bedeckt München 20°

Stefan Herheims neuer "Wagner"-Ring in Berlin:Wo ist der Lichtschalter?

Deutsche Oper Berlin

Nina Stemme als Brünnhilde weiß noch immer mit herrlich blühenden Farben aufzuwarten.

(Foto: Bernd Uhlig)

Wie bestellt und nicht abgeholt: Warum die szenische Neudeutung der "Walküre" an der Deutschen Oper Berlin verunglückt ist.

Von Michael Stallknecht

An der Wiener Staatsoper hat man Bravorufe verboten, weil sie gesundheitsgefährliche Spucktröpfchen verbreiten könnten. Vielleicht sollte die Deutsche Oper in Berlin überlegen, auch das Buh zu verbieten, das nicht minder explosiv daherkommen kann. Stefan Herheim, dem Regisseur von Richard Wagners "Walküre", wäre dann beim Schlussapplaus auf jeden Fall einiges erspart geblieben. Denn wenn von 780 zugelassenen Zuschauern eine Mehrheit das Buhrufen anfängt, dann summiert sich das selbst durch die Seuchenmasken hindurch zu einem Geräuschpegel, der den des Walkürenritts mühelos übertrifft.

Von 1984 bis 2017 hat die Deutsche Oper Richard Wagners vierteiligen "Ring des Nibelungen" in der Inszenierung ihres ehemaligen Intendanten Götz Friedrich gezeigt. Nun wird eine neuer "Ring" erstellt von Stefan Herheim, der seit seinem alle Sinne betörenden "Parsifal" 2008 bei den Bayreuther Festspielen als einer der profiliertesten Wagner-Interpreten der Gegenwart gilt. Nachdem man im Juni das "Rheingold" noch in einer Verzweiflungsversion auf dem Parkdeck spielen musste, hat man keine Kosten und Mühen gescheut, um wenigstens die "Walküre" termingerecht herauszubringen. Die Kosten der täglichen Coronatests für die Mitwirkenden haben Sponsoren übernommen. Sechs Stunden Wagner mit zwei großen Pausen vor einem fast halb vollen Zuschauerraum - das ist, wenn auch durchgängig mit Maske zu hören, eine Sensation in diesen Zeiten. Dass die Enttäuschung am Ende ebenfalls sensationell groß ist, hat viel mit dem Erwartungsdruck zu tun, der auf dieser Premiere lastete.

Der Walkürenritt wirkt wie ein lustiger Gesangswettbewerb

Dabei macht Herheim vieles, was man auch aus einen bisherigen Inszenierungen kennt. Er führt das Stück zurück auf seine Entstehungsbedingungen. In der Bühnenmitte ist ein Flügel platziert, der Weltesche und Walkürenfelsen zugleich ersetzen wird. Immer wieder eilen Figuren ans Instrument, um die Tasten an- oder in der Partitur nachzuschlagen. Der Walkürenritt wirkt wie ein lustiger Gesangswettbewerb, bei dem jede der speerschwingenden und flügelbehelmten Walküren als erste ihr Hojotoho über die Rampe schleudern will. Die Szene, zweifellos die stärkste des Abends, kippt ins Traumatische, als der erzürnte Göttervater Wotan nicht nur Brünnhilde zur ungeliebten Ehe verdammt, sondern gleich alle Walküren von den noch blutverschmierten Helden vergewaltigen lässt, die sie soeben nach Wallhall geholt haben. Da ist der gesellschaftskritische Herheim zu erleben, den es neben dem Zaubertheatermacher auch immer schon sehen gab. Nur dass er diesmal irgendwo zwischen beiden Ansätzen den Faden verloren hat.

Manche dieser losen Enden werden sich wohl über das "Rheingold" erklären, das im kommenden Juni zwischen "Siegfried" und "Götterdämmerung" nachgeholt werden soll und dessen Grundidee Herheim nun im Programmheft erläutert: Eine Gruppe von Flüchtlingen findet einen verlassenen Flügel und entdeckt darüber den Mythos als gemeinschaftsstiftende Spielgrundlage. Es erklärt zumindest, warum das von Herheim gemeinsam mit Silke Bauer entworfene Bühnenbild fast ausschließlich aus Koffern besteht. Sie formen im Vordergrund ein Halbrund, das wie manches andere Zitat an den Walkürenfelsen in Patrice Chéreaus Bayreuther "Jahrhundert-Ring" erinnert. Die Sänger aber können so nur im Vordergrund rund um den Flügel agieren, was die Spielmöglichkeiten auch für die kommenden Abende absehbar einschränken dürfte. Dafür stehen die immer wieder auftauchenden Flüchtlinge im Hintergrund herum wie bestellt und von der Regie nie wirklich abgeholt.

Die einschneidendste Neuinterpretation dieser "Walküre" erlebt zweifellos der erste Akt: Bei Herheim sind Siegmund und Sieglinde von Beginn an ein Paar, weil er eine selbstbestimmte, bereits von allen Rücksichten auf die Ehe befreite Sieglinde zeigen will. Umso stärker gebunden ist sie dafür durch einen offenkundig schwer behinderten Sohn, den sie, dargestellt von einem peinsam überambitionierten Jungschauspieler, gemeinsam mit Hunding hat. Doch dass Sieglinde dieses Kind ermordet, um mit Siegmund zu fliehen, ruiniert nicht nur alle Sympathien für ihre Figur. Weil es für sie und Siegmund nichts mehr zu entdecken gibt, bleibt ihre Begegnung von Beginn an ohne jede Fallhöhe. Das gehört zu den Gründen, warum Lise Davidsen, seit ihrem Bayreuth-Debüt im vergangenen Jahr als größte Nachwuchshoffnung unter den Wagner-Sopranen gefeiert, ziemlich kalt lässt. Ihre Durchschlagskraft und ihre gleißende Höhe beeindrucken, ihre Interpretation aber bleibt ziemlich monoton.

Den Feuerzauber dürfte manches Schultheater überzeugender hinbekommen

Brandon Jovanovich als Siegmund bietet eine deutlich breitere Farbpalette zwischen Heldenmut und Liebesglut, kämpft aber mit einer unausgewogenen Linienführung und seltsamen Vokalfarben. Nina Stemme bleibt als Brünnhilde eine sichere Bank, vermag noch immer mit herrlich blühenden Farben für die mädchenhafte Jungwalküre aufzuwarten. John Lundgren fehlen für den Wotan die Bassfarben, dafür holzt er in der Höhe derart auf den Stimmbändern herum, dass ihm am Schluss die Kräfte verlassen. Ein überzeugendes Debüt gibt Annika Schlicht als Fricka, die ihren Göttergatten nicht nur mit dem Aplomb des echten dramatischen Mezzos, sondern auch mit ihrer durchdachten Textgestaltung an die Wand singt. Der Dirigent Donald Runnicles gibt den Sängern viel Raum, indem er den Klang klug staffelt und nur Forte spielen lässt, wo Forte steht. Die teils recht langsamen Tempi dürften Geschmackssache sein, sind aber dramaturgisch gut eingebettet.

Den Feuerzauber, bei dem Wotan erst den Lichtschalter an seinem Speer finden muss, bevor im Hintergrund weiße Tücher tanzen, dürfte manches Schultheater überzeugender hinkriegen. Vielleicht sollten die Theater die Corona-Auszeit nutzen, um darüber nachzudenken, ob der "Ring" nicht längst zu überinterpretiert ist, als dass sich mit ihm noch Sensation machen ließe.

© SZ vom 29.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite