Stefan Hornbach: "Den Hund überleben":Keine Lust zu kämpfen

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Der alte Hund im Haus seiner Eltern ist stoischer Begleiter und Schicksalsgenosse von Protagonist Sebastian.

(Foto: imago images/Cavan Images)

Stefan Hornbach schreibt über die Krebserkrankung eines jungen Mannes - ganz ohne Tragödie, sogar fast ohne Tränen.

Von Christiane Lutz

Carlotta, Lukas und Linus, das könnten die Namen von Prenzlauer-Berg-Kindern sein, liebreizende Gestalten mit sinnstiftenden Hobbys, irgendwas Lebensbejahendes. Carlotta, Lukas und Linus: So nennt Sebastian die drei Tumoren in seinem Körper. Wie die Kinder seines Hausarztes, der den Krebs viel zu lang übersehen hatte. Nichts Lebensbejahendes, aber etwas lakonisch Lebenspragmatisches. Irgendwo muss er ja hin, der stille Groll.

Pragmatisch ist dann auch die Mission, die für Sebastian mit der Diagnose beginnt und die der Autor Stefan Hornbach gleich vorn auf seinen Roman schreibt: "Den Hund überleben". Dieser Hund ist nämlich sehr alt und kriegt irgendwann auch einen Tumor. Er lebt in Sebastians Elternhaus in einer Kleinstadt bei Heidelberg, wohin Sebastian, nun Patient, zurückkehrt, ausgebremst von einem halbwegs wilden Studentenleben in Gießen. "Junger Mann, mir tut's ja auch leid. Aber Sie können davon ausgehen, dass wir das nächste halbe Jahr miteinander verheiratet sein werden", sagt die schroffe Doktor Mittag, die ihn von nun an betreut. Der Ton ist also gesetzt: Geheult wird woanders.

Seinem Roman hat Stefan Hornbach ein Zitat von Susan Sontag vorangestellt: "Solange sich so viel militärische Übertreibung an die Beschreibung und Behandlung von Krebs heftet, ist sie eine besonders ungeeignete Metapher für die Friedliebenden." Es stammt aus ihrem Essay "Krankheit als Metapher" von 1977. Der Roman ist, verkürzt gesagt, nichts anderes als die Demonstration, wie ein friedliebender Kranker auch ohne Kriegsrhetorik auskommen kann. So ist es auch kein Feldzug, den Sebastian gegen seinen Krebs startet, nicht mal ein Feldzügchen. Nichts wird hier ausgerottet oder heldenhaft besiegt. "Ich wollte nicht kämpfen müssen", sagt er. "Aussitzen vielleicht, höchstens, wenn überhaupt. Ein Duell würde ich ausschlagen, ich hatte keine Lust, das Unglück zurück zu schlagen." In fast stoischer Akzeptanz, die die esoterisch veranlagte Schulfreundin Jasna, die nun fast täglich hereinschneit, Gleichgültigkeit nennt, tut Sebastian also einfach das, was getan werden muss: Er geht zur Chemotherapie.

Der Leser ist dabei, wenn die Wimpern ausfallen und das Essen nicht mehr schmeckt

Und die Leser begleiten ihn dabei, Woche um Woche, vom Kinderzimmer zur Chemo und zurück. Es ist ein recht ereignisloses Leben, das Sebastian führt, nicht mal ein dramatisches. Eine kleine Liebelei mit dem Abiturienten Linus verläuft im Nichts, richtig schlimm ist auch das nicht. Die Wimpern fallen aus, das Essen schmeckt nicht mehr, der Vater zeigt seine Gefühle nicht, der Hund nimmt all das ungerührt hin.

Hornbach schmückt nichts aus, stellt nichts aus, heischt nicht um Mitgefühl. Das Buch kommt erstaunlicherweise ohne nennenswerte Zusammenbrüche des Patienten oder seiner Angehörigen aus. Wie die Therapie Sebastian langsam, aber sicher die Energie entzieht, entzieht sie Hornbach auch seiner Erzählung. Der Text erschlafft stilistisch mit seinem immer schwächeren Ich-Erzähler, verliert an Farbe: "In meinem Bett roch es säuerlich in der Nacht und am Morgen. Jede Nacht zehn Stunden Schlaf, weit in den Tag hinein. Aufwachen, starren. Frische Luft, noch so ein Wunsch, das Fenster weit aufreißen. Ich blieb aber liegen. Regte mich nicht."

Stefan Hornbach: "Den Hund überleben": Stefan Hornbach: Den Hund überleben. Roman. Hanser, München 2021. 276 Seiten, 22 Euro.

Stefan Hornbach: Den Hund überleben. Roman. Hanser, München 2021. 276 Seiten, 22 Euro.

Der Preis dieses stilistischen Pragmatismus ist eine relative Ungerührtheit beim Lesen, da muss man Freundin Jasna rechtgeben, die Sebastians augenscheinliche Gleichmut überhaupt nicht versteht und ihn zum Weinen ermutigen will. Aber Hornbach geht diesen Deal ein. Ihm ist nicht daran gelegen, Abgründe aufzureißen, in die er die empathischen Leser dann stürzen lässt, er erkauft sich kein Mitgefühl durch Tragik, wie etwa John Green in seinem vor Elendskitsch triefenden Krebs-Bestseller "Das Schicksal ist ein mieser Verräter", in dem er nicht einen, nein, gleich zwei Teenager erkranken lässt, die sich natürlich verlieben und auch noch eine Reise nach Europa unternehmen.

Stefan Hornbach, Jahrgang 1986, war selbst an Krebs erkrankt. Sehr wahrscheinlich, dass diese Erfahrung in den Roman und auch sein mehrfach ausgezeichnetes Theaterstück "Über meine Leiche" (2016) floss, in dem es auch um einen jungen krebskranken Mann geht. Hornbach weiß also, wovon er schreibt, auch, wovon er nicht schreibt.

So liegt gerade in der scheinbaren Distanziertheit von Sebastian zu sich und seinem Schicksal auch die Stärke des Romans. Es ist die Geschichte eines Lebens mit Krebs und eben kein Drama. Eine saublöde medizinische Situation, in ihrer Konsequenz durchaus ein bisschen langweilig im Kleinstadtalltag, gerahmt von der guten Zeit davor, dem Studentenleben, und, das erscheint wichtig, denn Hornbach verwendet viel Zeit darauf: der guten Zeit danach, Partys und Reisen.

Sebastian ist auf seinem Weg, auch das ist nicht unwesentlich, nicht allein. Sofern man das sagen kann von einem, der qua Diagnose plötzlich getrennt zu sein scheint von allen Gesunden. Zwar sind die Menschen um ihn alle individuell hilflos, jeder aber ist bemüht. Die immer abwesende, aber bestens gelaunte Studienfreundin Su, die Mutter, die ihn zur Chemotherapie fährt und stets genug Kleingeld für den Parkautomaten mitnimmt, die esoterische Jasna, die sich solidarisch den Kopf rasiert. Es ist auch diese menschliche Zuwendung, die aus Sebastian am Ende einen resilienten Charakter macht.

Man kann also, das zeigt Stefan Hornbach in diesem leisen, oft lustigen Roman, auch aus einer großen Schlacht halbwegs unversehrt rauskommen, vielleicht besonders dann, wenn man sie nicht also solche begreift. Der Krebs geht jedenfalls vorüber. Der Hund stirbt, Sebastian nicht.

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