, eine moderne, in Paris studierende Frau namens Vera. Sie liest Simone de Beauvoir, liebt den Cool Jazz und nach einigem gemeinsamen Schallplattenhören auch den jungen Nikos, der inzwischen als Betriebsarzt in der Rieterschen Industriellenvilla lebt. Als kleines Mädchen hatte Vera Kinderlähmung und musste immer im Haus bleiben, wo sie die kleine Bärbel, Tochter der Zugehfrau, betüdeln durfte. Eben diese gute Bärbel ist nun das zweite Pockenopfer in strenger Quarantäne im Krankenhaus von Monschau, in dem nur Dr. Stüttgen hinein- und hinausdarf.

Vera aber, voller Liebe und Hilfsbereitschaft, dringt heimlich ein und wird nun ihrerseits als Dauerinsassin isoliert, in einer Art gläsernem Turmzimmer. Der arme Nikos, der noch ein Date mit ihr offen hat, schlägt ihr vor, mit elektrischen Lichtzeichen zu kommunizieren, er selbst will ihr durch wildes Schwenken eines benzindurchtränkten Lappens antworten. Erst durch diesen archaischen Zeichenaustausch begreifen die beiden, dass sie sich begehren. Zwei Königskinder. Allein das Wasser ist viel zu tief, die Quarantäne zu strikt, um zueinander zu kommen. Der Einzige, der zu Vera darf, ist Stüttgen in einem Vollkörpergummianzug, um ihre Wunden zu sehen.

Nikos ist unterdessen als veritabler Ritter unterwegs, in einer zum Virenschutz umgearbeiteten Stahlkochermontur besucht er Infizierte in ihren Häusern. So wird das auktorial als Märchenmotiv vorgestellt: "Das Bild, das wir vor uns sehen, gleicht einem Raumfahrer oder Roboter aus einer Zeichentrickserie, der in ein absurd klein erscheinendes Haus hineingeht, oder einem Dämon, der in das Häuschen schlüpft, wie er seine Riesengestalt auch als Rauch in eine Flasche hineinzuzwängen vermochte."

Der unterhaltsame Textkörper bleibt rein von Viren und literarischen Experimenten

Welche Möglichkeiten böten dieses Motiv der Totalisolation oder des Industrie- und Taucheranzugs, um eine ganz andere Wahrnehmung der Szene von ihrem Protagonisten aus zu eröffnen. Man denke kurz an den Industrietaucher in Christian Petzolds Film "Undine". Eine Verzerrung des Blicks, eine Anamorphose, eine Welt der Angst vor der Natur, der Bedrohung durch die Technik und der stilistischen Eindringlichkeit. Doch genau diesen Schritt verweigert Steffen Kopetzky vorsätzlich. Er will seinen unterhaltsamen Textkörper reinhalten von allen Viren und Technoexperimenten. Er will sie zwar poetisch umschreiben, sie nah an uns heranführen, doch einen sprachlichen Übergang, eine literarische Mutante, wie sie die Mittel der modernen Literatur (außer Hemingway) ermöglichen, will er partout nicht erschaffen.

Nicht nur deshalb fällt seine Prosa in die Kategorie Gehobene Unterhaltung. Auch sein Umgang mit der Zeitgeschichte ist eher schematisch. Er arbeitet streng synchronistisch, als ob er einen Kulturatlas des jeweiligen Jahres ausschlachten würde. Das gilt für die Jahre 1944 und 1971 in "Propaganda" wie für 1962 in "Monschau". Anschläge der algerischen Befreiungsbewegung in Paris, die Folgen des Auschwitzprozess, des Mauerbaus, der schöne Kennedy, "Zwei kleine Italiener" beim Grand Prix. Das Gegenstück zu dieser Form der Empirie ist der personalisierte geschichtsmoralische Universalismus, der von vornherein weiß, dass der Betrieb in Händen des alten Wehrmachtsoffiziers mit Zwangsarbeitern aufgebaut wurde, dass der gute Journalist von der Quick eben dieser verborgenen Schuld auf der Spur ist, dass die gute Erbin Vera neben ihrem Nicos nichts sehnlicher wünscht als ihre mächtige Firma in eine öffentliche Stiftung zu überführen, dass der große Heiler Dr. Stüttgen ein ums andere Mal den bösen Drachen von Natur und Geschichte besiegt.

Steffen Kopetzky: Monschau. Roman. Rowohlt Berlin, Berlin 2021. 352 Seiten, 22 Euro.

Als Vorbereitung des Happyends lässt Kopetzky diesen Drachen nicht etwa grob erstechen, er filetiert ihn liebevoll, trägt seine Schuppen ab Stück für Stück. In "Propaganda" reist der Erzähler John Glueck, der in Vietnam in ein Benzin- und Napalmbad gefallen ist, mit seinem schuppigen Gesamtkörper am Ende nach Deutschland, um sich vom berühmten Dermatologen Günter Stüttgen behandeln zu lassen. In "Monschau" trägt besagter Dr. Stüttgen alle pockenentstellten Hautpartikel aus dem Gesicht der lieben Bärbel ab: "Es glückte, und alle Spuren von Variola wurden wie von Zauberhand von ihrer Haut getilgt. Bärbel Reue kehrte nach Hause zurück und führte fortan ein erfreulich gesundes Leben." - Ein Märchenende zweifellos.

Zuvor war Dr. Stüttgen übrigens noch beim Vortrag eines jungen Professors der Düsseldorfer Kunstakademie gewesen. ",Soziale Plastik' nannte der Mann seine Idee. In der Demokratie trage jeder Mensch nicht nur Verantwortung für die Gesellschaft, sondern er gestalte sie auch mit, wie der Bildhauer eine Skulptur." Alles Gute, Gott sei Dank, kommt aus dem Rheinland. Beuys und Stüttgen (übrigens auch der Name des langjährigen, dem Meister durchaus ähnelnden Beuys-Adlatus in der Akademie, Johannes Stüttgen), Heiler beide. Man kann nicht sagen, dass Steffen Kopetzky keinen rheinischen Humor habe, obwohl er aus Pfaffenhofen an der Ilm stammt. Es ist schon ein starkes Stück, was er da mit seinen beiden ineinander verzahnten Romanen vorgelegt hat. Wenn man ihn literaturgeschichtlich einordnen müsste: Auf der Skala historischer Abenteuerromane von Karl May über James Fenimore Cooper bis zu Joseph Conrad wäre er bei Cooper, nicht nur wegen seines exquisit tötenden letzten Irokesen im Eifeler Hürtgenwald 1944.

© SZ/masc
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