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Stefanie Sargnagel:"Arbeit eh, wozu das Ganze?"

Abgesehen davon, dass es nicht wirklich der Kracher ist, nach hundert Jahren selbstreflexivem Klagenfurt in Klagenfurt mit einer Klage über Klagenfurter Schreibblockaden anzufangen, wäre es jammerschade, wenn Sargnagel jetzt Betriebsschriftstellerin wird. Weil sie als Bloggerin und En-passant-Autorin tatsächlich eine sehr eigene Stimme hat. Für alle, die ihr nicht ohnehin im Netz folgen, hat der Berliner Mikrotext-Verlag ein Best-of ihrer Postings zu einem hosentaschenkompatiblen Büchlein zusammengeheftet, bei dem schon der Titel den Grundton vorgibt: "In der Zukunft sind wir alle tot".

Der erste Teil sind Aufzeichnungen aus der Callcenterzeit. Absurde Gespräche mit Anrufern wechseln sich mit Miniaturen aus ihrem extrem unaufregenden Alltag ab: Es geht um ihr freiwillig prekäres Leben ("Arbeit eh, wozu das Ganze?"), Liebeserklärungen ans Trashfernsehen, einen ungesunden, der allgemeinen Fitnesskultur diametral entgegenstehenden Lebensstil ("Joggen ist so geschmacklos") und heftige Abstürze, die aber nie auf Kosten ihrer aphoristischen Schärfe gehen, ja sie kann ein ganzes Soziotop in einem Witz zusammenfassen: "Hören die Ethnologiestudenten in Gambia Hansi Hinterseer auf ihren Parties?"

Ein großer Spaß wäre es, sie einmal mit Houellebecq zusammenzubringen, der trinkt und raucht ähnlich gern, und hat sich ähnlich wohlig eingerichtet in hässlichen Randzonen unserer Hedonismuskultur und der totalen Sinnlosigkeit des Daseins, weil sinnlos okay, aber kann ja trotzdem unterhaltsam sein.

Ihren untrüglichen Lebenslügendetektor richtet sie am liebsten gegen sich selber

Noch besser als die Callcenter-Postings sind dann aber die "Refugee McMoments", der zweite Teil des Büchleins, in dem sie die Wochen im Sommer 2015 mitstenografiert, als die Flüchtlinge plötzlich in Ungarn nicht mehr weiterkommen und sie zur Schleuserin, Packerin, Aktivistin wird, sich selbst vor lauter Engagement kaum wiedererkennt, aber genau weiß, es geht gar nicht anders. (Übrigens kann man an dieser Stelle ruhig mal dazusagen, dass Sargnagel eine der mutigsten Stimmen in Österreich ist, sie legt sich immer wieder mit den Identitären an, gründete mit anderen Feministinnen die "Burschenschaft Hysteria" und - ach, lassen wir sie lieber selbst zu Wort kommen: "Was mir am meisten Freude bereitet: mit Witzen den Leuten die Wahrheit ins Gesicht zu scheißen.") Dieses Engagement wird dann aber nie überhöht. Im Gegenteil, ihren untrüglichen Lebenslügendetektor richtet sie am liebsten gegen sich selber: Als sie eines Nachts von einer Demo heimkommt und einen Mann im Hinterhof rassistisches Zeug grölen hört, schreibt sie, der Mann ruiniere "mein ganzes Demo-Pathos".

Da all die Postings meist wie szenische Polaroids funktionieren und auf eine Schlusspointe hinformuliert sind, liest man das Büchlein am besten etappenweise, so wie eine Aphorismensammlung. Und hofft dabei leise, dass der Ausflug nach Klagenfurt nebst Erstellung eines Langtextes eine einmalige Pflichtübung bleibt und Sargnagel danach genau so weitermacht wie bisher, einfach ins Internet schreiben, zwischendurch die Synapsen mit Bier schmieren und das eigene Leben leben. Statt es den Juroren plötzlich novellenkompatibel zu apportieren.

© SZ vom 01.07.2016/jobr

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