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Roman von Stefanie Sargnagel:"Darf man's auch einfach versaufen?"

Stefanie Sargnagel

Stefanie Sargnagel studierte in Daniel Richters Klasse an der Akademie der Bildenden Künste und publizierte dadaistische Telefondialoge.

(Foto: Apollonia Theresa Bitzan)

Stefanie Sargnagel erzählt in ihrem ersten Roman "Dicht" von der "Scheißdrauf-Mentalität" einer Wiener Jugend. Darin beweist die Internetpoetin: Sie hat auch auf 300 Seiten Fließtext was zu sagen.

Von Marlene Knobloch

Eigentlich ist Stefanie Sargnagels Disziplin der Zweizeiler. In den letzten Jahren erpostete sie sich eine Internet-Identität, indem sie auf Facebook aphoristisch von Beziehungen, Tiefkühldinners und Chinabuffets erzählte. Die Kunstfigur Sargnagel trug lange eine rote Baskenmütze, oft einen weißen Kragen und ihre Liebe zu Bier und Beisln offen zur Schau. Und sie ist nun die Erzählerin ihres ersten Romans "Dicht", die man auch in die Romanfigur Steffi natürlich sofort hineinliest.

300 Seiten Fließtext, auf dem roten Buchumschlag ein mit Paint pixelig gezogenes Herz: "Aufzeichnungen einer Tagediebin" lautet der Untertitel, und ob diese Tagediebin Steffi oder Stefanie Sargnagel oder Stefanie Sprengnagel ist, wie die 1986 geborene Autorin mit bürgerlichem Namen heißt, wer will das schon bestimmen? Aus Interviews weiß man, dass es die Freunde und die meisten Geschichten aus dem Buch wirklich gibt, hier also mindestens teilweise autobiografisch gearbeitet wird.

In die ärgsten Situationen gelangt man, wenn man jung und neugierig ist

Der erfolgreiche und damit, wie sie selbst sagt, "langweilige" Teil ihrer eigenen Biografie, beginnt etwa da, wo der Roman endet. Stefanie Sargnagel studierte in Daniel Richters Klasse an der Akademie der Bildenden Künste, jobbte nebenbei im Call-Center und publizierte dadaistische Telefondialoge und Service-Weisheiten aus ihrem Berufsalltag auf Facebook. Als sich mit ihren Büchern, die zuerst in kleinen Indie-Verlagen erschienen, langsam Erfolg einstellte, kommentiert sie das so: "Schön. Langsam brauche ich eine pressetaugliche Jogginghose." Mit der Credibility aus dem Internet-Untergrund gewann sie 2016 den Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb, 2017 erschien im Publikumsverlag Rowohlt das Buch "Statusmeldungen", darin Social-Media-Zeilen wie diese: "Muss man das Honorar für Texte über Flüchtlinge automatisch spenden, oder darf man's auch einfach versaufen?" Sargnagel wird oft als "derb" oder "provokant" beschrieben. Aber im Internet und in Österreich provoziert sich's auch schnell.

In ihrem neuen Buch gibt es einen Prolog, übertitelt mit "Kein Prolog". Darin kündigt sie an, dass jetzt Geschichten kommen von einer abenteuerlustigen "Scheiß-drauf-Mentalität, mit der man einfach in die ärgsten Situationen gerät, weil man jung und neugierig ist". Diese Geschichten spielen im Wien der Nullerjahre und sind ähnlich anarchistisch wie die "Statusmeldungen": eine Sammlung von Charakteren, Gesprächsfetzen und der Aufrechnung von Dosenpfand. Die Ich-Erzählerin erinnert sich an die Zeit, als sie zwischen 15 und 19 Jahre alt war, an den "spaßigen, also autonomeren Teil" ihrer Jugend.

Einer der wichtigsten Helden des Buchs ist zum Beispiel Michi, ein zwanzig Jahre älterer Alkoholiker, der öfter in der Psychiatrie und irgendwann im Rollstuhl landet. Sargnagel erzählt von ihm als einem wortgewandten Schlawiner, der Georg Kreisler verehrt. Seine Wohnung wird zum Hauptschauplatz des Romans, in dem sich Sargnagel und ein loser Verbund an wilden Charakteren für einen Rausch, zum Philosophieren und Simpsons schauen trifft, während Michi mit Trüffelöl aus der langweiligsten Kartoffel ein Mahl "vom Feinsten" zaubert.

Die erste Liebe, ein Ausnahmezustand, beschreibt sie nur so: "Es war das ärgste Gefühl, das ich je hatte."

Sargnagel steigt aber nie wirklich szenisch in die Situationen ein, sondern springt vom Stammclub Flex in Michis Wohnung, dann ist es "in der Früh" und zwei Sätze später gesteht sie ihrer Mutter, dass sie die Schule abbricht. Sargnagel skizziert das alles mit einem Schulterzucken an und man hört ihren lethargischen Wiener Sound, der nichts verkünstelt, sondern genau so viel zeigt, wie es braucht, um die Figuren zu verstehen.

Von denen finden eine ganze Menge Platz in ihrem Roman. Eigentlich ist nicht die Ich-Erzählerin die Hauptfigur, es sind all die Gestalten, an denen die meisten mit geducktem Kopf vorbeieilen, während die Teenager-Steffi an ihnen hängen bleibt. Die Dealer von der Votivwiese, die Beisl-Philosophen, Tresenhelden und Parkbankkönige, ihre Schulfreundin Sarah, mit der sie natürlich "das System" in Frage stellt, Joints baut und mit Drogen experimentiert. Dabei schreibt sie über Abgründe und unnötiges Drama hinweg. Wenn die zwei Schule schwänzenden Freundinnen Steffi und Sarah einem Junkie beim Spritze setzen zuschauen und interessiert fragen: "Aha, und du spritzt dir also hier immer dein Heroin, oder wie?", dann klingt das bei Sargnagel eben nicht nach Christiane-F.-Panik oder literarischer Bitterkeit. Was passiert, ist okay. Passt eh.

Sargnagels Kunst ist die der realistischen Untertreibung. "Arge Sachen" habe sie erlebt in ihrer Jugend. Das ist schon die Obergrenze der Dramatik zu der sie willens ist. Die erste Liebe, ein Ausnahmezustand, dem andere Autoren lange Seiten der emotionalen Innenschau widmen würden, beschreibt sie nur so: "Es war das ärgste Gefühl, das ich je hatte."

Klar, hier geht es auch um Pointen, aber weniger als in ihrer alten Disziplin, den Zweizeilern. Denn: Sargnagel hat Gott sei Dank was zu erzählen. Und der Fließtext ist auch durchlässig für die Traurigkeit. Die Geschichten von der jugendlichen Steffi sind voll wahnsinniger Wörter wie den "tyrannischen Wapplern" und ihren "fadhaarigen" Versuchen. Sie engagiert sich und deengagiert sich wieder, fliegt von der Schule, ist mal "Sextouristin" und fährt nach Odessa, weil es einfach der schönste Städtename ist. Zum Schluss springt der Roman ins Jahr 2014, in ein jüdisches Altersheim, in dem ihr Freund Michi inzwischen lebt. Er dreht 90-jährigen Holocaustüberlebenden Joints und stirbt dort schließlich.

Das Buch will nichts erklären, steuert lose durch eine Jugend, schaut in Abgründe, in die man fällt, ohne sich weh zu tun. Mit ihrer Roman-Steffi erinnert die Autorin Stefanie Sargnagel an die abseitigen Abenteuer, die irgendwann der Alltag klaut. Und es wär schade, hätte nicht wenigstens eine sie erlebt.

Stefanie Sargnagel: Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin. Rowohlt, Hamburg 2020. 256 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 26.10.2020
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